weather-image
19°
×

Aber: War nicht neulich erst Silvester?

Alle Uhren auf Null

Kiste runter, Kiste rauf, Kiste runter. Nun soll sie schon bald wieder auf den Dachboden. Die Zeit dazwischen: immer kürzer. Ich glaube, ich mache das nicht mehr mit. Vielleicht lasse ich die Weihnachtskiste mit all dem Kerzen-, Kugel- und Krippenkram diesmal einfach unten. Die paar Tage, in denen so ein Jahr vergeht – da stört sie im Wohnzimmer doch kaum. Wir sind zwischendurch ja auch öfter nicht mal zu Hause. Wie neulich noch – in den Sommerferien.

veröffentlicht am 28.12.2019 um 10:00 Uhr

Frank Henke

Autor

Reporter zur Autorenseite

Ja, ja, Sie kennen das: Tempus fugit, die Zeit rast. Aber natürlich nicht dann, wenn wir’s gerne hätten. In den Wartezimmern von Fachärzten zum Beispiel. Ich habe mal von jemandem gehört, der einen kannte, der wen in der Nachbarschaft hatte, der sich ziemlich sicher war, dass er mal gesehen hat, wie die Uhr im Wartezimmer eines Hals-Nasen-Ohrenarztes rückwärts lief. Vielleicht musste er zu dieser Zeit aber auch nur besonders starke Schmerzmittel nehmen.

Auffallend langsam vergeht die Zeit natürlich auch auf Bahnsteigen, zumal die Bahn dort großzügig Wartezeit nachlegt. Die Ankunft des nächsten Zuges – wohl nicht in diesem Leben. Beim Fußball hingegen passen gefühlte Dekaden zwischen einen glücklichen Führungstreffer in der 78. Minute und den ersehnten Abpfiff. Wie viel Geld habe ich schon für Eintrittskarten zu Fußballspielen ausgegeben, während derer ich mitunter komplette Halbzeiten lang gewünscht habe, sie mögen doch verdammt noch mal endlich vorbei sein? Aber das sagt vielleicht mehr über das launische Wesen des Fußballs als über das der Zeit.

Trotzdem bin ich mir sicher: Irgendwo dort – auf Bahnsteigen, in Wartezimmern, in öden Mathestunden, vielleicht auch auf Stadiontribünen – muss der Schlüssel zur Erfindung der Zeitreise liegen. Es hat nur noch niemand die Zeit gefunden (ha!), gründlich danach zu suchen.

Und vielleicht ist es wenigstens ein Zeichen dafür, dass wir angenehm wenig Zeit zum Beispiel in Wartezimmern oder im Matheunterricht verbringen, wenn wir mal wieder den Eindruck haben, die Monate rasten nur so dahin.

Doch dass uns die Zeit regelmäßig – nein, abgedroschener wird’s heute nicht mehr – wie Sand durch die Finger rinnt, wussten Menschen schon immer. Deshalb haben sie schließlich all dies wunderbar strukturierende Gedöns erfunden: Silvester, Weihnachten, Geburtstage, Monate, Wochentage – Sie dürfen die Reihe gerne fortsetzen. Auf dass der nächste Montag besser werden kann als der letzte – Montage gibt’s schließlich immer wieder. Bis ans Ende der Zeit. Und auf dass der 45. Geburtstag ein Zwillingsbruder des 40. werde. Die fünf Jahre dazwischen: ein Nichts.

Wenn sich dieser Tage also wieder jemand im Genörgel darüber gefällt, dass dieser Silvesterquatsch doch jedes Jahr der Gleiche sei, dann antworten wir: Genau so soll es sein. So machen wir uns nämlich alle gemeinsam auf leicht beschwipste Art vor, dass die Zeit eigentlich gar nicht unaufhaltsam dahinplätschert. Es ist ein großer Kreislauf: Wir bekommen alle zwölf Monate eine fabrikfrische Neuauflage vorgesetzt, eine nagelneue Chance gewährt. Wieder „Dinner for One“, Sektchen-Kling und gute Wünsche also. Und vor allem: wieder die Uhr auf null, Reset, Neustart. Kommen Sie gut rüber!



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2020
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt