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Künstler Gunter Demnig in Hameln

Zehn neue Stolpersteine verlegt: Gegen das Vergessen

HAMELN. „Routine wird das nie“, sagt Gunter Demnig – und schaut unter seinem Krempenhut hervor. Sein Knieschoner sieht etwas mitgenommen aus. Kein Wunder: 60.000 Stolpersteine hat er in Europa bereits verlegt. Nun sind in Hameln zehn dieser Steine hinzugekommen. Sie erinnern an NS-Opfer und erzählen bewegende Geschichten.

veröffentlicht am 27.09.2018 um 16:31 Uhr
aktualisiert am 27.09.2018 um 18:26 Uhr

Fünf Stolpersteine erinnern vor dem Haus an der Kaiserstraße 21 seit gestern an die Familie Blank. Foto: mo
Muschik, Moritz

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Der Verkehr braust und dröhnt. Viele Autos rauschen in diesen Minuten vor dem Haus an der Deisterstraße 45 vorbei. Und trotzdem ist es für einen Moment irgendwie ganz leise. Künstler Gunter Demnig hat gerade vier Steine mit einer Oberfläche aus Messing in das Pflaster eingelassen. Auf einem von ihnen steht „deportiert 1942“, darunter „Ghetto Warschau“ und ganz unten: „ermordet“.

Es ist die Geschichte von Max Birnbaum, der mit seiner Frau Margarete eine Eisenwarenhandlung betrieb. Auf den Boykott jüdischer Geschäfte folgte die Geschäftsaufgabe, auf den Versuch auszuwandern die Haft. Margarete Birnbaum nahm sich 1939 im Gerichtsgefängnis Am Zehnthof das Leben, ihr Mann wurde 1942 in das Ghetto Warschau deportiert. Ihre Kinder konnten fliehen: Grete Birnbaum nach Palästina, Alfred Birnbaum nach England.

Zehntklässler des Viktoria-Luise-Gymnasiums stellen die Geschichten der Opfer an diesem Donnerstag dar. Zusammen mit Historiker Bernhard Gelderblom haben sie die Biografien aufbereitet. Geschichtslehrerin Katharina Zabel sagt: „Das macht die Geschichte so greifbar.“ Ihre Klasse habe sehr interessiert und mitfühlend an den Vorträgen gearbeitet.

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Und so erzählen die Schüler vor dem Haus an der Kaiserstraße 21 wenig später die Geschichte der Familie Blank. Albert Blank war 1910 Mitbegründer der Hamelner Teppichfabrik Otto Kuhlmann. 1934 wurde das Unternehmen „arisiert“, Albert Blank und sein damaliger Geschäftspartner verloren ihren Betrieb. Mit seiner Frau Luise und den Töchtern Hilde und Ursula zog er nach Berlin. Tochter Eva ging bereits in der Schweiz zur Schule. 1936 floh die Familie über die Niederlande nach London.

„Wir sind der lebendige Beweis, dass es die richtige Entscheidung war, Hameln zu verlassen“, sagt Geoff Harris. Er ist der Sohn von Eva Blank – und mit anderen Angehörigen nach Hameln gekommen. „Wenn das Leben anders gelaufen wäre, würde ich vielleicht fließend Deutsch sprechen und in dieser wunderschönen Stadt leben“, sagt Harris. „Traurig, dass die schwarzen Wolken der Intoleranz wieder größer werden.“

Beim Empfang der Angehörigen im Hochzeitshaus – über 20 sind gekommen – findet auch Katharina Burgess mitreißende Worte: „Meine Oma hat zehn Kinder allein großgezogen. Was muss das für eine starke Frau gewesen sein“, sagt die Enkelin von Willy Nega unter Tränen. An das nichtjüdische Opfer der Nazis erinnert seit Donnerstag ein Gedenkstein an der Ohsener Straße zwischen der Ruthen- und Kuhbrückenstraße.

Dort lebte die Familie Nega, bis ihnen eine Wohnung in der Behelfssiedlung Am Hamelwehr zugewiesen wurde. Willy Nega wurde 1938 in „Schutzhaft“ genommen und im Rahmen der sogenannten Aktion „Arbeitsscheu Reich“ deportiert. Damals nahm die Gestapo 10.000 dem Regime unliebsame Personen fest und lieferte sie in KZs ein. Nega durchlief mehrere Konzentrationslager, bevor er 1940 im KZ Dachau ums Leben kam. Die Familie hat nie eine Entschädigung erhalten.

„Es war die fünfte Stolpersteinverlegung in Hameln“, sagt Historiker Bernhard Gelderblom. „Aber wegen der Anwesenheit zahlreicher Angehörigen hat mich keine so berührt wie diese.“ Als Vorsitzender des Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte dankt er allen, die die Verlegung mit Spenden unterstützt haben. Und Bürgermeisterin Karin Echtermann (SPD) fügt hinzu: „Wir wollen die Erinnerung wachhalten an Menschen, denen unsagbares Unrecht zugefügt wurde.“

Mein Standpunkt
Muschik, Moritz
Von Moritz Muschik

Wir sollten die schrecklichen Naziverbrechen nie vergessen. Erst recht nicht in einer Zeit, in der Rechtspopulisten auf dem Vormarsch sind.



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