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Verbände wehren sich gegen kürzere Dienstzeit / Hohe Mehrkosten für den Landkreis befürchtet

Zivi nur für ein halbes Jahr? – „Viel zu kurz“

Hameln (mau). Ohne die Hilfe „seines“ Zivis Philipp hätte es Marco (Name von der Redaktion geändert) während seines Schulalltags wesentlich schwerer. Seit dem 1. August ist der 19-jährige Philipp Integrationshelfer an einer Grundschule in Hameln. Er betreut den körperlich beeinträchtigten Erstklässler. Nach mittlerweile drei Monaten sind die beiden ein eingespieltes Team: „Es wäre das Schlimmste, wenn ich jetzt ein anderes Kind bekommen würde. Man benötigt schon einige Wochen, um sich aneinander zu gewöhnen,“ erklärt Philipp. Eine Verkürzung des Zivildienstes, die im Zuge einer kürzeren Wehrdienstzeit käme, hält Philipp für unsinnig: „Es ist selbstverständlich, dass man sich nicht von heute auf morgen gut miteinander versteht. Wegen diverser Lehrgänge verbringt man ohnehin fast drei Wochen ohne das zu betreuende Kind.“ Zähle man noch Einarbeitungszeit, Urlaub und Fehltage drauf, dann blieben dem Zivildienstleistenden und dem Kind künftig nicht mal mehr zwei Monate miteinander. Philipp: „Da hat das Kind nichts von, und für die Eltern ist es auch eine Zumutung, wenn sie ihr Kind alle sechs Monate wem anders anvertrauen müssen.“

veröffentlicht am 03.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 02:21 Uhr

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Bei Zivildienstleistenden, die in der Pflege eingesetzt sind, sei eine Verkürzung von neun auf sechs Monate nicht hinnehmbar, meint auch der Paritätische Wohlfahrtsverband. Er erwägt gar den Ausstieg aus dem Zivildienst. Neben Philipp arbeiten beim Paritätischen Hameln-Pyrmont noch 23 andere Zivildienstleistende und 33 junge Leute, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) absolvieren. Im Landkreis arbeiten derzeit 168 Zivildienstleistende bei 82 Institutionen. „Wir vom Paritätischen sind nicht dazu verpflichtet, Zivildienstleistende zu beschäftigen. Im Falle einer Verkürzung würden wir mit zusätzlichen Freiwilligen, die ein FSJ absolvieren, und ausgebildeten Erziehern die fehlenden Zivis kompensieren,“ erklärt Norbert Raabe vom Paritätischen Hameln-Pyrmont. Im Vergleich zu Zivildienstleistenden würden ausgebildete Erzieher aber rund dreimal so viel kosten. „Auf den Kreis kämen nach unserer Rechnung dann bis zu 100 000 Euro zusätzlich pro Jahr zu, um die Pflege, wie sie zurzeit allein von uns geleistet wird, aufrechtzuerhalten.“ Aufgrund des Kostenaspektes rechnet Raabe eher nicht damit, dass der Zivildienst auch tatsächlich verkürzt wird.

Michael Vogel von der Tönebön-Stiftung steht einer kürzeren Zivi-Zeit ebenfalls kritisch gegenüber: „Wenn die Zivildienstleistenden vernünftig eingearbeitet sind, wäre ihre Zeit bei uns schon fast wieder um. Im Bereich der Haustechnik oder beim ,Essen auf Rädern‘ ist das kein so großes Problem. Im Pflegebereich, in dem eng mit Menschen gearbeitet wird, hingegen schon.“ Bei der Tönebön- Stiftung würde notfalls ähnlich vorgegangen wie beim Paritätischen – mit zusätzlichen Freiwilligen. „Für die muss aber dann das Kontingent erhöht werden. Das ist eine Sache der Bundesländer, da haben wir keinen Einfluss drauf.“ Zivildienst können junge Männer auch beim Rettungsdienst absolvieren. Mit Ausbildung und ausreichender Einweisung wäre ein sechsmonatiger Zivildienst beim Roten Kreuz zu kurz, sagt Benjamin Kilian vom DRK Hameln-Pyrmont. „Die meisten, die zu uns kommen, sind gerade erst aus der Schule raus und zum ersten Mal berufstätig. Die Ausbildung und Einweisung würde sich nicht lohnen.“ Schon bei der derzeitigen Neunmonatsregelung gebe es Probleme: „Jeden Sommer wird es zwischen dem Weggang des alten und der Ankunft des neuen ,Zivi‘ schwierig. Da gibt es eine Art Sommerloch.“ Auch beim DRK denke man für den Fall der Fälle über mehr Freiwillige nach. „Da müssen sich die Rahmenbedingungen aber wesentlich verbessern.“ Wenn sechs Monate Wehrdienst zwölf Monaten schlechter bezahltem Freiwilligendienst gegenüberstünden, dann sieht Kilian keine Zukunft für eine solche Reglung.

Von einer kürzeren Zivildienstzeit sind noch am wenigsten die Einsatzstellen betroffen, die ihre Dienstleistenden als eine Art Hausmeister beschäftigen, zum Beispiel in der Jugendherberge Hameln. Der 23-jährige David Rausch ist dort der aktuelle Zivi: „Wenn man in der Pflege tätig ist, ist es zwar kritischer. Aber auch ich würde es schade finden, wenn man nach der Eingewöhnungsphase schon wieder weg muss. Ich finde die neun Monate genau richtig.“

Norbert Raabe, Geschäftsführer des Paritätischen.
  • Norbert Raabe, Geschäftsführer des Paritätischen.

Der Zivildienstleistende

Maxim Stele beim Bettenmachen im Hamelner Krankenhaus. Vor allem in Pflegeberufen wäre eine Verkürzung des Zivildienstes auf sechs Monate angeblich problematisch.

Foto: Dana

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