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Amar Youssef macht sich jeden Tag Sorgen um seine Verwandten in Syrien / Kontakt ist seit Monaten abgebrochen

„Wir wissen nicht, wie es ihnen geht, ob sie noch leben“

Hameln (ni). „Ich war 16, als ich nach Deutschland gekommen bin“, sagt Amar Youssef, „es ist ein gutes Gefühl, hier in Sicherheit und Freiheit zu leben“. Youssefs Heimat ist Syrien. Vor 22 Jahren ist er aus dem Land geflohen, seit 22 Jahren nicht wieder dorthin zurückgekehrt. „Zu gefährlich“, sagt Youssef. Als Angehöriger der ungeliebten kurdischen Minderheit hätte er die Unberechenbarkeit des Assad-Regimes fürchten müssen. Der Name des Despoten, der auf sein eigenes Volk schießen lässt, kommt ihm nur schwer über die Lippen. „Was ist das für ein Mensch, der so gnadenlos die Leute umbringen lässt? Was sind das für Menschen, die so gnadenlos töten?“ Amar Youssuf, seit mehr als elf Jahren Bundesbürger mit deutschem Pass, hat darauf noch keine Antwort gefunden.

veröffentlicht am 31.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 17:21 Uhr

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Youssef ist Einzelhändler. Sein kleines Lebensmittelgeschäft an der Kaiserstraße ist ein multikultureller Treffpunkt. Deutsche kaufen hier genau so ein wie Araber und Afrikaner. Im Laden, sagt Youssef, „gibt es seit Monaten nur noch ein Thema: Euer Land brennt“. Youssef hat noch Verwandte in diesem Land, in dem jeden Tag auf Menschen geschossen wird. Oma, Onkel und Tanten, die Eltern seiner Frau, ihre Brüder … sie leben in der Nähe von Aleppo. „Zehn Kilometer weiter lässt Assad Bomben auf die Häuser werfen“. Seit Anfang des Jahres haben weder er noch seine Frau etwas von ihren Familien in Syrien gehört. „Kein Kontakt, kein Telefon – wir wissen nicht, wie es ihnen geht, ob sie noch leben.“ Im arabischen Fernsehen sieht Youssef, was die Menschen im Syrien erleiden müssen: „Die Leichen auf den Straßen, das viele Blut, die Zerstörung“. Seine Frau erträgt diese Bilder nicht mehr, „sie träumt nachts davon“.

Das freundliche Lächeln in Amar Youssefs Gesicht ist längst erloschen, als er von den vielen Toten spricht. 10 000 sollen es sein, doch für den Hamelner Kurden sind das nur die Toten, „die man zählen konnte, weil sie auf der Straße lagen. Die Kameras zeigen nicht, was hinter den Mauern der Häuser passiert“. Aber die Kameras zeigen immer wieder Politiker, die zusammensitzen und reden. „Reden, genau so wie wir jetzt – und zur gleichen Zeit stirbt das Volk.“ Das gute Gefühl, in Sicherheit zu leben, wird zum schlechten Gewissen.

Wut auf die Syrer, die ihre eigenen Landsleute töten, hat Amar Youssef nicht. Sein Zorn richtet sich gegen das Regime, gegen den Assad-Clan und die gegen die „Söldner, die der ins Land geholt hat“. Der Kurde kann oder will nicht glauben, dass die Soldaten der regulären syrischen Armee mit ihren Waffen auf die eigenen Landsleute zielen, dass sie Frauen quälen und Kinder töten. „Syrer“, sagt er, „sind Menschen mit einem ganz lieben Herzen; die würden das nicht tun“.

Auch Walid Rash ist Kurde aus Syrien, der in Hameln eine neue Heimat gefunden hat. Auch er hat noch Verwandte in Syrien und versucht, wenigstens einmal in der Woche mit ihnen zu telefonieren. Nicht immer gelingt das. „Wir reden am Telefon sehr vorsichtig“, sagt Rash. Mutter, Brüder, Onkel und Tanten haben Angst, dass sie abgehört werden. Kritik an der Regierung kann in Syrien tödlich sein. Auch die Soldaten der Armee, sagt Rash, „stehen unter einem ganz großen Druck. Sie müssen schießen, wer sich weigert, wird erschossen“, so berichteten es Soldaten, denen die Flucht aus dem Land gelungen ist.

Wie Amar Youssef, so verfolgt auch Rash die Nachrichten über das gebeutelte Land mit größter Aufmerksamkeit. Und wie Youssef („In Syrien, das wird noch schlimmer und schlimmer als in allen anderen arabischen Ländern“) hat er wenig Hoffnung auf ein baldiges Ende des Blutvergießens. Dass Kofi Annans Friedensplan das Land befrieden könnte – diese Illusion habe Machthaber Assad schon zunichte gemacht. „Er lässt weiter töten.“ Und viel Vertrauen in den „Nationalrat“, den die in zahlreiche Gruppen gespaltene syrische Opposition als ihre alleinige Vertretung anerkannt hat, hat Rash ebenfalls nicht. Was von der Konferenz des Nationalrates, der sich selbst als Ansprechpartner der Freunde Syriens bezeichnet, bislang an die Öffentlichkeit gelangt ist, macht ihn eher skeptisch. „Nach allem, was ich über diese Konferenz in Istanbul gehört und gelesen habe, sind das keine Demokraten“, sagt er. „Die wollen Frauen und Minderheiten keine Rechte zugestehen.“

Im Geschäft von Amar Youssef gibt es seit Monaten nur ein Thema: Die Gewalt in seinem Heimatland Syrien. Foto: Wal



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