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Zugvögel schätzen den Stopp an Töneböns Teichen – doch das Biotop ist in ständiger Veränderung

Wo Gans und Ente zum Auftanken landen

Töneböns Teiche: Die veränderte Vegetation lockt andere Vogelarten als noch vor Jahrzehnten.

veröffentlicht am 09.11.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 12.01.2017 um 22:16 Uhr

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Frank Neitz

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Frank Neitz Reporter / Fotograf zur Autorenseite
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Kanadagänse (Foto li.) sind die größte freilebende Gänseart. Die Nilgans ist an ihrem Fleck rund ums Auge leicht zu erkennen.

Startbahn frei: Zwei Graugänse heben ab. An Töneböns Teichen geben sich Zugvögel ein Stelldichein. Die Graugänse verzichten inzwischen aber meist auf den Flug ins Warme.Fotos: fn

Hameln. Langstreckenflugreisende kennen sie, die Zwischenlandungen. Maschinen mit Ziel Australien landen meist auf Flughäfen in Bangkok oder Singapur zum Tanken. Auch Hameln hat seine Flughäfen zum Auftanken. Allerdings hört man statt lauter Triebwerksgeräusche ein „pit piu pit pit“, ein „ah-honk“ oder „a-rong“ und getankt wird kein Kerosin, sondern eher Kraft und Futter.

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Zugvögel nutzen Hamelner Gewässer zum Zwischenstopp auf ihrem Weg in wärmere Gefilde. Ein solcher „Flughafen“ ist das 28 Hektar große Naturschutzgebiet „Töneböns Teiche“, ein durch Abgrabung von Ton entstandenes Teichgebiet im Süden der Kernstadt. Dortige Dauergäste sind Graugänse, eigentlich auch Zugvögel, die aber in den letzten Jahren vermehrt im nördlichen Europa überwintern und zu Standvögeln wurden. Mehrmals am Tag fliegen 70 Tiere von den Weserwiesen oder aus dem nahen Südbad mit trompetenden Rufen ein. Es ist imposant anzuschauen, wie sie im Flugverband mit ihren bis zu 1,80 Meter großen Flügelspannweiten einfliegen oder beim Start zuerst über das Wasser laufen und dann ihre knapp vier Kilogramm Körpergewicht in die Lüfte bringen. Gesellschaft bekamen sie vor kurzem von zwei Paaren Nil- und Kanadagänsen. Die Nilgans ist eigentlich in Flusstälern und Savannensümpfen Ostafrikas beheimatet. Seit gut 20 Jahren gibt es auch in Niedersachsen kleine Brutbestände. Sie ist an ihrem beigen Gefieder und dem auffälligen Augenfleck leicht auszumachen. Die Kanadagans wurde vor Jahren gezielt in Europa ausgesiedelt und ist die größte in freier Wildbahn anzutreffende Gänseart.

„Jetzt sind auch Reiherenten, Tafelenten und Zwergtaucher eingeflogen“, erzählt Michael Fricke, Eigentümer des Restaurants „Seehof“ am Ufer des Teiches. „Die bleiben nun solange hier, bis der Teich zufriert.“ Von ihrer Terrasse und aus den Fenstern ihres „Seehofes“ sind Fricke und seine Frau Jaklin nicht nur die Ersten, die Neuankömmlinge erblicken, sie waren zudem schon Augenzeugen einiger Jagdszenen. Einmal konnte er beobachten, so Fricke, wie ein Seeadler eine Ente erbeutete und sie solange unter Wasser drückte, bis sie ertrank. Eine außergewöhnliche Beute, denn normalerweise ernährt sich dieser Adler neben Fischen nur von kleinen Säugern oder schwachen Kleinvögeln. „In diesem Herbst haben wir den Fischadler aber noch nicht gesehen, der müsste noch durchziehen“, berichtet Fricke.

Kaum hat er von dieser ungewöhnlichen Szene erzählt, rotten sich die Enten auf dem See mit aufgeregten Warnrufen zu einem Pulk zusammen – ein Falke fliegt schnurgerade und lautlos über den Teich. „Die machen das wie ein Fischschwarm, um sich vor einem Angriff zu schützen, einige tauchen dann auch ab“, weiß der Gastronom zu berichten. Die Falken seien auf dem Hefehof beheimatet.

Andere Vögel legen da schon ganz andere Strecken zurück, um Töneböns Teiche zu erreichen. „Den längsten belegten Flug hatte ein 2003 im Tsavo National Park in Kenia beringter Sumpfrohrsänger, den ich am 26. Juni 2007 fangen konnte“, erinnert sich Theodor Kammertöns. „Die Distanz beträgt genau 6710 Kilometer.“ Der 72-jährige Afferder beringt seit 1967 Vögel im Hamelner Stadtgebiet. Über 30 000 Vögel hat der Hobby-Ornithologe in dieser Zeit gefangen, mit einem Ring versehen oder vorhandene Ringe abgelesen.

Durch sein Hobby hat Kammertöns Kenntnis vom Vorkommen nahezu aller Durchzügler und Gäste der Hamelner Gewässer. Die anzutreffenden Vogelarten haben sich in den letzten 30 Jahren allerdings verändert – wie auch das Biotop selbst. In den 70er Jahren gab es noch reichlich Schilfpflanzen. Ausgewilderte Hausgänse und auch Graugänse haben diese in Frühjahren abgefressen. Auch die Ausbreitung des Baumbestandes trug zum Verschwinden des Rohres bei. So sind Vogelarten wie Rohrdommel, Pfeifente, Krickente, Zwergschnepfe, Rohrweihe oder der Wendehals kaum oder überhaupt nicht mehr an den Teichen zu sehen. Andere Arten wie Sturmmöwe, Mauersegler oder Eisvogel scheint die veränderte Vegetation zu behagen: Sie sind stärker vertreten als noch vor Jahren.

Mit der Veränderung des Biotops ist wohl lange noch nicht Schluss. Der Wasserstand der Teiche fiel um fast einen Meter, wohl durch Absinken des Grundwassers. Und abgestorbene Blätter tragen zu einer Verlandung des Sees bei. „Der Schlamm steigt. In 50 bis 80 Jahren könnte es den Teich so nicht mehr geben“, lautet Kammertöns Aussicht zur Zukunft von Töneböns Teichen. Dann werden andere Vogelarten rasten – allerdings in einer Moorlandschaft.

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