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Schöner zuhören ohne Verlegenheitslaute

Ääähm, öhm, œh – nä?!

Dieser Text könnte mein Verderben sein: Wer ihn liest, wird künftig darauf lauern, dass ich live patze. Das Risiko gehe ich ein, bedanken Sie sich bei meinem alten Schulfreund, der mir damals denselben Schlamassel eingebrockt hat, den ich Ihnen jetzt einbrocke. Richtig ärgerlich war an der ganzen Sache, dass er es mir kurz vorm mündlichen Abi gesteckt hat. Für ihn kein großes Ding, für mich als Gern- und Vielrednerin mehr so aus der Kategorie Zunge ab. Seine Worte waren: „Du sagst ständig ,halt‘.“

veröffentlicht am 25.05.2019 um 07:00 Uhr

Illustration: cn
Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite

Im Sinne von: das ist halt so, das soll halt anders sein, guck halt genau hin, dann machen wir das halt so, musst du halt anders machen, und so weiter. Kaum war der Hinweis von der Leine gelassen, verlor ich die Fähigkeit, Sätze, egal wie simpel, ohne Unterbrechung auszusprechen. Jedes „halt“, das das Gehirn produzierte (viele!), musste erst vom Bewusstsein, dann von der Zunge unterdrückt werden – was erschreckend viel Kapazität belegte. An die Stellen, die für das ,halt‘ vorgesehen waren, trat jetzt: ………

Richtig: nichts. Eine Sprechpause, eine gequälte, eine, die mich wie ein Schwachkopf dastehen ließ, der nicht wusste, wie sein eigener Satz weitergehen sollte. Die Lücken, die sich auftaten, dieses Tal zwischen den Worten, habe ich zunächst mit peinlichem Lachen, verkniffener Mimik, hohlem Blick und anderen körperlichen Aussetzern überbrückt. Mit der Zeit kamen die Worte zurück, die Pausen dazwischen wurden kleiner und selbstständig, die Sätze weniger gestammelt und am Ende wieder verständlich. Glaub’ ich. Abi habe ich jedenfalls.

Irgendwie ging das Leben (halt) weiter – womit wir beim nächsten Verlegenheitslaut sind, dem eine Freundin in nahezu jedem Satz ein Plätzchen einräumte. Sie hat viel Intelligentes zu sagen, was irgendwie leider vom Irgendwie immer irgendwie zerstört wurde. Sag’s ihr! Schweig! Sag’s! O.k., ich sag’s – weil sie (halt) meine Freundin ist. Weder war sie sauer noch eingeschüchtert, sondern (irgendwie) ganz froh. Innerhalb kürzester Zeit verbannte sie das Irgendwie (ziemlich souverän ohne peinliche flankierende Maßnahmen) und klingt jetzt: noch viel schlauer. Daher wage ich dieses Plädoyer – eines für Lücken, für Pausen. Ich bin für das Nichts, durch das das Etwas erst entstehen kann! Pause. Pause. Pause. Traut euch mal nichts, dort, wo ohnehin kein Inhalt ist. Pause. (Wer eine Sprechstörung hat oder Tourette, ist ausgenommen.) 

Die Top-Kandidaten der unnötigen Laute treten oft als hochgradig nervige Zwillinge auf: ähm und äh. Sie zersetzen Gespräche, zerstören Reden, Referate, lassen ein gebanntes Zuhören unmöglich werden, egal, wie spannend der Inhalt sein könnte. Ihre Verwandten äääh und ääähm schaffen das in noch kürzerer Zeit. Besonders am Satzanfang signalisieren sie „Inhalt wird geladen“ – Zuhören lohnt also noch nicht. Beliebt ist auch, wofür es im Deutschen nicht einmal Buchstaben gibt: nœ. Nœ hängt sich ans Ende von Sätzen, wo zuvor schon alles gesagt war, nœ?! Auf dass der Inhalt des Satzes mithilfe des nasalen Tons mehr Gewicht erhält. Oder dem Gesagten deswegen zugestimmt wird, nœ?!.

Ich bin für Luft. Für Lücken, für Sätze ohne Ähms, Öhs, Ähs – (wieso sagt eigentlich keiner Ühm?) – und so. Stellen wir uns nur mal die legendäre Rede von Martin Luther King vor: „I have … ähm … a dream.“ Oder „Cogito … œh … ergo sum.“

Nehmen wir zur Veranschaulichung auch die Musik mit den winzigen, aber wichtigen Zeichen in einem Stück, den Achtel-, Viertel-, den halben Pausen bis hin zu den ganzen. Wie klängen die Meisterwerke, wenn statt der Pausen jedes Mal ein Triangel-Pling oder ein Pauken-Bumm erklänge, dort, wo der Komponist: Stille hören will. „Für die Musiker sind sie oft ein Angstmoment, für Komponisten ein Mittel, um Spannung zu erzeugen“, erklärt ein Journalist des Deutschlandfunks. Aus Angst ein Äh? Dagegen. Bei echter Angst, also wenn jemand vom Löwen verfolgt wird oder so, lasse ich „Aaaaaah!“ gelten oder meinetwegen auch ein ehrliches „Scheiße!“ In gesprochenen Sätzen aber bin ich für ein kurzes, tiefes Einatmen, Luft anhalten, Ausatmen. Weiter.

Vieles ist mit Lücken schöner, ohne Frage: Wolkendecken, Emmentaler, Wohngebiete, Lebensläufe… Dagegen Lücken-Füller zu sein, war schon immer ein undankbarer Job (außer man ist eine Keramik- oder Goldfüllung): Zwischen der einen und der anderen guten Beziehung, zum Beispiel, oder diese Jugendzimmer-Strahler, die nur kurz als Provisorium an der neuen Wohnzimmerdecke hängen sollten –  dran gewöhnt, nie geliebt. Zugegeben, an anderer Stelle sind Lücken weniger sexy: Haare, Rasen, Gedächtnis, Ermittlungen… Ähm…, jetzt weiß ich nicht mehr, was ich noch sagen wollte. Aber is‘ angekommen, nä?



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