weather-image

Kannibalismus als einziger Weg, Flugzeugabsturz in den Anden zu überleben

Als Freunde zu Nahrung wurden

Vor 40 Jahren, am 22. Dezember 1972, fand ein chilenischer Hirte zwei völlig entkräftete junge Männer, die sich zehn Tage lang durch Eis und Schnee der Anden gequält hatten. Sie waren die letzte Hoffnung ihrer 14 Freunde, die sie an der Absturzstelle ihres Flugzeugs zurückgelassen hatten. Einen Tag später endete das 72-tägige Martyrium der Gruppe. Ihr Überleben wurde zum „Wunder der Anden“ erklärt. Doch sie kamen mit einem dunklen Geheimnis zurück in die Zivilisation.

veröffentlicht am 19.12.2012 um 10:07 Uhr
aktualisiert am 18.04.2013 um 10:20 Uhr

270_008_6046778_rue_uru.jpg
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Es waren überwiegend junge Männer, viele erst 18 oder 19 Jahre alt. Eine erfolgreiche Rugbymannschaft aus Uruguay, mit Angehörigen und Betreuern. Die ausgelassene Stimmung während des Flugs zu einem Freundschaftsspiel schlug schlagartig um, als die Maschine rapide an Höhe zu verlieren begann. Danach ging es Schlag auf Schlag. Der rechte Flügel streifte einen Berg, brach ab und zerfetzte dabei einen Teil des Hecks. Wenige Sekunden später fehlte auch der linke Flügel, und der Rumpf donnerte mit mehr als 300 Stundenkilometern in eine Schneebank. 17 der 45 Insassen starben beim Aufprall. Sie wurden im Schnee vergraben.

Die Ausweglosigkeit ihrer Situation wurde den Überlebenden erst nach und nach klar: 4000 Meter Höhe, 30 Grad Minus in der Nacht, kaum Nahrungsmittel und nur der Rumpf ihres Flugzeugs als Schutz vor der lebensfeindlichen Witterung. Für Menschen aus Uruguay, dessen höchster Berg lediglich 358 Meter misst und wo die Durchschnittstemperatur selbst im Winter bei 12 Grad liegt, der absolute Albtraum. Viele von ihnen überlebten ihn nicht. Doch es bestand Hoffnung auf Rettung: Der Pilot hatte kurz vor der Bruchlandung noch ihre Koordinaten durchgegeben.

Nach acht Tagen mussten die Überlebenden über ein Radio hören, dass die Suche nach ihnen abgebrochen wurde. Man hielt sie für tot. Die durchgegebenen Koordinaten waren falsch, ein Navigationsfehler war schuld. Die letzten Nahrungsmittel gingen zur Neige, am Ende wurden sogar Zahnpasta und Rasierwasser verzehrt.

Pflanzen oder Tiere gab es in der Einöde nicht. Doch unter der Schneedecke befanden sich die konservierten Körper der Toten. Wenn die Überlebenden heute darüber berichten, sprechen sie von der absoluten Verzweiflung. Doch um nicht zu verhungern, mussten sie die Toten essen.

Es war kein spontaner Entschluss, sondern rationale Überlegung, die zum Bruch mit dem Tabu führte. Da es sich bei den Leichen um Verwandte, Freunde oder zumindest Bekannte der Überlebenden handelte, weigerten sich viele am Anfang. Doch die ausweglose Situation und die schwindende Hoffnung auf Rettung ließen ihnen schlussendlich keine Wahl.

Am 13. Dezember war die Zahl der Überlebenden durch Lawinen, Verletzungen und Entkräftung auf 16 gesunken. Drei von ihnen starteten einen letzten verzweifelten Versuch, die Zivilisation zu erreichen. Einer kehrte nach drei Tagen um, damit den anderen beiden mehr Nahrung blieb. Zehn Tage brauchten sie zur Überquerung der Anden. Am 22. Dezember 1972 wurden sie schließlich von dem Hirten Sergio Catalán entdeckt. Er versorgte die beiden völlig entkräfteten Überlebenden und ritt zur nächsten Ortschaft, wo die Polizei die sofortige Rettung der 14 anderen Überlebenden organisierte.

Kurz darauf setzte ein Medienansturm auf die Überlebenden ein – das „Wunder der Anden“ war geboren. Doch die Frage, wie sie so lange ohne Nahrungsmittel überleben konnten, wollten sie nicht beantworten. Sie wollten es den Angehörigen erklären, bevor es über die Medien in die Welt getragen wurde. Nach einigen Tagen wurde der Tabubruch publik. Die Schlagzeile „Kannibalismus“ ging um die ganze Welt. jak



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt