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Warum wir aufhören sollten, uns zu ignorieren

Aber hallo!

Das Alter macht konservativ, heißt es. Sicher bin ich mir da nicht. Mitte 40 ist zumindest nicht mehr im klassischen Sinne jung, heißt es. Nun ja. Ich jedenfalls bin Mitte 40 und – durchaus konservativ – nehme ich Anstoß an den Umgangsformen anderer Leute. Oder eigentlich nur an einer, das aber immer wieder: am Nicht-Grüßen.

veröffentlicht am 20.10.2018 um 08:22 Uhr

Illustration: cn
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite

Schon ein paar Jahre ist es her, dass ich mit meinem damals noch ziemlich kleinen Sohn in Hameln aus dem Auto stieg. Eine ältere Frau kam uns sogleich auf dem Bürgersteig entgegen. Mein Sohn, ein höfliches Kind vom Dorf, sagte: „Hallo.“ Die Frau antwortete: nichts. Mein Sohn verlor kurz die Fassung: „Papa, warum sagt die nicht Hallo?!“

Nun – es gibt Kinderfragen (und das sind nicht die schlechtesten), die müssen ohne vernünftige Antwort bleiben. Klar, eine Mutmaßung konnte ich liefern: In einer Stadt wie Hameln, da seien nun mal schrecklich viele Leute unterwegs, da grüße halt nicht mehr jeder jeden. Es werde den Städtern wohl einfach zu viel.

Keine wirklich überzeugende Begründung. Zumal wir so ganz allein auf dem Bürgersteig waren: mein Sohn, ich und diese ältere Frau, die ich aufgrund ihrer Grüßmuffeligkeit nicht Dame nennen mag.

Nun gibt es sicherlich ab und an Gründe, nicht zu grüßen: schwere Kurzatmigkeit vielleicht. Tiefe Trauer um den verstorbenen Hamster. Oder einfach nur ein akuter Anfall von Weltschmerz. Doch für ein stummes Nicken würde es eigentlich sogar dann noch reichen. Anders verhält es sich – zugegeben – bei schlichter Antipathie, aber die tritt so oft ja gar nicht auf. Zumindest nicht bei einander Unbekannten.

So richtig schlimm wird das Nicht-Grüßen dann auch erst durch die absurden Laienspiele, die aufgeführt werden, um den anderen – den Unübersehbaren, aber nicht Grußwürdigen – zu ignorieren. Fälle von offenbar krankhafter Sichtfeldverengung manifestieren sich in sturem Geradeausstarren. Eine gründliche Inspektion des Pflasters (sind die Fugen wirklich unkrautfrei?) ist plötzlich unaufschiebbar. Manchmal künden gar dringend erwartete Handy-Nachrichten – unhörbar, unspürbar, unsichtbar – von ihrem Eintreffen. Eine andere Möglichkeit ist natürlich die Verweigerung jeglicher Schauspielerei: der dumpfe wortlose Kuhblick mitten ins Gesicht eines freundlich Grüßenden. Das sieht dann auch nicht schön aus.

Im Dorf, das weiß nicht nur mein Sohn, wird weit häufiger gegrüßt als in der Stadt. Schließlich kennt man sich. Und so lautet hierzulande das eherne Gesetz: Ich muss (sic!) grüßen, wen ich kenne. Wen ich nicht kenne, den kann ich ignorieren: Mein Hund kläfft dich an, aber ich sehe dich nicht, Fremder. So ziehen wir aneinander vorbei, als bewegten wir uns in unterschiedlichen Dimensionen.

Ich will nun nicht moralischer klingen als nötig (Zwischenruf: Zu spät!), aber ich denke, das ist grundlegend falsch. So herumzulaufen und – mit all dem albernen Aufwand – so zu tun, als wären wir allein auf der Welt. Das sind wir nicht. Und das ist sogar gut so. Der Mensch ist ein soziales Lebewesen. Bleiben wir allein, verlernen wir das Sprechen, bekommen zottelige Bärte und riechen auch schon bald nicht mehr ansprechend – ich habe da mal so was im Fernsehen gesehen.

Also sollten wir uns und anderen sicherheitshalber auch gar nicht erst vormachen, dort wäre sonst niemand – auf dem Planeten oder zumindest auf dem Bürgersteig, dem Waldweg oder im Treppenhaus. Wenn wir uns dort begegnen, können wir doch einfach mal „Hallo“ sagen. Oder „Guten Tag“, „Moin“, „N’Abend“ – wie’s gerade passt. Freundliches Nicken oder ein schlichtes Lächeln tun’s oft auch schon.

Anderswo wird das offenbar praktiziert. In den USA zum Beispiel. Oder kürzlich war ich in den Niederlanden unterwegs. Sogar in der Großstadt. Ich kannte niemanden, niemand kannte mich. Und doch wurde ich angelächelt. Sogar ein „Hallo“ gab’s gelegentlich. „Liegt bestimmt am Kind“, dachte ich, als wir mit dem Kind unterwegs waren. „Liegt bestimmt am Hund“, dachte ich, unterwegs mit dem Hund. Als ich morgens allein laufen ging, wurde es eindeutig: „Liegt an den Holländern.“ Wie freundlich!

Und apropos laufen: Wenn sich in unserem Nachbarland – so habe ich es zumindest erlebt – zwei Läufer auf der Morgenrunde begegnen, heben sie oft nicht nur grüßend die Hand, wie es im Optimalfall auch bei uns passiert. Sie zeigen sich gegenseitig den erhobenen Daumen. Sie bestätigen sich kurz: Wir beide machen das gut! Daumen hoch, Holland, und natürlich: schöne Grüße!



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