weather-image
12°
Alles so schön bunt hier

25. August 1967: Startschuss für das Farbfernsehen

Die Ära der bunten Bilder beginnt mit einen klassischen Fehlstart: Vizekanzler Willy Brandt soll auf der Internationalen Funkaustellung in Berlin den Startschuss für das neue Farbfernsehen geben, doch als der Politiker den berühmten Knopf drückt, da flimmern die Bilder auf den westdeutschen Fernsehern bereits bunt. Denn der Knopf ist nur eine Attrappe, ein Fernsehtechniker hat den Wechsel vollzogen, außerdem hat Brandt noch ein bisschen gezögert. Am Abend flimmert über die Fernsehgeräte die erste farbige Fernsehshow, Vico Torriani begrüßt im ZDF aus der Berliner Deutschlandhalle zum „Goldenen Schuss“.

veröffentlicht am 25.08.2017 um 07:00 Uhr

Mit dem symbolischen Knopfdruck begann vor 50 Jahren die farbige Fernsehwelt in deutschen Wohnstuben. Foto: dpa
4301_1_orggross_f-westermann

Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Ein großer Aufreger ist die Panne nicht, denn kaum einer hat sie mitbekommen. Als das Fernsehen 1967 ins Farbenzeitalter aufbricht, gibt es gerade mal 6000 Buntbildschirme in den deutschen Haushalten. Aber auch wenn die neue Farbpracht zu Beginn noch ziemlich grell ausfällt, sehen von einem Tag auf den anderen die rund 13 Millionen Schwarz-Weiß-Fernseherfortan ziemlich alt aus. Die Bundesrepublik Deutschland ist an diesem Tag das vierte Land der Welt, das Bilder in Farbe empfangen kann – nach den USA, Kanada und Japan.

Die Testphase hat Jahre gedauert, und sie hat Millionen verschlungen; über 200 Millionen Mark haben Rundfunkanstalten, Bundespost und Geräteindustrie investiert. Aber noch zehn Jahre nach Einführung des Farbfernsehens können gerade die Hälfte aller Haushalte in Farbe sehen, erst nach 20 Jahren wird die 90-Prozent-Marke überschritten. In der DDR dauert es übrigens zwei Jahre länger, bis die Bilder farbig werden, aber dort ist auch die schwarz-weiße Welt auf westdeutschen Sendern noch immer bunt genug.

Drastischer als die Sehgewohnheiten der Zuschauer verändert das Farbfernsehen die Arbeit von Kameraleuten und Bühnenbauern, Kostüm- und Maskenbildner. Weiß vor der Kamera ist plötzlich tabu, reflektierendes Glas oder Metall darf nicht mehr ins Bild, Farben müssen aufeinander abgestimmt werden. Völlig neue Schminke muss entwickelt werden, die der Mordshitze standhält. Trotzdem dürfen die Farbjongleure nicht die übergroße Mehrheit ihrer Schwarz-weiß-Seher aus den Augen verlieren. Die brauchen, etwa bei Fußball-Trikots, weiterhin starke Kontraste, damit das schwarz-weiße Bild nicht Einheits-Grau wiedergibt.

270_0900_72990_Logo_Vergilbt.jpg

Das Farbfernsehen wird auf dem Höhepunkt des deutschen Wirtschaftswunders eingeführt, das noch bis etwa 1973 anhalten wird. Fleiß und Bildung gelten als entscheidend auf dem Weg nach oben, aber zugleich lässt die Massenproduktion die Löhne steigen und die Preise fallen. Auch der berühmte einfache Arbeiter kann sich jetzt etwas leisten, eine Waschmaschine, einen Fernseher, einen Urlaub im weit entfernten Italien. Es ist eine Gesellschaft des sozialen Aufstiegs.

Die Farbinnovation spielt vor allem dem ZDF in die Hände. Denn das zweite Fernsehprogramm ist bislang nur in 43 Prozent aller bundesdeutschen Haushalte empfangbar: Ältere Geräte benötigen einen Adapter, um die ZDF-Frequenz verarbeiten zu können, vielen jüngeren Apparaten fehlt eine Programmtaste für das Zweite: Wer umschalten will, muss immer wieder aufs Neue mit einem Drehknopf die ZDF-Frequenz suchen; und wer will das schon?

Aber mit dem Farbfernsehen planen die Gerätebauer jetzt weit, sehr weit in die Zukunft: Sechs Programmtasten werden Ende der sechziger Jahre Standard.

Einfluss auf das Freizeitleben der Bundesdeutschen hat das Farbfernsehen zuerst nicht. Wie denn auch, ist das Programm-Angebot anfangs recht klamm und überschaubar: In jeder Woche werden insgesamt acht Stunden Farb-TV ausgestrahlt, vier Stunden von der ARD, vier vom ZDF. Und eine Stunde davon ist bei jedem Sender fürs Werbefernsehen vorgesehen. Farbe kommt vor allem durch US-Serien auf den Bildschirm: Die erste Serie, die komplett in Farbe gezeigt wurde, war „Pistolen und Petticoats“, die ab 1967 ein Jahr im ZDF gezeigt wurde. Fast 40 Millionen schauen bei der ersten Episode zu – die Meisten natürlich vor Schwarz-Weiß-Geräten.

Es folgt „Bonanza“. Auch die Ponderosa-Serie läuft im ZDF und wird dort ein riesiger Erfolg. Übrigens war „Bonanza“ bereits Anfang der 60er schwarz-weiß in der ARD zu sehen. Dort wurde sie aber nach 13 Folgen eingestellt – wegen „zu großer Brutalität“.

Dem Farbfernseher selbst gelingt erst mit der Fußballweltmeisterschaft 1974 im eigenen Land endgültig der Sprung zum Massenartikel: Anfang der 70er Jahre werden jährlich bis zu 1,4 Millionen Farbfernsehgeräte verkauft. Und bei der WM gewinnt Deutschland seinen zweiten Titel.

Nur blöd, dass die deutsche Fußball-Nationalmannschaft immer noch in schwarz-weiß spielt.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2018
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Anzeige

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Kommentare

    Kontakt

    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt