weather-image
22°

Sozialphilosoph Professor Oskar Negt über mehr Freiräume in Schulen, Zwänge und das Auseinanderdriften der Gesellschaft

Wofür lernen wir?

Herr Professor Negt, wie waren Sie als Schüler?

veröffentlicht am 09.04.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 29.10.2016 um 22:41 Uhr

270_008_7701791_hm203_negt_0804.jpg
Weiterlesen für 20 Cent oder mit Ihrem Digital-Abo
Sie haben bereits ein Digital-Abo der DEWEZET? Dann melden Sie sich hier mit Ihren DEWEZET -Login an und lesen Sie den Text, ohne Ihn bei LaterPay bezahlen zu müssen.

Ich war ein schlechter Schüler. Ich gehörte zu den Flüchtlingskindern, die nicht richtig in das Schulsystem integriert waren. Ich hatte irgendwann den Entschluss gefasst, meine Bildung neben der Schule zu machen.

Gab es etwas, wovor Sie Angst hatten in der Schule?

Das waren Versagensängste, leistungsmäßig nicht mitzukommen im Oberschulzweig Naturwissenschaft/Mathematik, wenn man dort die größten Schwächen hat.

Sie waren 1972 einer der Gründerväter der Glockseeschule in Hannover, einer alternativen Schule ohne Noten, ohne Zeittakt, ohne Zwang. Würden Sie alles noch mal so machen oder ständen heute andere Werte im Vordergrund?

Nein, im Prinzip würde ich es genauso machen. Es ist ein Experiment gewesen, das in die kuriose Lage kam, zum Bestandteil des öffentlichen Schulsystems zu werden. Die Schule ist gesichert durch das niedersächsische Schulgesetz als Schule besonderer Prägung. Solche Ansätze zu vervielfachen, ist ein wesentlicher Schritt bei der Entwicklung und Reform des offiziellen Schulsystems.

Erziehung zur Mündigkeit, Freiheit und Selbstbestimmung gehört zu den wichtigsten Aufgaben von Schule. Bekommen sie heute genug Raum im Unterricht?

Nein. Die Bildung von Autonomie, Urteilsfähigkeit und politischer Bildung beginnt unten, bereits in Kindertagesstätten, Schulen und Familien. Insofern ist der Freiraum, der notwendig ist, damit die Menschen das Gefühl haben, beteiligt zu sein an gesellschaftlichen Prozessen, ein wichtiger Punkt.

Hat sich die Frage, wofür wir lernen, verschoben?

Die Frage, wofür wir lernen, ist derzeit eng verbunden mit dem Erwerb von Fachkompetenzen wie zum Beispiel Technologie, Ökonomie. Aber das führt immer weniger zu gesellschaftlicher Orientierung. Die Frage ‚Wofür das Ganze‘ wird immer gravierender und hat deshalb immer größere Bedeutung im Schulsystem.

Was heißt es, wenn Lernen und Anwendungszeiten des Wissens komplett ökonomisiert werden?

Das bedeutet, dass ein wesentlicher Punkt beschnitten ist: die Zeitstruktur. Man kann Bildungsprozesse nicht nach denselben Strukturen wie eine Autoproduktion organisieren.

Sie setzen sich kritisch mit Polarisierungsprozessen in der Gesellschaft auseinander. Ist aus Ihrer Sicht ein Schulmodell zu bevorzugen, in dem Kinder möglichst lange gemeinsam lernen, um kognitive, emotionale und soziale Entwicklungen zu fördern?

Ja, die nordischen Länder unterrichten ja gute und schlechte Schüler möglichst lange gemeinsam. Die Polarisierung in Elitebildung und den Rest ist tödlich für ein kulturelles System.

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Anja Piel, ist im Landtag unlängst scharf dafür attackiert worden, als sie – verkürzt gesagt – meinte, dass sich an Gymnasien die Unternehmerkinder zusammenrotten. Ist da etwas dran?

Die Tendenzen wie Eliteschulen und Ausgrenzung sind mit Händen greifbar. Da werden Bildungsprozesse rückgängig gemacht, die es in den 1970er Jahren ansatzweise gab. Ich halte das für gefährliche Polarisierungen im Bildungssystem.

Man könnte denken, dass Kinder aus einkommensschwachen Familien vom Besuch einer Integrierten Gesamtschule profitieren. Bei der Analyse der Pisa-Ergebnisse fiel aber auf, dass die Testleistung an der Gesamtschule am stärksten von der sozialen Herkunft abhängt, auf dem Gymnasium am wenigsten. Wie kann das sein?

Manches an diesen Pisa-Studien ist nicht erklärlich. Ich glaube aber, dass wir allen Grund haben anzunehmen, dass die sozial Schwachen einen besonders großen Verhaltensraum brauchen. Ich denke, dass beispielsweise die Integration von Migranten an Schulen am besten gelingt, wenn bestimmte Dinge nicht reguliert sind. Selbstregulierung setzt aber Räume voraus, die nicht betriebswirtschaftlich organisiert sind. Im Grunde blockiert schon die Enge der Schulräume Lernprozesse.

Es fängt also beim Gebäude an?

