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„Kunden-“Anzahl“ sprunghaft gestiegen

Zehn Jahre Tafel – ein eher trauriger Erfolg

Hameln (sto). Viermal wöchentlich sorgt die „Hamelner Tafel“ in der Ruthenstraße 10 dafür, dass auch Menschen mit ganz kleinem Geldbeutel groß „einkaufen“ gehen können, satt werden und nicht auf eine abwechslungsreiche Ernährung verzichten müssen. Im Juni wird der gemeinnützige Verein zehn Jahre alt. Die „Erfolgsgeschichte“ ist bemerkenswert, denn die Zahl der Kunden steigt von Jahr zu Jahr.

veröffentlicht am 12.03.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.11.2016 um 07:41 Uhr

Herbert Schnelle packt einen Korb voller Eier in das Kühlhaus
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„Das ist aber eher ein trauriger Erfolg, denn besser wäre es, es gäbe die Tafel gar nicht, aber leider wird die Armut in Deutschland und somit auch in Hameln immer größer“, bedauert Wolfgang Asche. Seit acht Jahren ist er Vorsitzender des etwa 90 Mitglieder zählenden Vereins, in dem an die 70 Frauen und Männer ehrenamtlich arbeiten. Bei der nächsten Jahreshauptversammlung möchte er jedoch in den „Ruhestand“ gehen und Hartmut Kahle, den derzeit amtierenden Beisitzer, als Nachfolger vorschlagen.

Es sind „Kunden“ – so die Philosophie

Seit Gründung der Hamelner Tafel durch etwa 20 engagierte Frauen und Männer und unter Vorsitz von Michael Deppe sei die Kundenzahl stetig angestiegen. „Es ist eine Philosophie der Tafel, die Bedürftigen als Kunden zu bezeichnen“, erklärt Asche. Waren es 1999 lediglich 75, liege der aktuelle Stand derzeit bei 1485 Personen. Zum Kundenkreis gehören Hartz-IV-Empfänger, Alleinerziehende, Menschen mit geringer Rente und kinderreiche Familien. Tafel-Kunden müssen ihre Bedürftigkeit nachweisen. „Das heißt, sie müssen uns einen Sozialhilfebescheid, einen Grundsicherungsbescheid oder einen Rentenbescheid vorlegen“, erklärt Tafel-Mitarbeiter Herbert Schnelle. Sei die Bedürftigkeit festgestellt, werde ein Kundenausweis ausgestellt.

Vier Tonnen Lebensmittel pro Woche

An den vier Ausgabetagen (dienstags bis freitags von 9.15 Uhr bis 11.30 Uhr) werden jeweils etwa 100 „Tafel-Kunden“ bedient. Viele von ihnen haben Familie und erhalten einen dementsprechend großen Anteil an Lebensmitteln. „Etwa 23 Prozent unserer Kunden sind Kinder“, weiß Asche. Jede Woche gehen etwa vier Tonnen Lebensmittel aller Art kostenlos über den „Ladentisch“. Für einen reibungslosen Ablauf sorgt der Verteilerdienst. Die Ausgabe gleicht einem Einkauf im „Tante-Emma-Laden“. Ein freundlicher, respektvoller Umgang und nette Gespräche sind selbstverständlich. „Was darf’s denn sein?“, fragt Ursula Döring und zeigt auf ein mit Brot und Kuchen gefülltes Regal. „Ich möchte ein Körnerbrot und etwas Kuchen“, antwortet eine Kundin. Auf diese Weise werden auch die anderen Lebensmittel verteilt. „Ganz nach dem Bedarf der Kunden“, sagt Hartmut Kahle. Vorausgesetzt, die ge-wünschten Lebensmittel seien vorrätig.

Ein Bild aus den Anfängen der Hamelner Tafel mit Michael Deppe (
  • Ein Bild aus den Anfängen der Hamelner Tafel mit Michael Deppe (2. v. li.), dem Mann der ersten Stunde und Helfern. Foto: pr

Der Nachschub von Waren, deren Haltbarkeitsdatum in Kürze abläuft, jedoch nicht überschritten sein darf, wird derzeit von etwa 18 Verbrauchermärkten, 16 Supermärkten, sechs Bäckereien, fünf Schlachtereien, zwei Reformhäusern und vier Industrieunternehmen kostenlos zur Verfügung gestellt und von Tafel-Mitarbeitern in das Lager in der Ruthenstraße gebracht. „Wir hoffen, diese Firmen bleiben uns erhalten. Sonst können wir der steigenden Kundenzahl nicht mehr gerecht werden“, so Asche. Für den Transport stehen derzeit zwei Fahrzeuge zur Verfügung, eins mit und eins ohne Kühlung. Ein zweites Kühlfahrzeug wird angestrebt.

Neue Lagerräume werden gesucht

Die Hamelner Tafel, die auch von namhaften Sponsoren unterstützt wird, erhält übrigens auch Lebensmittel von den „Food-Banks“, bei denen Überproduktionen gesammelt und verteilt werden. „Leider können wir manchmal nicht alle Paletten annehmen, da unsere Lagerkapazität nicht ausreicht“, so Asche. Dringend sucht die Hamelner Tafel deshalb ebenerdige Räume, die als Lager geeignet sind. Bei der steigenden Kundenzahl sei eine Lagererweiterung unerlässlich. Vor zehn Jahren habe ein kleines Gebäude in der Domeierstraße ausgereicht.

Die erste Lebensmittelverteilung hat im September 1999 in einem alten Kleinlastwagen am Münster und bei der St.-Elisabeth-Gemeide stattgefunden. Das erste Ladenlokal wurde im Dezember 1999 in der Neuen Marktstraße eröffnet. Fünf Jahre später ist die Tafel in die Ruthenstraße gezogen. „In der Neuen Marktstraße wurde es viel zu eng. Es gab sogar Ärger mit der Nachbarschaft“, erinnert sich Asche. Ansonsten könne er sich nicht an Ärger oder Hürden erinnern, die es zu bewältigen gegeben hätte.

Die Hamelner Tafel, die in Bad Münder eine Außenstelle betreibt, wird ab April wahrscheinlich einige Kunden weniger haben, da auch in Salzhemmendorf eine Tafel eröffnet werden soll. Eine Konkurrenz? Die Hamelner Tafel habe zwar ein „Nein“ kundgetan, da die gesetzlichen Richtlinien einen Mindestabstand an Kilometern vorgeben, aber: „Es geht um bedürftige Menschen, egal, wo sie wohnen. Da darf es kein Konkurrenzdenken geben“, betonen Asche und Kahle.

Herbert Schnelle packt einen Korb voller Eier in das Kühlhaus. Foto: sto



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