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18. September 1987: Barschels „Ehrenwort“ zur Bespitzelungsaffäre

Der damalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein Uwe Barschel (CDU) weist bei einer Pressekonferenz in Kiel am 18. September 1987 mit einem „Ehrenwort“ alle Beschuldigungen in Zusammenhang mit der Bespitzelung des ehemaligen Oppositionsführers Engholm zurück. Das „Waterkantgate“ von 1987 um Ministerpräsident Barschel und Referent Pfeiffer steht vor einem traurigen Jubiläum. Manche Rätsel bleiben wohl ewig ungelöst.

veröffentlicht am 17.09.2017 um 23:00 Uhr

In einer aufsehenerregenden Pressekonferenz am 18. September 1987 weist Barschel alle Vorwürfe zurück. Foto: Werner Baum/dpa
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Autor

Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Der Vater kommt aus dem Krieg nicht heim, die Mutter ist Näherin, er selbst wächst bei den Großeltern auf. Schon in der Schule gilt er als sehr ehrgeizig und karrierebewusst, 1971 schließt er mit 27 Jahren das Studium als Volljurist ab. Auch die politische Karriere kennt nur eine Richtung: aufwärts. 1971 wird er Mitglied des Landtages von Schleswig-Holstein, 1979 Finanzminister, dann Innenminister und 1982 Ministerpräsident, mit gerade einmal 39 Jahren: Uwe Barschel lebt ein Leben auf der Überholspur. Bei der Landtagswahl ein Jahr später landet die CDU bei 49 Prozent und kann die absolute Mandatsmehrheit verteidigen.

Für den Landtagswahlkampf 1987 wählt die SPD Björn Engholm zu ihrem Spitzenkandidaten, einen jungen, charismatischen und volkstümlichen ehemaligen Bundesminister. Am 31. Mai 1987, kurz vor Beginn des Wahlkampfs, stürzt ein Flugzeug mit Barschel ab. Der Politiker ist der einzige Überlebende, zwei Monate fällt er aus. CDU und Barschel haben Angst vor einer Wahlniederlage und dem Verlust der Macht, der Wahlkampf wird mit ungewöhnlicher Härte geführt, Engholm wird persönlich angegriffen. Unterstützung erhält Barschel durch den Journalisten Reiner Pfeiffer vom Axel Springer Verlag, der für die Medienbeobachtung zuständig ist.

Acht Tage vor der Wahl berichtet das Magazin „Spiegel“, dass Engholm im Auftrag von Pfeiffer von Detektiven beschattet worden und dass gegen ihn eine anonyme Steueranzeige erstattet worden sei.

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Eine Woche später, einen Tag vor der Wahl, legt das Magazin nach: Barschel soll Pfeiffer beauftragt haben, eine Abhörwanze zu besorgen und in Barschels Telefon einbauen zu lassen. Diese Wanze habe dann auf spektakuläre Weise scheinbar entdeckt werden sollen; ihr Einbau habe dann der SPD angelastet werden sollen.

Die Wahl am 13. September 1987 ergibt ein Patt: CDU und FDP erhalten im Landtag zusammen genauso viele Sitze wie SPD und SSW zusammen.

Die Luft wird dünner für Barschel, er tritt die Flucht nach vorn an. In einer aufsehenerregenden Pressekonferenz am 18. September 1987 weist er alle Vorwürfe zurück: Er gibt sein Ehrenwort, dass die gegen ihn erhobenen Vorwürfe haltlos sind.

Barschel sieht sich nun auf der nationalen Anklagebank, verlassen von seinen Parteifreunden und Getreuen, alle Welt scheint von seiner Schuld überzeugt. Der strahlende Sieger von einst ist nur noch ein einsamer Verfolgter.

Zu halten ist er nicht mehr: Am 25. September 1987 erklärt er, dass er zum 2. Oktober 1987 vom Amt des Ministerpräsidenten zurücktreten wird. Barschel soll vor dem Untersuchungsausschuss aussagen, aber dann, einen Tag zuvor, kommt plötzlich die elektrisierende Nachricht: Barschel ist tot, zunächst ist sogar von Schüssen die Rede, doch er wird im Hotel Beau-Rivage in Genf unter nicht vollständig geklärten Umständen tot in der Badewanne seines Zimmers aufgefunden. Er stirbt an einer Medikamentenvergiftung.

Nach eigenen Angaben und nach den Notizen wollte Barschel in Genf vermutlich mit einem Zeugen zusammentreffen, der möglicherweise Aufschluss darüber geben konnte, dass der Politiker Opfer einer Intrige geworden sei.

Die Spekulationen schießen ins Kraut und sind bis heute nicht verstummt, für Verschwörungstheoretiker ist der Tod des Kielers eine wahre Fundgrube: War es die Stasi? Die CIA? Der Mossad? Der BND? Waffenschieber? Andere Unbekannte? Oder beging der CDU-Mann Selbstmord? Und, wenn ja, war er allein oder beging er einen begleiteten Selbstmord, der in der Schweiz erlaubt ist? Die Zusammensetzung der in seinem Körper gefundenen Medikamente entspricht ziemlich genau dem, was Sterbehilfeorganisationen für die Selbsttötung empfehlen.

Im Frühjahr des nächsten Jahres gewinnt die SPD die Neuwahlen, 54,8 Prozent Stimmen, ein Zuwachs von 9,6 Prozentpunkten, absolute Mehrheit. Engholm wird Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein und neuer Superstar der SPD: Er wird Bundesvorsitzender und designierter Kanzlerkandidat.

1993 holt den vorgeblichen Saubermann die Barschel-Affäre ein: Engholm hatte vor einem Untersuchungsausschuss erklärt, vor der Landtagswahl 1987 nichts von den Bespitzelungen Pfeiffers gewusst zu haben. Eine Lüge, wie nun herauskommt, Engholm tritt von allen Ämtern zurück, seine Karriere ist beendet.

Ein zweiter Untersuchungsausschuss stellt später fest, dass eine Verstrickung des Ex-CDU-Ministerpräsidenten nicht zu beweisen ist: Es sei nicht nachweisbar, dass Uwe Barschel selbst von den Aktivitäten seines Referenten wusste, sie billigte oder gar initiierte. Er habe jedoch zu seiner Verteidigung Mitarbeiter zu falschen, auch eidesstattlichen, Aussagen gedrängt.

Am 17. Februar 2016 schafft es Barschel noch einmal in die Schlagzeilen: Der Rechtsmediziner, der nach dem Tod dessen Leichnam untersucht hat, spricht erstmals öffentlich zu dem Fall. „Es war Suizid“, sagt Werner Janssen der Wochenzeitung „Die Zeit“: Für eine andere Annahme gab es keine Anhaltspunkte.“



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