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„Keine Presse, keine Polizei“

29. November 1971: Theo Albrecht wird entführt

Die schmucklose Hauptverwaltung der Supermarktkette Albrecht in Herten, Kreis Recklinghausen. Die Zeit: gegen 19 Uhr. Als das anvisierte Opfer das Haus verlässt, denken die beiden Täter an einem Irrtum: Das soll Theo Albrecht sein? Einer der reichsten Männer der Welt? Und dann trägt er so einen schlechten Anzug? Sieht so der Besitzer einer großen Ladenkette aus? Kann das sein? Die beiden Entführer Hans Joachim Ollenburg und Paul Kron lassen sich vor dem damaligen Konzernhauptsitz in Herten seinen Personalausweis zeigen, erst dann sind sie sic her: Ja, das ist Theo Albrecht. Er wird überwältigt und weggefahren.

veröffentlicht am 28.11.2016 um 22:00 Uhr

Theo Albrecht spricht rund 24 Stunden nach seiner Freilassung im von einem Fenster seiner Villa in Essen-Bredeney zu Journalisten. foto: dpa
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Auf die Entführung sind sie durch ein Buch gekommen, „Die Reichen und Superreichen in Deutschland“. Eigentlich wollten sie Theos älteren Bruder Karl Albrecht entführen, aber der ist gesundheitlich angeschlagen, daher wählen sie Theo als Opfer aus.

Wenige Stunden später, kurz nach Mitternacht, klingelt in Essen bei Familie Albrecht das Telefon: „Wir haben Ihren Mann entführt. Keine Polizei, keine Presse. Sie hören von uns.“

Die Drohung wirkt, erst nach zwei Tagen schaltet die Familie die Polizei ein. Im Essener Polizeipräsidium wird eine 70 Mann starke Ermittlungskommission ins Leben gerufen. Alle Beamte haben etwas gemeinsam: Niemand hat Erfahrung mit Entführungsfällen, noch nie hat es einen vergleichbaren Fall in Deutschland gegeben. Die Kidnapper fordern sieben Millionen D-Mark.

In zähen Verhandlungen kann sich die Familie Albrecht mit den Entführern über einen Modus der Übergabe einigen, die Polizei hält sich auf Weisung der Familie Albrecht im Hintergrund. Die Verhandlungen mit den Entführern führt Karl Albrecht. Bei der Übergabe des Geldes ist die Polizei draußen vor, zu groß ist in der Familie die Sorge um das Entführungsopfer. Ruhrbischof Franz Hengsbach übergibt den Entführern das Geld und im Austausch kommt Theo Albrecht nach 17 Tagen frei. Der öffentlichkeitsscheue Albrecht tritt kurz darauf zum ersten und letzten Mal vor die Presse: „Also, ich bin gesund. Ich bin natürlich sehr, sehr müde. Es hat mich ziemlich strapaziert.“

Die beiden Entführer sind schnell ermittelt, es sind Dilettanten. Die aufgezeichneten Stimmen der Entführer werden übers Radio verbreitet. Bei der Essener Kripo meldet sich darauf hin ein Elektrohändler, der glaubt, Paul Kron erkannt zu haben: Der hatte erst am Vortag mit zwei 500 D-Mark-Scheinen seine Schulden im Laden beglichen. Schnell zeigt sich: Die Scheine stammen aus dem Lösegeld. Kron ist wegen mehrerer Einbrüche vorbestraft und in einschlägigen Kreisen bekannt unter dem Namen „Diamanten-Paul“. Noch am gleichen Tag wird er verhaftet. Als sein Komplize entpuppt sich sein ehemaliger Rechtsanwalt Heinz-Joachim Ollenburg. Der Düsseldorfer Anwalt mit gefälschtem Abitur war mittlerweile nach Mexiko geflohen, doch die mexikanische Polizei greift ihn auf und schiebt ihn nach Deutschland ab.

Keinen Monat später, im Januar 1972, wird dem Duo der Prozess gemacht. Die Staatsanwaltschaft fordert zwölf Jahre, Kron und Ollenburg werden zu je achteinhalb Jahren Freiheitsentzug verurteilt. Albrecht bekommt nur einen Teil seines Geldes zurück, denn Kron behauptet, mit Ausnahme weniger Scheine gar nichts von dem Lösegeld gesehen zu haben.

Ollenburg hingegen besteht darauf, die Summe geteilt zu haben. Freiwillig gibt er eine Hälfte zurück. Die anderen 3,5 Millionen Mark sind bis heute nicht aufgetaucht.

Und Theo Albrecht? Er klagt 1979 vor dem Finanzgericht Münster, das Lösegeld soll als Betriebsausgabe gewertet werden. Doch die Richter erklären die Entführung zur Privatsache, sodass lediglich das unauffindbare Lösegeld als außergewöhnliche Belastung bei der Einkommensteuererklärung ausgewiesen werden konnte.



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