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Projekt des Integrationsbüros / Zweiter Kurs in Planung

Zug um Zug – Muslima lernen schwimmen

Hameln (bha). Yüzme havuzu ist türkisch, heißt Schwimmbad, und es ist alles andere als selbstverständlich, dass sich muslimische Frauen darin aufhalten. Viele von ihnen können nicht schwimmen; und sich im knappen Badeanzug, statt mit bedeckter Haut, in der Öffentlichkeit zu bewegen, ist für etliche tabu. So sehr, dass Gerichte beispielsweise entscheiden mussten, ob und wie muslimische Mädchen am Schwimmunterricht an Schulen teilnehmen müssen. Dass sich die Welt im Aerzener Hallenbad seit Januar etwas anders dreht, ist da ein Verdienst mehrerer.

veröffentlicht am 27.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 17:41 Uhr

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Zwar unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wohl aber mittlerweile nicht mehr in Leggings und T-Shirt, sondenr im Tankini oder Badeanzug lernen 15 Migrantinnen aus Hameln samstags schwimmen und erarbeiten sich im Wasser ein Stückchen persönliche Freiheit auch außerhalb des Beckens. Mal ohne Kinder und ohne Mann zu sein, ist besonders – das ginge vielen deutschen Müttern nicht anders. Am Ende mit Angstfreiheit belohnt zu werden und sogar damit, eine Bahn sicher schwimmen zu können, ist riesig fürs Selbstbewusstsein. „Gesundheitsförderung, Integration, Partizipation und Sensibilisierung der Öffentlichkeit“, listete Dr. Feyzullah Gökdemir die Ziele auf, als er die Beschreibung des neuen Projekts vorstellte. Das Interesse daran wurde im Sommer 2011 nach Abschluss eines Fahrradkurses für dieselbe Zielgruppe laut, der ebenfalls vom Integrationsbeauftragten des Landkreises ins Leben gerufen worden war. Kritiker, die meinen könnten, dass ein Exklusiv-Kurs wie dieser wenig mit Integration zu tun habe, seien ihnen nicht begegnet, sagt Brigitte Hörnicke, die als Trainerin des Schwimmvereins Aerzen für diese Gruppe ehrenamtlich ins Becken steigt.

„Frauen sind der Kopf in der Familie und können das ganz anders an die Kinder weitergeben“, wenn sie selbst schwimmen können, sagt Fatma Bedoui über den Wert des Kurses. Sie stammt aus Tunesien, kann seit letztem Sommer Fahrrad fahren und ist von der Wirkung des Schwimmkurses begeistert. Auch, wenn es an der Sprache manchmal hapert, sei die Verständigung kein Problem. Dann eben mit Händen und Füßen. „Nach einer langen Bahn applaudieren alle“, erzählt Fatma Bedoui von der Stimmung und der Freude über den Erfolg der anderen. „Es sind richtige Freundschaften entstanden.“

Trainerin Hörnicke selbst ist angetan vom Erreichten, davon, dass sich nur noch drei Frauen ans Nichtschwimmerbecken halten – die übrigen wagen den Gang ins große. „Nächste Woche holen wir auch diese drei ins tiefe Wasser“, sagt sie zuversichtlich. Zu sehen, wie sich die Frauen entwickelt hätten, sei toll. Zusammen mit der Schwimmmeisterin Julia Fenske hat sie wöchentlich jeweils eine Stunde ihren Teil dazu beigetragen, dass aus Frauen, die Angst vorm Untergehen hatten („Ich will nicht sterben!!“), selbstbewusstere Frauen (alle um die 40 Jahre und älter), die schwimmen können, wurden.

Ohne die Unterstützung der Gemeinde Aerzen wäre das nicht gegangen. „Herr Wagner war sofort bereit“, sagt Hörnicke über den Bürgermeister des Fleckens. Er habe sofort entschieden, dass das Schwimmbad genutzt werden könne, nachdem der Integrationsbeauftragte die Anfrage gestellt hatte. „Es ist von außen nicht einsehbar“, begründet Hörnicke, was für dieses und gegen das Schwimmbad Einsiedlerbach in Hameln sprach, obwohl ausschließlich Frauen aus Hameln dabei sind. Auch der Landessportbund habe das Projekt finanziell unterstützt. Bernhard Wagner seinerseits sagt, die Kosten seien überschaubar „und die Sache allemal wert“. Positives Feedback direkt von den Teilnehmerinnen oder Gökdemir habe es zwar nicht gegeben, aber wenn Bedarf bestünde an weiteren Kursen und das organisatorisch machbar sei, würde Wagner das Angebot wieder aussprechen, sagt er.

Trotz des entstandenen Gemeinschaftsgefüges, der Erfolge und trotz des Interesses, weiterzumachen, soll es vorerst keinen Fortgeschrittenenkurs geben. Erst sollen ab Herbst noch die Frauen für kleine zehn Euro einen Anfängerkurs buchen, die bisher nicht zum Zuge gekommen und auf der Warteliste gelandet sind. Damit die Frauen jetzt auch weitermachen und ihre Kenntnisse anwenden, hat Hörnicke ihnen den Tipp gegeben, ins Hallenbad nach Steinbergen/Schaumburg zu fahren. Dort können ausschließlich Frauen (mit ihren Kindern) sonntags von 12 bis 13.30 Uhr baden gehen. Nähere Informationen unter Telefon 05751/7370.



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