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Unterschiedliche Genres: Drei Autoren tischen am „Tag der Leseratten“ auf

Zwischen Wahnsinn und Wahnwitz

Hameln. Dass Silke Kettelhake am „Tag der Leseratten“ ihre Lesung vor den Stellwänden mit Bildern und Texten der von den Nationalsozialisten verfolgten Schauspieler und Filmstars hielt – das passte. Im oberen Foyer des Theaters las die in Berlin lebende Hamelnerin, Jahrgang 1967, aus ihrem Buch „Erzähl allen, allen von mir!“, einer Biografie der 1942 hingerichteten Libertas Schule-Boysen, Ehefrau des gleichfalls ermordeten Widerstandskämpfers Harro Schulze-Boysen. Sie wolle die Widersprüchlichkeit der Libertas Schulze-Boysen aufzeigen, so Kettelhake, die Geschichte einer Frau erzählen, die sich „vom Schlossfräulein zur Rebellin“ entwickelt habe. Kettelhakes Text pendelt zwischen Biografie und romanhaften Passagen. Es gelingen ihr dabei, etwa im Kapitel „Feierabend im Reichsluftfahrtministerium“, atmosphärisch dichte, beeindruckende Bilder des abendlichen Berlin der 30er, in dem sich nur dem aufmerksamen Beobachter im pulsierenden Großstadttreiben die Zeichen brauner Gewaltherrschaft offenbaren.

veröffentlicht am 04.10.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 05:21 Uhr

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Autor:

Ernst August Wolf
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Während im Theaterfoyer ein erschüttertes Publikum dem schrecklichen Ende des Schicksals von Libertas Schulze-Boysen entgegen sieht, drängen in die „Tourist Information“ rund 150 Besucher, die nur auf zusätzlichen Stühlen untergebracht werden können. Psychothriller von Bestsellerautor Sebastian Fitzek, das ist etwas für junge Frauen. Beste Freundinnen im Doppelpack füllen die Reihen, ein paar Alibi-Männer sind auch dabei. Auftritt Fitzek. „Der ist das?“ tuschelt es durch die Reihen. Ein jungenhafter Mann, Typ Abiturient, bestenfalls Erstsemester. „Hätten Sie sich so einen vorgestellt, der Psychothriller schreibt?“ fragt der prompt und startet einen Wortschwall sondergleichen. Zweifellos, Fitzek kann nicht nur schreiben, sondern auch reden. Sich von Lacher zu Lacher hangelnd, erzählt der jugendliche Charmeur, wie so ein Psychothriller zustande kommt, wie er aus Allerweltssituationen jene Handlungskonstellationen generiert (“Ich bin einer, der Irre anzieht, ein Irrenmagnet“), die der lesenden Damenwelt das Blut in den Adern gefrieren lässt. Sebastian Fitzek weiß, wie man den Zuhörern das Grauen nahe bringt.

Die Leseratten-Trilogie des Abends endet nach Durchquerung des dunklen Bürgergartens – das ist nach so einer Fitzek-Show von ganz besonderem Reiz – inmitten von 200 Besuchern bei Heinz Rudolf Kunze im Theater. Zusammen mit Gitarrist Wolfgang Stute entfacht der Altstar eine Wortgewalt von exorbitanter Bissigkeit, schießt scharf, trifft punktgenau, abseits von jeder „political correctness“.

Kunze ist bitter, böse, hat ungebrochene Energie zur Attacke: auf Medienrummel, absurde Sprachgewohnheiten, sterile Bahnhöfe oder Fußballstadien, auf Hypochonder, die an der Hotelbar Doppelherz ordern. Kunzes Bilder treffen. Und dann spielt er sich zusammen mit Stute, der Kunzes Texte mit herausragenden Gitarrensoli musikalisch illustriert hatte, den ganzen Frust in einer sich furios steigernden, psychedelischen Gitarren-Ekstase von der Seele. Jubel, Bravorufe, stürmischer Applaus, Standing Ovations einer euphorischen Fangemeinde. Wie schön ist doch der Schmerz, wenn ein Altmeister wie Kunze den Finger in unsere Zeitgeistwunden legt...

Nahtloser Übergang für Leseratten – von Silke Kettelhake (
  • Nahtloser Übergang für Leseratten – von Silke Kettelhake (o.) zu Sebastian Fitzek (u.). Fotos: eaw
Bei der Buchhandlung Matthias wurden Laternen gebastelt.
  • Bei der Buchhandlung Matthias wurden Laternen gebastelt.
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Nahtloser Übergang für Leseratten – von Silke Kettelhake (
Bei der Buchhandlung Matthias wurden Laternen gebastelt.
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Bei der Buchhandlung Thalia in der Stadt-Galerie gab’s am „Tag der Leseratten“ gut besuchte Manga-Kurse.

Fotos Dana

Jubel, Bravorufe und stürmischen Applaus ernteten Heinz Rudolf Kunze und Wolfgang Stute für ihren Abend voller Bissigkeiten.

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