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Vor 80 Jahren: Erich Maria Remarque verlegt seinen Wohnsitz in die Schweiz

Angefeindet, weil er den Nerv traf

Das Buch solle weder eine Anklage noch ein Bekenntnis sein: „Es soll nur den Versuch machen, über eine Generation zu berichten, die vom Kriege zerstört wurde – auch wenn sie seinen Granaten entkam.“

veröffentlicht am 26.03.2012 um 00:00 Uhr

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Das Werk selbst trug einen Titel, der zum geflügelten Wort aufstieg: „Im Westen nichts Neues“ – und es machte seinen Autor Erich Maria Remarque auf einen Schlag weltberühmt. Es soll mit einer Gesamtauflage von 20 Millionen nach der Bibel das meistgedruckte Werk der Welt sein, übersetzt wurde es in über 50 Sprachen. Remarque nutzt wie zur gleichen Zeit auch Hemingway das Wort von der „verlorenen Generation“; einer Generation, die im Weltbrand verheizt wird und, wenn sie ihn lebendig übersteht, im Frieden nicht mehr Fuß fassen kann, weil sie im Alter von 18 bis 20 Jahren viel zu viel Grausamkeit erlebt hat. Remarque beschreibt den Krieg aus der Froschperspektive des einfachen Soldaten, der sich in der Schule mit der gesamten Klasse freiwillig meldet und miterleben muss, wie in einem sinnlosen Blutvergießen alle Klassenkameraden fallen.

Es ist der sensationellste Bucherfolg seit Menschengedenken, Remarque trifft zehn Jahre nach dem Ende des Krieges den schmerzenden Nerv einer Generation, die mit traumatischen Kriegserlebnissen und Erfahrungen heimkehrt, und wird von allen angefeindet: von den rechten Lagern, die einen höheren Sinn in Stahlgewittern sehen, bis hin zu den Linken, denen die politisch-ökonomischen Kriegsursachen fehlen. Auch Remarque fand sein Buch unvollständig: „Militärische, strategische, politische, soziale, religiöse Gesichtspunkte bleiben außer Acht“, hatte Remarque im Gespräch mit Axel Eggebracht 1929 eingeräumt.

Mit steigenden Auflagen entwickelte sich eine Diskussion, die um den Autor und den Text kreiste. Die politische Rechte sah in dem Buch den Versuch, das Andenken des deutschen Frontsoldaten zu „beschmutzen“. Die politische Linke wertete es als „pazifistische Kriegspropaganda“, ohne dass die gesellschaftlichen Ursachen des Krieges im Buch geschildert würden.

Im Dezember 1930, als die Diskussion um das Buch bereits beendet ist, kommt die amerikanische Verfilmung in die Berliner Kinos. Für Joseph Goebbels, damals noch „Gauleiter“ von Berlin, ein willkommener Anlass, die Standfestigkeit der Weimarer Demokratie zu prüfen. Seine SA-Truppen stören die Aufführungen und pöbeln Besucher der Vorstellungen an – der maßgebliche Volkszorn bricht sich Bahn. „Im Westen nichts Neues“ wird wegen „Schädigung des deutschen Ansehens im Ausland“ verboten und später nur mit strengen Auflagen wieder freigegeben. Die Demokratie hat eine Niederlage erlitten, während die Nationalsozialisten und Goebbels ihren ersten großen, publikumswirksamen Sieg gegen die Weimarer Republik erringen. Es ist, wie sich rückblickend zeigen wird, der erste Schritt zur „Machtergreifung“. Danach geht es, was das Verhältnis Deutschlands zu Remarque angeht, sehr schnell: Im April 1932 wird ein Bankguthaben von 20 000 Reichsmark wegen Verdachts auf Verlegung des ständigen Wohnsitzes in die Niederlande und Devisenvergehens beschlagnahmt, Remarque verlegt seinen ständigen Wohnsitz nach Porto Ronco in die Schweiz. 1938 wird ihm die deutsche Staatsangehörigkeit aberkannt, 1947 nimmt er die amerikanische an. rnk



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