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Die Hamelner Tafel und die App „To Good To Go“ – zwei Wege gegen Lebensmittelverschwendung

Zu schade zum Wegschmeißen

HAMELN. Kiloweise schmeißen Supermärkte, Restaurants, Bäckereien oder Cafés am Ende des Tages Essen weg. Das tut weh. Und es zieht ökologische wie soziale Probleme nach sich. Die Zahl derer, die das Problem angehen, ist überschaubar und ihre Motivation durchaus unterschiedlich. Zwei, die gegen die Lebensmittelverschwendung etwas zu, sind die Hamelner Tafel und die App „To Good To Go“.

veröffentlicht am 23.01.2018 um 17:03 Uhr
aktualisiert am 24.01.2018 um 09:09 Uhr

Dorothee Balzereit

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Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Vor Ort wäre als traditionelle Institution mit entsprechender Maxime – und natürlich sozialer Motivation – die Hamelner Tafel zu nennen. Sie hat der Lebensmittelverschwendung seit ihrer Gründung 1999 den Kampf angesagt. Bundesweit feiert die Tafel in diesem Jahr ihr 25-jähriges Jubiläum. Die Zahl der Menschen, die zur Hamelner Ausgabestelle kommen, hat sich seitdem um ein Vielfaches erhöht. Von anfangs 350 stieg sie auf 1097 Kunden mit Berechtigungsschein (Stand Anfang 2016). Weil der Schein für ganze Familien gilt, seien es eigentlich noch viel mehr, sagt Hans-Otto Südmersen, Vorsitzender der Tafel. Von Januar 2016 bis jetzt sei die Kundenzahl zudem weiter angestiegen. Den Schein für die Waren erhält jeder, der Leistungen vom Staat bezieht, nur ein kleiner Betrag muss gezahlt werden. Lebensmittel, die andernfalls weggeworfen würden, erhält die Tafel von Supermärkten, Bäckereien, Fleischereien, Cafés und Lebensmittelherstellern.

Eine relativ neue Erfindung, die inzwischen auch in Hameln einen Anbieter und Nutzer findet, ist dagegen die App „Too Good To Go“, die übersetzt so viel heißt wie „Zu gut, um zu gehen“ und im übertragenen Sinne meint „zu gut, um weggeschmissen zu werden“. Drei findige Dänen haben sich für die App die Wegschmeißmentalität unserer Zeit zunutze gemacht und ein Geschäftsmodell ersonnen, das wirtschaftlich und nachhaltig zugleich sein will.

Die Idee des öko-sozialen Start-ups, wie das Unternehmen sich selbst bezeichnet, ist einfach: Restaurants, Hotels, Cafés, Bäckereien oder Supermärkte bieten ihr überschüssiges Essen über die App zu einem vergünstigten Preis Selbstabholern an. Ein Drittel dieses Preises behält das Unternehmen als Provision ein.

Seit 2016 macht die App, die bereits mehr als 1,5 Millionen Nutzer hat, Furore. Spektakulär war der Auftritt der Macher in der Sendung „Die Höhle des Löwen“, wo Unternehmer ihre Idee vor Investoren pitchen und auf finanzielle Unterstützung hoffen.

Diese Sendung sah auch Bäckermeister Uwe Schmidt – und ließ sich anstecken. Seit Dezember macht er als erster Unternehmer in Hameln bei der digitalen Plattform mit. Bisher sind teilnehmende Betriebe vornehmlich in Großstädten zu finden, in Hannover bereits 33 Mal. Die Kundschaft ist bunt gemischt, Voraussetzung ist lediglich eine gewisse Affinität zum Smartphone.

In der App können die Kunden sehen, welcher Betrieb in der Umgebung mitmacht, ob es noch was zu holen gibt oder das Angebot bereits ausverkauft ist und in welcher Zeit das Essen abgeholt werden kann. Bezahlt wird vorab über die App. Für die Ware von Bäcker Schmidt (der auch die Tafel beliefert) zahlt der Kunde über die App drei Euro, der Inhalt der Tüte ist mindestens doppelt so viel wert. Grundsätzlich können die Preise regional variieren“, erklärt eine Unternehmenssprecherin, „das hängt immer davon ab, was der Betrieb mit uns vereinbart.“ Der Durchschnittspreis liege bei 3,50 Euro.

Bestellen kann man den ganzen Tag über, erklärt Bäckermeister Schmidt, abholen aber erst ab 17.45 Uhr. Für jede seiner vier Filialen (auch in Hemeringen) packt er die sogenannten Too-good-to-go-Boxen, die bei ihm Tüten sind. Überraschungstüten, in die Süßes und Herzhaftes kommt. Der Inhalt ist unterschiedlich, aber immer frisch“, sagt Schmidts Frau Carola. Ein bis zwei Tüten gehen an Wochentagen über den Tresen, am Wochenende mehr.

Dass Lebensmittelmittelverschwendung in der Gastroszene zum Thema wird, sieht man nicht nur an der App: Es gibt sogar Restaurants, in denen der Gast das zahlen muss, was er nicht aufisst. Zum Beispiel in Hannover im Restaurant Kirin. Selbst Supermärkte scheinen umzudenken: Lebensmittel, insbesondere frische Waren, werden für die Tafel knapper. „Die Supermärkte kalkulieren enger, die Restmengen sind deutlich gesunken“, sagt Hans-Otto Südmersen. Das sei eigentlich richtig, und derzeit können Engpässe noch abgedeckt werden, dennoch: Die Tafel zwingt es dazu, nach neuen Lieferquellen Ausschau zu halten.
www.toogoodtogo.de/fragenundantworten
www.hamelner-tafel.de

Mein Standpunkt
Dorothee Balzereit
Von Dorothee Balzereit

Die App ist zeitgemäß, eine tolle Idee. Der Kunde kommt billiger an Lebensmittel und tut der Umwelt zugleich etwas Gutes. Und für den Betrieb ist es eine Möglichkeit, neue Kunden zu gewinnen. Hoffentlich machen noch mehr mit.



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