Die Architektur ist sehr wichtig. Bei manchen Betonschulen hat man den Eindruck, dass der Höllenscherz von Dante draufstehen könnte: Wer hier durchgeht, lass alle Hoffnung fahren.

Auf den Ruf nach gemeinsamem Lernen folgt meist die Frage: Wo bleiben die Leistungsstarken?

Die Leistungsstarken profitieren auch von den Schwachen, wenn sie sich tatsächlich darauf einlassen. Indem sie den Leistungsschwachen etwas vermitteln, was die Lehrer so einfach nicht können, können sie ihre Kompetenz befestigen. Das heißt, der soziale Kontext, in dem Schule sich befindet, müsste befreit sein von der betriebswirtschaftlichen Ideologie der kurzen Wege.

Vielleicht wäre auch ein Boom von Privatschulen die Folge?

Die Tendenz ist sehr stark. Dagegen muss man kämpfen. Das gehört zum Thema Polarisierung: Polarisierung von Arm und Reich, von Zentren und Peripherie. Das heißt, es ist ein Strukturproblem – auch nicht einfach lösbar.

Kommt es nicht vielmehr auf Inhalte, Betreuungszeiten, kleine Klassen und genügend Personal an, als auf Abwesenheit von Zwang, Noten und Zeittakt?

Es kommt darauf an, dass Kinder sich auseinandersetzen können. Die Dialektik zwischen Strukturierung und Selbstregulierung ist sehr wichtig. Es muss ein hohes Maß von Selbstregulierung möglich sein, damit sich so etwas wie Autonomiefähigkeit und Urteilsfähigkeit herausbildet.

Ist Sitzenbleiben noch zeitgemäß?

Nein. Nicht nur wegen meiner eigenen Schullaufbahn (lacht) – ich habe kein einziges Zeugnis, in dem nicht steht „Versetzung gefährdet“. Das hat mir größere Albträume bereitet als die Flucht von Ostpreußen. Ich bin immer versetzt worden, weil es Lehrer gab, die auf meine Bildungsprozesse reagierten, die außerhalb der Schule lagen. Sitzenbleiben ist so wenig zeitgemäß wie das Bilden von Eliten – nichts ist unbrauchbarer in der gegenwärtigen Krisensituation. Stalinistische Eliten wie auch Nazi-Eliten haben mit das verschuldet, was das blutigste Jahrhundert ausmacht.

Niedersachsen ist zum 13. Schuljahr zurückgekehrt – der richtige Schritt?

Absolut der richtige Schritt. Das Verkürzen der Schuljahre mit demselben Pensum bedeutet natürlich diese betriebswirtschaftliche Enge der Bildung. Wenn man die Regeln der industriellen Produktion in der Bildung ansetzt, zerstört man sie.

Die Glockseeschule ist eine alternative und zugleich staatlich geförderte Schule. Dennoch gilt auch sie als Oase für Akademikerkinder, wie kommt das?

Wir haben immer dagegen gekämpft. Angedacht war die Hälfte Akademikerkinder, die Hälfte andere Kinder. Es ist ein großer Anteil von Kindern dabei, deren Eltern als Lehrer an der Glockseeschule unterrichten. Aber wir versuchen, das zu beschränken.

Interview: Dorothee Balzereit

Welche Schule brauchen wir? Vortrag der Forums-Reihe der VHS am Dienstag, 14. April, 19 Uhr, im Hamelner Schiller-Gymnasium.

Welche Schule brauchen wir? Das Thema hat Oskar Negt schon immer beschäftigt. In seinem Buch „Philosophie des aufrechten Ganges. Streitschrift für eine neue Schule“ bricht er eine Lanze für mehr Freiräume statt Lernen unter betriebswirtschaftlichem Diktat. Am 14. April ist er zu Gast beim Forum der Volkshochschule Hameln.



Copyright © Deister- und Weserzeitung 2019
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.


Anzeige
Weiterführende Artikel

    Immobilien in Hameln: auf immo.dewezet.de finden Sie tagesaktuelle Angebote zur Miete und zum Kaufen

    Immobilien mieten

    Immobilien kaufen

    Anzeige
    Anzeige
    Kommentare
    Kontakt
    Redaktion
    E-Mail: redaktion@dewezet.de
    Telefon: 05151 - 200 420/432
    Anzeigen
    Anzeigen (Online): Online-Service-Center
    Anzeigen (Telefonisch): 05151 / 200 - 666
    Abo-Service
    Abo-Service (Online): Online-Service-Center
    Abo-Service (Telefonisch): 05151 / 200 777

    Keine Zeitung bekommen? Hier zur Zustell-Reklamation.
    X
    Kontakt
    X
    Herzlichen Glückwunsch, Ihr Adblocker funktioniert!

    Wir verstehen, dass Sie nicht hier sind, um Werbung zu sehen.
    Aber Werbe- und Aboeinnahmen sind wichtig für unsere journalistische Arbeit.


    Unterstützen Sie unseren Qualitäts-Journalismus, indem Sie Ihren Adblocker deaktivieren
    oder sich mit einem gültigem Digital-Abo anmelden.

    Sie haben ein Digital-Abo? Hier anmelden!

    Noch kein Digital-Abo?