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Selbstmord einer Nation

13. März 1997: In Albanien bricht die öffentliche Ordnung zusammen

veröffentlicht am 13.03.2017 um 07:54 Uhr

US-Marineinfanteristen evakuieren am 15. März 1997 Bürger aus Albanien nahe dem Gelände der US-Botschaft in Tirana. Foto: Brett Siegel/U.S. Navy via Wikipedia
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite
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Carlo Ponzi wandert im November 1903 mit 2,50 Dollar in die USA ein. Er lernt schnell Englisch und schläft auf dem Boden eines Restaurants, in dem er Arbeit findet. Reich wird er durch Betrug: Er verspricht Anlegern 50 Prozent Rendite in 45 Tagen oder die Verdoppelung des angelegten Geldes in 90 Tagen. Das Geschäft läuft blendend, und will jemand den Gewinn sehen, wird er ausgezahlt, aber die meisten Anleger „investieren“ ihren Gewinn sofort wieder, sie verpfänden ihr Haus, um reich zu werden. Bald platzt die Blase, aber die die Ponzi-Masche, die Ponzi-Methode oder das Ponzi-System, sie ist geboren.

Und sie besagt, dass die Anzahl der Teilnehmer exponentiell steigen muss, um nicht zu kollabieren, und dass mit den Beiträgen neuer Teilnehmer die Gewinnausschüttungen der bestehenden Teilnehmer gedeckt werden.

Auch in Albanien fasst die Betrugsmasche Fuß. Den Anlegern werden fabelhafte Zinsen in Aussicht gestellt, die sie zunächst dank sprudelnder Investitionen auch erhalten. Der Gesamtwert der Einlagen summiert sich vor Ausbruch der Krise im Frühjahr 1997 – ohne die bis dahin angefallenen Zinsen – auf 1,2 Milliarden US-Dollar, also auf mehr als 50 Prozent des damaligen Bruttosozialproduktes des Landes.

Die Verhältnisse spielen den Betrügern in die Hände: Wegen des schlecht ausgebildeten Bankenwesens werden nur geringe Teile der Vermögen in Sparkonten angelegt, die Anleger sind leichte Beute für Schwindler.

Dann kollabiert das Betrugssystem, das Geld der Anleger ist futsch.

In Südalbanien kommt es zu ersten Massenprotesten, die schnell gewalttätig werden und sich auf den Süden des Landes und dann auf den Rest Albaniens ausdehnen. Der endgültige Zusammenbruch der Pyramidensysteme eskaliert im Februar und März in einem Aufstand gegen die Regierung und in weitverbreitetem Widerstand gegen die Staatsgewalt. Die öffentliche Ordnung bricht vollständig zusammen, die Aufständischen plündern militärische Lager und rüsten sich mit Schusswaffen aus.

Die Wut und Enttäuschung der Menschen richtet sich gegen die Regierung, gegen Geschäfte und staatliche Einrichtungen wie Archive, Schulen und Hotels. Der Präsident entmachtet, die Regierung ohne Autorität, die Armee in Auflösung: In Albanien, dem Armenhaus Europas, herrscht Gesetzlosigkeit, bewaffnete Banden terrorisieren das Land. Gerüchte machen die Runde: In der Hauptstadt wollen manche wissen, der Präsident sei untergetaucht, er will sich in die Türkei absetzen, andere sagen, er befindet sich auf einer Jacht in der Adria; von dort gibt er über Funk Anweisungen an seine getreue Leibgarde, die Revolte weiter zu schüren. Panik, Verzweiflung und eine mörderische Wut haben ganz Albanien im Griff. Vom Selbstmord einer Nation spricht der albanische Schriftsteller Ismail Kadare.

Und der Westen? Er überlässt den Balkanstaat vorerst sich selbst.

Doch von Süden her breiten sich die Unruhen immer weiter aus, am 13. März bricht die staatliche Ordnung in Albanien zusammen. In der Hauptstadt Tirana wird geplündert, der Flughafen der Stadt kann nicht mehr angeflogen werden. Und die im Land verbliebenen ausländischen Staatsbürger sind dadurch akut gefährdet.

Dann läuft Operation Libelle an, eine Operation der Bundeswehr in Albanien, bei der deutsche und andere ausländische Bürger aus Tirana ausgeflogen werden.

Am 13. März lässt Verteidigungsministers Volker Rühe zur Verbesserung der Reaktionsfähigkeit der Bundeswehr die Fregatte Niedersachsen mit 210 Besatzungsmitgliedern ins Seegebiet westlich der albanischen Stadt Durrës verlegen. Am nächsten Tag folgen fünf Transport- und Rettungshubschrauber. Als um 11.35 Uhr die Entscheidung der Bundesregierung zur Evakuierung fällt, geht es schnell: Um 16.09 Uhr verlässt der letzte Hubschrauber des Evakuierungsverbandes die Hauptstadt Tirana, Operation Libelle ist abgeschlossen.

Der Schusswechsel während der Evakuation in Tirana wird als erstes Gefecht deutscher Soldaten seit dem Zweiten Weltkrieg bezeichnet.

In Albanien selbst bittet die Übergangsregierung angesichts der ausweglosen Lage das Ausland um eine militärische Intervention. Am 16. April 1997 landen 6000 Mann aus Italien, Frankreich, Spanien, der Türkei, Rumänien, Griechenland, Österreich und Dänemark in Albanien. Ihr Auftrag: Humanitäre Hilfe gewähren und die geordnete Durchführung von Neuwahlen ermöglichen.

Bei den Parlamentswahlen am 29. Juni 1997 siegt die Opposition, doch die ausländischen Truppen verbleiben noch Monate im Land. Nach und nach kann die Ordnung wieder hergestellt werden, aber in einzelnen abgelegenen Landesteilen dauert es noch Jahre, bis die Staatsgewalt wiederhergestellt war.



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