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Entrechtet, verfolgt, ermordet

Zehn neue „Stolpersteine“ in Hameln - Zehn bewegende Geschichten

HAMELN. Vor vielen Häusern der Stadt finden sie sich bereits, die Pflastersteine mit der Oberfläche aus Messing. Die sogenannten Stolpersteine erinnern mit ihren Inschriften an Hamelner, die von den Nazis verfolgt beziehungsweise ermordet wurden. 68 Steine sind in den vergangenen knapp fünf Jahren verlegt worden. Nun kommen an drei Plätzen zehn weitere dazu.

veröffentlicht am 10.08.2018 um 19:21 Uhr
aktualisiert am 13.08.2018 um 10:41 Uhr

Diese Aufnahme, die um 1934 entstand, zeigt Eva Blank (hinten re.) und den Lehrer Hans Weiss (hinten li.) sowie Grete Birnbaum (mit Zöpfen) und Alfred Birnbaum (vorn li.). Foto: Sammlung Gelderblom/pr
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite
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Verlegt werden die Stolpersteine in der Regel dort, wo die Opfer in Hameln ihre letzte frei gewählte Bleibe hatten. Für die Familie Birnbaum war das die Deisterstraße 45, wie der Hamelner Historiker Bernhard Gelderblom recherchiert hat. Dort betrieben die Eheleute Max und Margarete Birnbaum eine Eisenwarenhandlung. Auf den Boykott jüdischer Geschäfte folgte die Geschäftsaufgabe, auf den Versuch auszuwandern die Haft. Margarete Birnbaum nahm sich 1939 im Alter von 44 Jahren im Gerichtsgefängnis Am Zehnthof das Leben, ihr Mann wurde 1942 in das Ghetto Warschau deportiert und ermordet. Ihre Kinder konnten fliehen, Grete Birnbaum nach Palästina, Alfred Birnbaum nach England.

Weitere fünf Stolpersteine werden an der Kaiserstraße 21 verlegt. Dort lebte die Familie Blank. Albert Blank war 1910 Mitbegründer der Hamelner Teppichfabrik Otto Kuhlmann. In den 1920er Jahren florierte das Geschäft. Doch 1934 wurde das Unternehmen „arisiert“, Albert Blank und sein damaliger Geschäftspartner Ernst Josephs verloren ihren Betrieb. Albert Blank zog mit seiner Frau Luise und den Töchtern Hilde und Ursula nach Berlin, Tochter Eva ging bereits in der Schweiz zur Schule. 1936 wanderte die Familie über die Niederlande nach London aus. Die Teppichwerke Otto Kuhlmann gingen an Hans Preis & Söhne für einen Spottpreis über. In den 1950er Jahren wurden aus den Teppichwerken Kuhlmann die OKA-Teppichwerke. 1949 stellten Albert Blank und Ernst Josephs Anträge auf Rückerstattung. 1951 wurden sie mit 1 750 000 D-Mark abgefunden.

Ein weiterer Stolperstein wird an der Ohsener Straße zwischen Ruthen- und Kuhbrückenstraße verlegt. Dort, an der Bückebergstraße 44 – im Dritten Reich hieß die Ohsener Straße noch Bückebergstraße – lebte Willi Nega 1936 mit seiner Familie. Wenig später wurde den Negas eine Wohnung in der Behelfssiedlung Am unteren Hamelwehr zugewiesen. Weil die Familie so groß war (die Negas hatten zehn Kinder), wurde das Hamelwehr auch als „Nega-Dorf“ bezeichnet. Wie im Rahmen der Dewezet-Serie „Die Menschen vom Hamelwehr“ bekannt wurde, ist Willi Nega 1938 in „Schutzhaft“ genommen und im Rahmen der gegen sogenannte „Asoziale“ gerichteten „Aktion Arbeitsscheu Reich“ deportiert worden. Er durchlief mehrere Konzentrationslager, bevor er 1940 im KZ Dachau ums Leben kam. Die Familie hat nie eine Entschädigung erhalten. Nega ist das zweite nichtjüdische Opfer der Nazis, dem in Hameln ein Stolperstein gesetzt wird.

So sehen die Stolpersteine aus, bevor sie verlegt werden. Foto: Dana
  • So sehen die Stolpersteine aus, bevor sie verlegt werden. Foto: Dana

Verlegt werden die neuen Steine im Beisein von Angehörigen der Opfer am 27. September durch den Künstler Gunter Demnig. Schüler des Viktoria-Luise-Gymnasiums werden die mit Historiker Bernhard Gelderblom aufbereiteten Biografien der Opfer darstellen, die nach der Steinverlegung auch auf der Website des Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte nachzulesen sein werden. Der Rat der Stadt hatte 2013 beschlossen, sich an dem Erinnerungsprojekt zu beteiligen. Der Hamelner Verein rekonstruiert die Geschichten der von den Nazis verfolgten und ermordeten Hamelner und organisiert die Verlegung der Stolpersteine.

Spenden: Die Kosten pro Stolperstein betragen 120 Euro. Dafür ist der Verein auf Spenden angewiesen: Sparkasse Hameln-Weserbergland, IBAN: DE 56 2545 0110 0031 0031 55, Verwendungszweck „Stolpersteine“.

Mein Standpunkt
Philipp Killmann
Von Philipp Killmann

In einer Zeit, in der Rechtspopulisten das Dritte Reich gern ausblenden oder gar schönreden, ist es umso wichtiger, an die Menschen zu erinnern, die den Naziverbrechern zum Opfer fielen. Denn wenn die Erinnerung an diese Barbarei in Vergessenheit gerät, besteht die Gefahr, dass wir sie wiederholen.



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