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27 Quadratmeter Leid

12. Juli 1937: Picassos Anti-Kriegs-Gemälde „Guernica“ wird vorgestellt

Dem Künstler fällt nichts ein, er ist blockiert, und so blickt er auf eine weiße Leinwand, Monat für Monat. Erschwerend kommt hinzu, dass die leere Leinwand nicht nur groß ist, sie ist geradezu riesig. Genauer gesagt ist sie 7,77 Meter lang und 3,49 Meter hoch. Eine 27 Quadratmeter große, leere Leinwand.

veröffentlicht am 10.07.2017 um 10:14 Uhr

Das Gemälde „Guernica“ im Museum Reina Sofía in Madri Picasso malte das Bild im Gedenken an die Menschen, die in der baskischen Stadt Guernica im Spanischen Bürgerkrieg starben. Foto: Francisco Seco/AP/dpa
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Frank Westermann Redakteur zur Autorenseite

Vielleicht liegt die künstlerische Leere ja am Gefühlsleben des Künstlers. Und das ist, gelinde gesagt, ein einziges Chaos. Seine Ehefrau Olga hat sich von ihm getrennt, weil seine Geliebte Marie-Thérèse Walter ein Kind von ihm bekommen hat, und er selbst hat bereits eine neue Affäre begonnen, mit seiner Muse, der Künstlerin und Fotografin Dora Maar. Nein, Pablo Picasso geht es gar nicht gut.

Der anerkannte Super-Star der Künstlerszene hat Monate zuvor von der Spanischen Republik den Auftrag erhalten, ein gigantisches, propagandistisches Wandgemälde für den spanischen Pavillon auf der Pariser Weltausstellung 1937 zu malen. Dort soll mit dem Werk Stimmung gemacht werden gegen den faschistischen Putsch-General Francisco Franco, der das Land vor einem Jahr in einen blutigen Bürgerkrieg gestürzt hat.

Picasso ist verunsichert, denn die Welt hat sich geändert und diese Änderungen machen auch vor der Kunstwelt nicht Halt. Auch die Kunst muss in der Politik Stellung beziehen, und Picasso, der merkt, dass seinen kubistischen Innendarstellungen und erotischen Werke keine Antworten mehr geben, sucht verzweifelt nach neuen Ausdrucksformen. Er sucht lange vergeblich nach ihnen.

Der Maler, Graphiker und Bildhauer Pablo Picasso (* 25. Oktober 1881 in Málaga, Spanien; 8. April 1973 in Mougins, Frankreich). Foto: Göbel/dpa
  • Der Maler, Graphiker und Bildhauer Pablo Picasso (* 25. Oktober 1881 in Málaga, Spanien; 8. April 1973 in Mougins, Frankreich). Foto: Göbel/dpa

Dann wird am 26. April 1937 die baskische Kleinstadt Guernica bombardiert, fast 40 Tonnen Bomben lassen Hitlers und Mussolinis Luftwaffen auf die nordspanische Stadt niederregnen. Es fallen tausende Spreng-, Splitter- und Brandbomben, vier Fünftel des Ortes werden zerstört, Hunderte Menschen sterben. Dabei hat Guernica überhaupt keine militärische Bedeutung – und nicht mal eine Luftabwehr. Hermann Göring, Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, erklärt später bei den Nürnberger Prozessen, man habe in der Stadt einfach neue Bomben testen wollen.

Guernica hört auf zu existieren, und in Paris beginnt Picasso, den Horror des Krieges zu verewigen. Es werden 27 Quadratmeter voller Tod, Schmerz, Verstümmelung, Verzweiflung und endlosen Leidens, das Bild ist brutal, grausam und barbarisch, aber es ist nicht ein Tropfen Blut zu sehen, für das Bild nutzt er nur Schwarz-Weiß-Grau-Töne: ein gewaltiger Stierkopf, ein Pferd in verrenkter Haltung, ein Mädchen mit einem Licht in der Hand, eine Taube, Frauen, die zum Fenster hinausblicken. „Guernica“, das ist das Abbild einer erschütterten Seele. Es gibt keine Helden, keinen Sieg des Guten, keine Täter, nur Leid. „Guernica“ wird zum Sinnbild für den Widersinn des Krieges, gerade weil sich Picasso dem Krieg aus seinem Inneren genähert hat. „Guernica“ gilt quasi sofort als eines der wichtigsten Werke des 20. Jahrhunderts.

Nach der Ausstellung im spanischen Pavillon in Paris reist „Guernica“ um die Welt, rund 50 Mal wird es eingerollt und wieder hervorgeholt, bis es im MoMA in New York einen festen Platz findet. 1981, sechs Jahre nach Ende der Franco-Diktatur, kommt es zurück nach Spanien, so wie es Picassos Wunsch gewesen war. Seit 1992 hängt es im Reina Sofía, Spaniens Nationalmuseum für Zeitgenössische Kunst in Madrid. Ein böser Spruch der Basken drückt es so aus: „Guernica hatte die Toten, Madrid hat das Bild.“



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