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Atomgegnerin warnt im „Energietreff“ vor Revision in Grohnde – Stadtwerke gehen auf Distanz

Zwangsurlaub für Eltern mit kleinen Kindern?

Hameln (HW/gro). „Wenn Sie kleine Kinder haben – fahren Sie weg. Und das mindestens 100 Kilometer weit.“ Mit diesen Worten hat Dr. Angelika Claußen bei einer Vortragsveranstaltung der überparteilichen Anti-Atom-Bürgerinitiative „Regionalkonferenz zum AKW Grohnde“ zum Thema „Machen Atomkraftwerke Kinder krank?“ im Energietreff der Stadtwerke Hameln vor dem vom 6. bis 21. April anstehenden Brennelementewechsel in dem Meiler an der Weser gewarnt. Doch von Panikmache will die Medizinerin aus Bielefeld nichts wissen.

veröffentlicht am 27.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 17:41 Uhr

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Auf Anfrage der Dewezet reagieren die Stadtwerke gelassen. Man legt Wert auf das eigene Öko-Image: „In Hameln sind die Stadtwerke dabei, wenn es darum geht, die Daseinsvorsorge und somit Lebensqualität zu sichern“, sagt Ilka Albrecht. Die Sprecherin der Stadtwerke geht aber auch auf Distanz und betont: „Der BUND hat unseren Raum für den Vortrag ‚Kinderkrebsrate in der Nähe zu Atomkraftwerken‘ genutzt und ist als Veranstalter somit verantwortlich für den Inhalt der Vorträge durch die Referenten.“ Grundsätzlich gehe es den Stadtwerken darum, als regionaler Versorger die Energiewende vor Ort voranzutreiben. Albrecht: „Zu allen Themen kann und soll im ,Energietreff‘ diskutiert werden.“ Wichtig sei hierbei immer die lebendige Diskussion zu energierelevanten Themen.

Und davon macht die Referentin aus Bielefeld Gebrauch. „Am Anfang einer Revision ist die radioaktive Strahlung besonders stark; die Werte schnellen in die Höhe“, behauptet sie. Je näher Kinder an einem Kernkraftwerk leben, desto größer sei das Krebsrisiko, erklärt Claußen unter Verweis auf wissenschaftliche Untersuchungen und eine Presseerklärung der Ärzteorganisation IPPNW (Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer verantwortung) vom November des vergangenen Jahres. Die niedergelassene Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie ist seit 1987 Mitglied dieser Vereinigung und seit 2003 stellvertretende Vorsitzende der deutschen IPPNW-Sektion.

„Während einer Revision mit Wechsel von hoch radioaktiven Brennelementen werden durch das Öffnen des Reaktordruckbehälters erhöhte Mengen radioaktiver Substanzen vom Atomkraftwerk über den Kamin in die Umgebung abgegeben“, heißt es in der Veröffentlichung über die Revision im AKW Gundremmingen. In dem Ort des schwäbischen Landkreises Günzburg habe die Edelgaskonzentration im Maximum das 500-fache des Werts vor der Revision ausgemacht. IPPNW lägen dafür als Beleg amtliche Zahlen des bayerischen Landesamtes für Umwelt vor, betont Claußen und merkt an: „Wir gehen davon aus, dass das in Grohnde ähnlich zu werten ist“.

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Sie habe vom niedersächsischen Umweltministerium die Halbstundenwerte angefordert, jedoch lediglich Vierteljahreszahlen bekommen. „Und dafür soll ich nun auch noch 400 Euro bezahlen“, erzählt die Ärztin gegenüber der Dewezet.

„Wenn ich kleine Kinder hätte, würde ich über Ostern in Urlaub fahren“, wiederholt Claußen angesichts der bevorstehenden Revision in Grohnde. Dass eine wissenschaftliche Studie das Krebsrisiko in der Umgebung des Atomkraftwerkes an der Weser als unterdurchschnittlich ausweist, lässt die 50-Jährige nicht gelten. „Die vom Landkreis Hameln-Pyrmont veröffentlichten Zahlen beziehen sich auf die Zeit von 2000 bis 2009. Das Kinderkrebsregister aber gibt es seit 1980, und Krebsfälle bei Kindern durch Radioaktivität können nicht ausgeschlossen werden“, betont Claußen. Das belegten Studien aus aller Welt, „wobei die deutschen die exaktesten sind“.

So habe eine 2007 erschienene Studie die Wahrscheinlichkeit von Leukämie und anderen Krebserkrankungen radioaktive Emissionen in der Nähe von Kernkraftwerken als Grundlage gehabt, wie Claußen den 33 interessierten Zuhörern im Energietreff erklärte. Danach seien zwischen 1980 und 2003 alle 16 Atomkraftwerke Deutschlands in diese Erhebung mit einbezogen worden, nicht aber die Atommülllager und Forschungsreaktoren. Das Ergebnis: Jedes Jahr erkrankten fünf bis zwölf Kinder durch die Strahlungsemissionen an Krebs. Und das, je näher sie an einem Atomkraftwerk wohnten. Besonders intensiv zeige sich das in einem Radius von fünf Kilometern um die Meiler herum, so Claußen.

Entgegen dieser Studien betonten die Betreiber der Atomkraftwerke allerdings immer wieder, die Grenzwerte einzuhalten. „Die angegebene Sicherheit durch die Atomindustrie ist für mich ein System der erlaubten Täuschung“, sagte Claußen in Hameln. Diesbezüglich werde erlaubt verschwiegen und verweigert, würden Fakten heruntergespielt und die Unbeherrschbarkeit der Atomtechnologie verleugnet.

Von der Pressestelle von e.on Kernkraft Grohnde in Hannover war gestern keine Stellungnahme zu bekommen.

Referentin Dr. Angelika Claußen im Energietreff der Stadtwerke Hameln. Rechts: Protestpicknick am AKW Grohnde im vergangenen Jahr.Fotos: gro



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