weather-image
×

„Eine kleine Sensation“

105 Jahre alte Aufnahme aufgetaucht: Ausstellung im StadtHaus verlängert

HESSISCH OLDENDORF. „Verlängert“ steht auf den „Also, die Juden gehörten alle mit dazu …“-Plakaten im StadtHaus. Anlässlich der Verlegung der ersten „Stolpersteine“ zum Gedenken an die NS-Opfer unter der jüdischen Bevölkerung eröffnet, sollte die Ausstellung Mitte Oktober enden.

veröffentlicht am 23.10.2021 um 18:00 Uhr

Avatar2

Autor

Reporterin

Doch das Interesse ist groß, Fotografien und Erinnerungen von Zeitzeugen machen den Ausstellungsgästen jüdische Familien vertraut, geben ihnen ein Gesicht und eine Geschichte – und belegen, dass sie dazugehörten.

Erik Hoffmann, Sprecher des Arbeitskreises Stolpersteine, unterstreicht mit „einer kleinen Sensation“ die Bedeutung der Verlängerung: Martin Gruber aus Hessisch Oldendorf habe sich beim Besuch der Ausstellung daran erinnert, in Besitz eines Fotos von Julius Blumenthal zu sein. „Bei einer Recherche über Hessisch Oldendorf habe ich es im Internet entdeckt“, erzählt Gruber, der alte Fotos und Karten aus der Stadt sammelt.

Julius Blumenthal lebte mit Ehefrau Jenny und Tochter Martha als Altwarenhändler an der Langen Straße 63, war Mitglied der Feuerwehr und als „Louichen“ oder „der kleine Feuerwehrmann“ bekannt. Alle drei seien im März 1942 direkt von zu Hause von einem Polizisten zum Bahnhof gebracht worden, so eine Augenzeugin. „Sie hatten sich alles, was sie noch besaßen, angezogen, weil sie ja nicht wussten, wohin sie kamen.“ Das Leben der Blumenthals endete im Warschauer Ghetto …

2 Bilder
Julius „Louis“ Blumenthal – Aufnahme aus dem Jahre 1916. Foto: privat

„Uns war nicht bekannt, dass eine Aufnahme eines der Familienmitglieder existiert“, so Erik Hoffmann und fährt fort: „Aus einem Bildarchiv haben wir nur ein unscharfes Foto veröffentlicht, das wahrscheinlich die vierjährige Martha Blumenthal vor ihrer Haustüre zeigt. Von ihr wissen wir, dass sie Geige spielte.“

Dank Martin Gruber gibt es nun ein Foto, das Blumenthal 1916 als stolzen preußischen Soldaten zeigt – „wieder ein Beweis dafür, dass die Juden dazugehörten“, sagt Hoffmann, der das Foto provisorisch neben der Ausstellungstafel im StadtHaus anbrachte. Dort wartet auch ein Gästebuch, das Konfirmandinnen und Konfirmanden des Kirchspiels Fuhlen angelegt haben; in ihm können Eindrücke und Gedanken hinterlassen werden.

So lange der Raum in der Weserstraße 6 nicht anderweitig benötigt wird, kann die Ausstellung zu den Öffnungszeiten der Stadtbücherei Dienstag und Donnerstag von 15 bis 18 Uhr und Freitag von 9 bis 12 Uhr besucht werden. „Wir würden sie gerne wenigstens bis zum 9. November, der Kristallnacht, stehenlassen“, erklärt Erik Hoffmann und erinnert an einen Augenzeugenbericht, nach dem genau in jener Nacht 1938 „die hübsche Frau Löwenstein mit Gewalt aus dem Haus geholt und an den Haaren durch die dreckige Gosse geschleift“ wurde.

Laut dem pensionierten Gymnasiallehrer soll die zweite und letzte Stolperstein-Verlegung am 23. März 2022 vor dem Haus der Löwensteins (Lange Straße 95) stattfinden – durch den Künstler Gunter Demnig persönlich.

„Wir sind dankbar, dass es für vier der sechs zu verlegenden Stolpersteine bereits Sponsoren gibt“, so Erik Hoffmann.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2021
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Anzeige

Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

Immobilien mieten

Immobilien kaufen