weather-image
24°

Patienten und Kollegen trauern um einen Mediziner und seine Frau / „Er war der Beste seines Fachs“

Wurde Arzt-Ehepaar Opfer des Gesundheitssystems?

Hameln. Kurz bevor er gemeinsam mit seiner Frau freiwillig aus dem Leben geschieden ist, sei er „verbittert und menschlich enttäuscht“ gewesen, erzählt eine Aerzenerin über einen recht bekannten ehemaligen Hamelner Klinik-Arzt, dessen Patientin sie viele Jahre war. Seit Wochen wird über den tragischen Tod des Ehepaares diskutiert – sowohl in der realen Welt als auch in der virtuellen auf Facebook. Dabei werden zutreffende Details mit falschen Informationen vermischt und immer neue Geschichten erzählt. Immer absurder muten manche Spekulationen an. Sogar von einem Doppelmord war schon die Rede. Fakt ist: Die Polizei hat keinen Zweifel daran, dass die Eheleute diesen letzten Weg gemeinsam gegangen sind – aus freien Stücken. Viele glauben, der Mediziner sei Opfer des immer mehr nach wirtschaftlichen Kriterien ausgerichteten Gesundheitssystems geworden. Aber ist das auch der Grund, der das Arzt-Ehepaar tatsächlich in die Enge getrieben hat?

veröffentlicht am 12.12.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 12:21 Uhr

Autor:

VON ULRICH BEHMANN
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Der Facharzt war zuletzt niedergeschlagen, wollte Hameln den Rücken kehren. Es halte ihn hier nichts mehr, hat er noch wenige Wochen vor seinem Tod dem Autor dieser Zeilen gesagt. Namen nennen wir nicht, verzichten bewusst auf die Schilderung von Begleitumständen, weil die Berichterstattung über Selbsttötungen Zurückhaltung gebietet.

Es gibt sicher ein ganzes Motivbündel für das, was geschehen ist – es hat auch etwas mit dem Gesundheitssystem zu tun. Der Arzt galt als hervorragender Diagnostiker und als ein Experte auf seinem Gebiet. Er wurde geachtet und respektiert. Es gibt Menschen, die glauben, dass sie ihm ihr Leben zu verdanken haben. Bei all dem Druck im Gesundheitssystem sei der Arzt stets Mensch geblieben, sagen viele, die ihn gut kannten. Dieser Mediziner, meint Brigitte Wehrhahn, habe die Menschlichkeit immer in den Vordergrund gestellt, seinen Patienten auch schwierige Diagnosen nahegebracht und ihnen diese nicht einfach nur mitgeteilt. Sie werde ihm auch über seinen Tod hinaus „immer dankbar sein“. In einem Brief, der unsere Redaktion erreichte, hat Brigitte Wehrhahn ihre Gedanken zum Tod des Arztes formuliert. Darin heißt es unter anderem: „Menschlichkeit ist in unserer Zeit nicht mehr gefragt. In unserer Zeit zählt einzig und allein der Profit.“ Und das sei nicht die Welt dieses „besonderen und bescheidenen“ Arztes gewesen. Auf Facebook hat Manuela Davison gepostet: „Auch ich habe über Jahre seine Kompetenz und Menschlichkeit zu schätzen gewusst und bin traurig und erschüttert, dass derartige Umstände zum Freitod dieses außergewöhnlichen Menschen geführt haben.“ Sabine Witzky stellt die Frage: „Wie verzweifelt muss man sein, um so einen Weg zu gehen? Ich bin total traurig und fassungslos: Auch ich habe ihm wahrscheinlich mein Leben zu verdanken.“

Es war sicher nicht nur der Frust über das Gesundheitssystem, der ihm so zugesetzt hat. Es gab wohl mehrere Gründe, die aber zumindest indirekt mit seiner früheren Tätigkeit im Zusammenhang stehen sollen. Die Kassenärztliche Vereinigung hatte dem Arzt vorgeworfen, er habe seinen Ermächtigungsumfang überschritten, also Leistungen abgerechnet, die er nicht hätte erbringen dürfen. Konkret ging es um Nachsorge- und Kontrolluntersuchungen bei Kassen-Patienten, die er nicht mehr hätte behandeln sollen, weil bestimmte Leistungen nur von niedergelassenen Ärzten durchgeführt und abgerechnet werden dürfen. Honorare in Höhe von 95 000 Euro sollte der ehemalige Klinik-Arzt zurückzahlen. Der in Regress genommene Mediziner empfand das als Ungerechtigkeit. Er behauptete seinerzeit, sein Arbeitgeber sei über seine Untersuchungen im Bilde gewesen und habe 83 Prozent der Honorare bekommen. Er klagte vor dem Arbeitsgericht Hameln, verlangte von der Klinik 79 000 Euro. Der Arbeitgeber bestritt, etwas von den nicht durch die Ermächtigung der Kassenärztlichen Vereinigung abgedeckten Untersuchungen gewusst zu haben. Im Juni endete der Prozess mit einem Vergleich: Die Klinik musste dem Arzt lediglich zehn Prozent, also 9500 Euro, zurückzahlen.

Eine Patientin will gehört haben, dass der Richter sinngemäß gesagt hat: „Es ist nicht immer richtig, was recht ist.“ Mutmaßlich war es der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Unter der Situation hat der Arzt sehr gelitten. Er habe sich „ungerecht behandelt, verraten und verkauft“ gefühlt, heißt es. Dass er nur zum Wohle seiner Patienten so gehandelt hat, habe am Ende keinen Menschen mehr interessiert, hat er einmal verbittert geäußert. Aus seiner Sicht hatte er den Prozess verloren. Das hat er Dr. Katrin Jensch erzählt und ihr gegenüber angekündigt, er werde nun sein Haus verkaufen und zu seiner Tochter ziehen. Aber das sei schon in Ordnung.

Die niedergelassene Ärztin sagt, sie habe ihre Patienten nicht ohne Grund zu diesem Kollegen geschickt. „Er war der Beste seines Fachs.“ Es gehe zuallererst um das Wohl der Patienten, nicht um Interessen oder um das Recht, sagt Dr. Katrin Jensch. Mit der Klinik, in der der verstorbene Kollege gewirkt habe, arbeite man seit jeher vertrauensvoll zusammen. Ihre Worte seien nicht gegen diese Abteilung gerichtet.

Sie und der Hamelner Arzt Robert Baumann äußern sich in einem Brief an die Dewezet so: „Ein großartiger Kollege und Mensch hat uns verlassen. Mögen diejenigen, die das zu verantworten haben, irgendwann ihre gerechte Strafe bekommen. Gott straft nicht mit den Händen.“



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?