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Dewezet-Sommerabenteurer erhalten Blick in unterschiedliche Bereiche der Hamelner Jugendanstalt

Zwischen Beach-Volleyball und Stacheldraht

Hameln (ch). Handy und Ausweis müssen an der Sicherheitskontrolle abgegeben werden, bevor sich die Tür aus hohen weißen Eisenstäben schließt. Drei Stunden eingesperrt hinter Gittern, mit vorgegebenem Bewegungsraum, ohne Kommunikationsmöglichkeit nach außen erwarten die zwölf Dewezet-Sommerabenteurer, die sich freiwillig „in den Knast“, in die Jugendanstalt Hameln, begeben haben.

veröffentlicht am 14.08.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 05.11.2016 um 18:41 Uhr

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„Bandbreite“ ist das Stichwort, das Dietmar Müller, der sowohl für die Öffentlichkeitsarbeit als auch für Sport, Kultur und Freizeit in der JA Hameln zuständig ist, bei der Führung immer wieder betont. Zwölf Vollzugsabteilungen gibt es hier, die Haftbedingungen sind in allen unterschiedlich. „Das reicht davon, dass jemand nicht ohne Begleitung über den Hof gehen darf dazu, dass Gefangene hier alleine Sport machen.“ Zimmerausstattung, Privatkleidung oder nicht, wie viele Fotos darf man besitzen – die Vollzugsformen sind ebenso unterschiedlich wie die Geschichte der Insassen. Ein Erziehungs- und Förderplan legt für jeden einzelnen der derzeit 514 Gefangenen ganz genau fest, wie er untergebracht wird, welche Auflagen er zu erfüllen, welche Freiheiten er gewährt bekommt und wie er am besten zu fördern ist. Ganz individuell. Neben den Insassen des Hauptsitzes der JA Hameln in der Tünderschen Straße 50 befinden sich weitere 37 männliche jugendliche Straftäter im Alter von 14 bis Mitte 20 im Offenen Vollzug in Hameln, 80 Plätze biete der Offene Vollzug in Göttingen, der ebenfalls zur JA Hameln gehört.

Halbdunkle, verschlungene Gänge mit kleinen vergitterten Fenstern. Spartanische Treppenhäuser mit Sicherheitsnetz im Treppenschacht. Kleine Zimmer mit einem schmalen Bett, Tisch, Stuhl und einem Regal mit Familienfotos über dem Kopfende. Gitterstäbe, Stacheldraht und hohe Mauern prägen das Bild ebenso wie bunt blühende Blumen, Apfelbäume, mehrere Fußballplätze, ein Basketball- und ein Beach-Volleyball-Feld. Eine kleine Entenfamilie tapst über den Hof, auf dem einige Strafgefangene sitzen. Aus vergitterten Fenstern tönt laute Musik. Für unbeteiligte Besucher ein Gefühl von Landschulheim und Hochsicherheitstrakt zugleich. Die seit 1980 eröffnete JA ist nicht nur die einzig geschlossene Jugendstrafanstalt in Niedersachsen, sondern auch die größte Jugendstrafvollzugseinrichtung in Deutschland. Über 20 Hektar erstreckt sich das Gelände, viel Platz für Sportanlagen, aber auch für unterschiedliche Schulungs- und Bildungsangebote. Zerspaner, Mechantroniker, Tischler, Maurer – die Jugendlichen und jungen Erwachsenen können hier Berufsausbildungen abschließen. „Alles, was die da draußen machen, machen wir hier drin auch“, erzählt Werner Schlieper, Ausbilder in der Kfz-Werkstatt der JA. Mit dem Auto zum TÜV in den Knast? Kein Problem.

Das Gefühl, im Gefängnis zu sein, verschwindet in der Werkstatt rasch. Die andere Seite des JA-Alltags zeigt sich in der Sporthalle, wo Karsten Hilker, der Waffen- und Verhaltenstraining mit Kollegen absolviert, mit seinen Kollegen Michael Wehmann und Markus Ulbig die Waffen, Schutzkleidung und Alarmsystem für den Notfall demonstriert: „Wir trainieren viel, aber für wenig Einsätze“, sagt Wehmann. Angriffe auf Bedienste seien selten, häufiger gegen Möbel, gegen sich selbst oder andere Gefangene. Einsatz-Mehrzweck-Stock, Pfefferspray, Schutzkleidung und Schutzschild, ein Landschulheim ist es nicht. Drogen und Gewalt gegen Mitgefangene sind Teil der JA-Realität. „Ich will nichts beschönigen“, sagt Müller. „Aber zeigen Sie mir ein Gefängnis, wo es anders ist.“ Mehr, als immer wieder zu versuchen, es zu unterbinden und die bestmöglichen Bedingungen zu schaffen, mehr als Mitarbeiter, die sich einsetzen, sei realistisch kaum möglich. Dennoch sagt er nach rund 30 Jahren Arbeit in der JA: „Es war kein Tag umsonst hier.“

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  • „Schon nach ganz kurzer Zeit hat es weh getan“, sagt Gerhard Ringe, der sich die Fußfesseln in der JA freiwillig anlegen ließ.
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  • Michael Wehmann (li.) und Karsten Hilker (re.) überwältigen in einer gespielten Einsatzsszene den vorgeblichen Gefangenen.


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