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Poetisch-satirische Lieder aus Aleppo, Bremen und Kobani

Zollhausboys: Theater zwischen Sehnsucht und Attacke

Der in Hameln aufgewachsene Künstler Pago Balke hat mit vier Bremer Neubürgern ein bemerkenswertes Stück auf die Bühne gebracht. Es sind Songs, Poesie und Kabarett aus Aleppo, Bremen und Kobani. Das Stück der Zollhausboys handelt von Flucht, Heimat und Fremdheit, und ist zugleich eine kulturelle Attacke gegen Rechtspopulismus und Fremdeln.

veröffentlicht am 19.09.2018 um 11:36 Uhr

Berührend, aber nicht rührselig: Die Zollhausboys mit Pago Balke und Gerhard Stengert. Foto: Uwe Jöstingmeier
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Mit klopfendem Herzen sei er damals ins Zollhaus gegangen, sagt Pago Balke. Das ehemalige Hostel war eine Unterkunft für 60 unbegleitete Minderjährige umgewandelt worden ,und der Künstler Balke sollte dort Geflüchtete treffen. Die dortige Chefin hatte ihn gebeten, mit den Jungen „ein Lied zu probieren“. Balke ist in Bremen so etwas wie eine Kultur-Ikone. Der stets sozial engagierte Streiter für das Gute und Schöne hat diverse Preise gewonnen, als letztes den Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon.

Doch an diesem Tag fragte sich Pago Balke, ob diese Jungen überhaupt etwas mit dem alten Knacker und seiner Gitarre zu tun haben wollten. Außerdem habe Angst er gehabt, in die Verantwortung zu gehen. „Ich habe mich erst gedrückt“, sagt er. Heute fühle er sich glücklich und beschenkt, es getan zu haben.

Tatsächlich blieben am Ende nur vier. Mit ihnen gründete Balke die Zollhausboys. Mit dem Song- und Kabarettprogramm stehen die vier jungen Syrer, der Profimusiker Gerhard Stengert und Pago Balke seit August 2017 auf der Bühne. Insgesamt hatten sie über 40 Auftritte, die im Bremer Raum meist ausverkauft sind.

Dass es so gut läuft, liegt aus Sicht von Balke an der Gestaltung. Das Programm setzt nicht auf den Mitleidsbonus, sondern auf gute Unterhaltung. „Die Gefahr, dass etwas rührselig wird, statt berührend, besteht immer“, sagt Balke. Er habe lange zugehört, und so wurden aus den Geschichten von Delyar Hamza, Azad Kour, Shvan Sheikho, Ismaeel Foustok Lieder. Heiter sind sie, berührend, mit satirischen Elementen. Kurzum: Die Prosa ist gut verpackt.

Sie verzichtet dabei weder auf Parallelen zwischen der alten und neuen Heimat, noch auf politische Attacken gegen Rechts. So ist der Song „AfDesaster“, eine Zusammenstellung von Originalzitaten. Parallelen werden zwischen dem zerbombten Aleppo und dem ebenso zerbombten Bremen nach 1945 gezogen.

Information

Pago Balke

Der 1954 geborene Kabarettist, Schauspielers, Sängers, Regisseurs und Autor Pago Balke wuchs in Hameln auf und machte sein Abitur 1972 am Schiller-Gymnasium. Bis heute ist er befreundet mit mit seinem Latein- und Deutschlehrer Jürgen Schoormann. Später studierte er Kunst und Germanistik an der Universität Bremen. Er hat zahlreiche Preise erhalten, unter anderem den Bernhard-Wicki-Preis des Filmfest EEmden, Prädikat „Besonders wertvoll“, den Publikumspreis auf dem Festival des Deutschen Films in San Francisco für “Verrückt nach Paris“ und zuletzt den Friedens- und Kulturpreis der Villa Ichon.

Bei aller Heiterkeit bleiben die zentralen Themen Flucht, Heimat und Fremdheit. Zu Hause waren die Zollhausboys im kurdischen Kobani und im arabischen Aleppo. Nun sind sie in Bremen und singen: „Wie die Stadtmusikanten haben wir Zuflucht genommen und sind im Zollhaus angekommen. Es ist vielleicht nicht der Himmel auf Erden, doch wenn wir es wollen, kann es wunderbar werden.“ Der Song hat auch eine kurdische und eine arabische Strophe.

Für die inzwischen 18 bis 20 Jahre alten jungen Erwachsenen ist die Arbeit mit Balke wohl die beste Integration gewesen. Sie haben schnell Deutsch gelernt, außerdem Verbindlichkeit und Professionalität auf der Bühne. Und dürfen – vielleicht das Wichtigste – von ihrer Sehnsucht nach der Heimat erzählen.

Aufgeführt wird das Stück am Vorabend zum Tag der Deutschen Einheit. Es soll helfen, eine Brücke zu schlagen zwischen den Kulturen und dazu beitragen, dass aus der „Willkommenskultur eine „Wokommenwirdenndahin-Kultur“ wird.


Die Zollhausboys, 2. Oktober, ab 19.30 Uhr, Theater Hameln, Tel. 05151/916220



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