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Büchnerpreisträgerin Felicitas Hoppe stellt ihren neuen Roman „Prawda“ vor

Wortwanderin on Tour

HAMELN. Gewissermaßen off Broadway und Testlauf – vor allem aber: Heimspiel für Felicitas Hoppe, „Hamelner Gewächs“, wie Bernd Bruns, Vorsitzender der Bibliotheksgesellschaft, sie in seiner Begrüßung am Sonntagvormittag vorstellte. „Mit Vikilu-Abi“. 2012 mit dem Büchnerpreis ausgezeichnet – mehr hat Deutschland literarisch nicht zu vergeben.

veröffentlicht am 27.11.2017 um 16:55 Uhr

Felicitas Hoppe stellte in der Pfortmühle ihren neuen Roman vor. Foto: fn
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Autor

Richard Peter Reporter

Zuletzt 2013 in der Pfortmühle mit ihrer fiktiven Autobiografie „Hoppe“ und so ganz gegen die Realität phantasiert als Einzelkind mit Papa in Kanada. Und wieder bekannt: „Ich bin gerne in Hameln“. Und der Stadt auch via Rattenfänger verbunden, dessen skurrile Geschichte sie in einer spannenden Aktion zuende schreiben wollte. Und der Pfeifer als positive Figur, weil das Fortgehen, das Aufbrechen neue Perspektiven bildet. Und eine kleine Reminiszenz mit „Hoppe“ – und wörtlich eingestiegen mit: Dann kommst du also aus Hameln“ – und erzählt, wie die Kinder unter dem Berg weiter ins Licht wandern, plötzlich in Kanada herauskommen. Wären sie in Hameln geblieben, so Hoppe, „säßen sie noch immer da und wüssten nichts mit sich anzufangen“. Weil es in Kanada einen Bürgermeister Neumann gibt, der mit den Hoppes verschlungen verbandelt ist, in Berlin zufällig auf einen Stapel „Hoppe“-Bände trifft und in der Folge auf seine Stadt. Und natürlich negierte die reale Hoppe die Warnung ihres Verlegers: „Versuchen Sie nie, ihre Romanfiguren zu treffen“.

Nach dem ziemlich familiären Einstieg – der eigentliche Matinee-Anlass: „Das eingeschossige Amerika“, ein Reise-Erlebnis der Autoren der berühmten „Zwölf Stühle“ und „Ein Millionär in der Sowjetunion“, Evgenij P. Petrov und Ilja A. Il’f, zwei Satiriker, deren chaplineske Tücke groteske Szenen formt. Absurde Übertreibungen wechseln sich ab mit Understatement, das nicht weniger bissig Bürokratismus und Bestechlichkeit im Sowjetstaat anprangert. Il’f und Petrov waren, unter dem Patronat der „Prawda“ zu einer Reise durch die Vereinigten Staaten aufgebrochen.

Das musste Felicitas Hoppes Fantasie reizen, diese seltsame Reise zu wiederholen, die Texte der beiden schreibenden Stars rund 80 Jahre später neu zu erleben. „Ich reise hinterher“ wie Hoppe sagt. Dieselbe Route, für die Il’f und Petrov vier Monate brauchten und 10 000 amerikanische Meilen hinter sich brachten. Die Nachreisenden, vier unterschiedliche Künstler, waren fünfeinhalb Wochen mit dem Auto unterwegs.

Hoppe liest eine ebenso witzige wie typische Passage in der es darum geht, Amerika kennen zu lernen. Und die Erkenntnis, dass weder New York noch Washington für Amerika stehen. Und besonders schön: während Hoppe die beiden Russen liest, zieht draußen die reale Landschaft vorbei – und wie nebenbei kommt die Warnung: „Schriftstellern nicht zu vertrauen.“ Und Hoppe auf Ego-Fantasie-Trip mit Klischees und deren Gegenteil und mit Füßen auf dem Tisch: „Wir sind hier doch nicht in Amerika“, wie es in ihrer Familie hieß. Und kreuz und quer fantasiert, weil „im Traum alles leicht ist“.

Fragestunde: Was gesucht im Land, wenn sie während der Fahrt Bücher gelesen hat? „Eine Zuspitzung“, wie Hoppe entgegnet – aber auch: Naturbeschreibung und erkannt: „Wie Einheimische Einheimische spielen“. Und klar doch: Amerika als touristisches Land. Service-Gesellschaft. „Was die Mentalität betrifft“, so Hoppe, treffen die beiden Russen „ins Schwarze“. Und der amerikanische „Optimismus“ nicht nur als Option. Und die Faszination Silicon Valley mit seinen bescheidenen Baracken, wo die neue Welt gedacht wird. Die „Idee des neuen Menschen“. Und die Frage, wie Il’f und Petrov darüber geschrieben hätten - und die Verwirklichung unserer Märchen postuliert „Tischlein deck‘ dich“ oder „Sie ging zu den Sternen“. Und „Prawda“ als eine Art „fremdbestimmtes Reisen“ erklärt und bekannt: „Man braucht zum Reisen Naivität“.Und ausgerechnet die Wortwanderin, die so unermüdlich unterwegs ist: „Reisen ist anstrengend“. Und zuletzt – eine Art Weihnachtsschmankerl aus Charles Darwins Patagonien: ein brillantes Gedicht zu „Drawins Gans“, wenn sich Menschlichkeit auf Seekrankheit reimt.

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