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„Gut, dass ich das los bin!“

18. Juli 1917: Sachsen-Coburg-Gotha wird Windsor

Die Meldung in der Times steht auf Seite sechs, es gibt schließlich wichtigere Themen an diesem 18. Juli 1917, etwa über Raumgewinne der französischen Armee in Verdun, oder die Mobilisierung der amerikanischen Nationalgarde, schließlich tobt der Weltkrieg. Auf Seite sechs also ist eine Proklamation zu lesen, und sie stammt vom König Georg V. lässt die geneigte Leserschaft wissen, dass alle Mitglieder der englischen Königsfamilie fortan den Titel Windsor tragen und auf sämtliche deutsche Ehren, Titel und Anreden verzichten würden.

veröffentlicht am 16.07.2017 um 15:00 Uhr

König Georg V. fegt die Deutschen Titel seiner Familie weg. Das Bild wurde gemacht, nachdem der König beschlossen hatte, alle Deutschen Titel abzuschaffen und sein Haus von Sachsen-Coburg-Gotha in Windsor umzubenennen. Foto: wikipedia
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Der Hintergrund ist ein recht profaner: Mit der Umbenennung will das Königshaus von Sachsen-Coburg-Gotha einen Makel vertuschen: Es ist deutscher Herkunft. Denn die Geschichte der englischen Herrscher ist lange, lange Zeit eine von Wirren und Zufällen. Die Stuarts halten sich bis 1688 an der Macht. Dann ruft der englische Hochadel den Prinzen Wilhelm von Nassau-Oranien, einen Deutschen, ins Land Er besteigt als William III. Englands Thron. Und er stirbt ohne Erbe, daher folgt ihm seine Schwägerin, Anne, nach. Als sie mit 49 Jahren ebenfalls kinderlos stirbt, ist die königliche Personaldecke dünn geworden, Revolutionen und Staatsstreiche fordern halt zuweilen auch königliche Opfer.

Man muss sich daher außerhalb der Insel umschauen. Fündig wird man beim deutschen Hochadel. Der Braunschweiger Kurfürst Georg Ludwig von Hannover besteigt 1714 den Thron von Großbritannien. Seither regiert die Dynastie Hannover von London aus. Doch 1837 ist es mit dem männlichen Nachwuchs vorbei. Jetzt erklimmt eine Frau den Thron, die bei ihrer Geburt auf dem fünften Platz und damit weitab von der Thronfolge steht, doch das launische Schicksal spült sie nach vorn: Es ist Viktoria von Hannover, die spätere Queen Victoria, die ein ganzes Zeitalter prägen wird. Sie vermählt sich 1840 mit dem Prinzen Albert von Sachsen-Coburg-Gotha. Damals ist es üblich, die Dynastie nach dem Ehemann zu benennen: Ab 1840 wird Großbritannien von der Dynastie Sachsen-Coburg-Gotha regiert. Mit Viktoria und Albert beginnt eine neue Zeitrechnung. In ihren 22 Ehejahren werden ihnen neun Kinder geschenkt, sie leben ein biederes, fast bürgerliches Leben, während das Land seinen Höhepunkt erreicht: Großbritannien ist eine unangefochtene Weltmacht.

Doch Anfang des 20. Jahrhunderts wird Deutschland unter seinem Kaiser Wilhelm II. zum ernsthaften Konkurrenten. Auch wenn man verwandt ist, so steuern die Cousins Wilhelm II. und King George V. auf den Ersten Weltkrieg zu und werden dabei ihre familiären Bande zerschlagen. Denn als 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht, entwickelte sich auf der Insel eine anti-deutsche Stimmung. George V., der das Nationalgefühl seines britischen Volkes teilt, gibt daher 1917 alle seine deutschen Titel auf und änderte den Nachnamen der Familie in Windsor. Der Name leitet sich von Windsor Castle ab, dem Palast, in dem die Königsfamilie gerne seine Zeit verbringt, zudem ist es das größte und älteste durchgängig bewohnte Schloss der Welt. „Gut, dass ich das los bin!“ ätzt die britische Satire-Zeitschrift „Punch“ am 27. Juni 1917 und zeigt George V., wie er alle deutschen Familientitel entsorgt und sich fortan „Windsor“ nennt.

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Georg V. erhält durch seine eindeutige Parteinahme gegen das Deutsche Reich endlich die so schmerzlich vermisste Popularität. Und Deutschlands Kaiser Wilhelm II., ein Enkel der Queen Victoria, schlägt später vor, William Shakespeares Komödie „Die lustigen Weiber von Windsor“ an deutschen Bühnen künftig nur noch unter dem Titel „Die lustigen Weiber von Sachsen-Coburg-Gotha“ aufzuführen.



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