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Kleingärten im Wandel - Regelwut ist in Reese-Kolonie längst out

Zwischen Freizeitoase und Gemüsebeet

HAMELN. Gestutzter Rasen, unkrautfreie Wege, ordentliche angelegte Gemüsebeete und Regeln. Kurzum: Spießertum in Reinkultur – das ist es, was viele bis heute mit einer Kleingartenkolonie verbinden. Dass das längst nicht mehr so sein muss, zeigt die Hamelner Kolonie am Königsstuhl, nahe der Breslauer Allee.

veröffentlicht am 06.04.2017 um 11:05 Uhr

Mal mehr Gemüse, mal mehr Blumen und Sträucher und mal freizeitorientiertes Laissez-Faire: In der Kolonie am Königsstuhl gibt es Gärten jeglicher Art. Das Häuschen stammt noch aus der Zeit, in der die Kolonie gegründet wurde. Foto:doro
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Das Bundeskleingartengesetz gilt natürlich auch in der ehemaligen „Reese-Kolonie“. Es besagt, dass der Kleingarten neben der Erholung insbesondere der Gewinnung von Gartenbauerzeugnissen für den Eigenbedarf dienen soll. Natürlich wird in der seit 1953 existierenden Kolonie nach wie vor Gemüse angebaut. Dennoch hat sich eine Menge geändert im letzten Jahrzehnt. Weil sich die Bedürfnisse der Gesellschaft geändert haben, glaubt Vereinsvorsitzender Andreas Berger. Und so mischt sich in die bienenfleißige Atmosphäre der Gärtner gerne ein Hauch Freizeitoase, manchmal sogar Wildnis. „Wenn beide arbeiten, ist es eben nicht einfach, auch noch all die Gartenarbeit zu schaffen“, glaubt Berger.

„Die Jüngeren wollen einfach mehr grillen und weniger anbauen“, sagt Brunhild Kühl, die seit 1988 einen Garten am Königsstuhl hat. So richtig verstehen kann sie es nicht. „Ich habe schließlich auch gearbeitet“ sagt sie. Allerdings ist Brunhild Kühl auch eine auffallend aktive Frau und eine Art Institution in der Kolonie. Ihr Garten in einer Ecke des Areals ist eine Pracht: Blumen, Gemüsebeete, Obstbäume, ein Teich, natürlich ein Häuschen. Kühl weiß so ziemlich alles über Terra Preta (nährstoffreiche Indianerschwarzerde) und warum Solitärbienen so wichtig sind. Erst vor ein paar Tagen hat sie im Vereinsheim Am See einen Vortrag gehalten. In ihren Beeten lässt sie sogar Schneckenhäuser für die Mauerbienen liegen, die darin ihre Eier ablegen und dann eine Art Haus bauen. Zwei Tage brauchen die Bienen dafür.

Für Andreas Berger sind die unterschiedlichen Ansprüche der Kleingärtner kein Problem. „Solange das Gesamtbild stimmt.“ Berger weiß, dass der Verein sich an Regeln halten muss. Es gebe Bewegungen im Land, die dafür seien, das Bundeskleingartengesetz abzuschaffen, doch dafür ist der Hamelner nicht. Denn nur dadurch könne der günstige Pachtpreis gerechtfertigt werden. „Sonst würde es viermal so viel kosten“, erklärt er. Doch Anbauen ist ein dehnbarer Begriff. Für Andreas Berger zählen dazu auch Gärten, in denen sich hauptsächlich Blumen, Bäume und Sträucher finden. Neu-Kolonisten rät er, den Garten so anzulegen, dass sie ihn in ihrer Freizeit noch gut pflegen können: zum Beispiel eine bienen- und vogelfreundliche Blumenwiese statt eines Sportrasens. „Da blühen über das ganze Jahr Blumen.“ Aufwand: ab und zu eine Distel herausziehen. Im Herbst könne man die Pflanzen einfach umfallen lassen.

Brunhild Kühl in Aktion. Foto:doro
  • Brunhild Kühl in Aktion. Foto:doro
Andreas Berger probiert den ersten Schnittlauch. Foto:doro
  • Andreas Berger probiert den ersten Schnittlauch. Foto:doro
Information

Kleingarten Königsstuhl

Im Hamelner Klütviertel in der Gemarkung „Zum Königsstuhl“, begrenzt vom Ludwigssee, befindet sich die Kleingartenanlage Königsstuhl. Sie hat insgesamt 42 Gärten, vier sind derzeit zu verpachten. Die Anlage wurde 1953 von Mitarbeitern der Firma „Pudding-Reese“ gegründet. Die Puddingpulverfabrik unterstützte ihre Betriebsangehörigen beim Aufbau der Vereins-Gartenanlage finanziell und materiell. Zunächst durften nur Betriebsangehörige Gärten pachten, das änderte sich nach Schließung des Hamelner Werks. Die Gemeinschaft feiert auch zusammen - zum Beispiel das jährliche Osterfeuer.

„Viele fangen an, merken, dass sie es nicht schaffen, und verlieren dann die Lust“, sagt Berger.

Stur auf Regeleinhaltung zu achten, sei natürlich einfacher, sagt der 53-Jährige. Mit mehr Spielraum müsse man sich eben mehr Gedanken machen: „Was ist machbar, was nicht?“ Auch im Vorstand musste er ganz schön Überzeugungsarbeit leisten.

Sein eigener Garten ist eine sympathische Mischung aus Anbau, Freizeit und bienenfreundlichem Wachsenlassen. Um den Kirschbaumstamm windet sich ein Baumhaus, daneben steht ein großes Trampolin für die Tochter. Es gibt ein Gewächshaus, alle erdenklichen Beerensträucher und Beete, deren Erzeugnisse im Sommer direkt auf dem Grill landen. Bei ihm wachsen Pfirsiche, Nektarinen und und Gojibeeren (Bocksdorn). Und Kräuter. Der Schnittlauch ist jedes Jahr das Erste, was der Hamelner probiert.

Neben denen, die der Natur in ihrem Garten vor allem Spielraum geben, gibt es auch junge Familien, die viel Wert darauf legen, selbst anzubauen. „Für eine gesunde Ernährung und um den Kindern zu zeigen, dass Obst nicht aus dem Supermarkt kommt.“

Erwerbsmäßiger Anbau ist in der Kolonie dagegen ausgeschlossen. Doch davon ist am Königsstuhl weit und breit nichts zu sehen. Den Blick kann man in der Reese-Kolonie weiter schweifen lassen, als in irgendeiner anderen sonst in Hameln: Kein Zaun begrenzt die offene Kleingartenanlage, nur hier und da gibt es Hecken für kuschelige Ecken. „Wie in einem großen Garten“, sagt Berger.

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