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Familie Arvis wurde durch ein Feuer obdachlos – Freunde, Fremde und das Job Center helfen

„Wir sind sehr froh, dass wir überlebt haben“

Hameln. Es geschah am frühen Morgen. Die Flammen breiteten sich rasend schnell im Kinderzimmer aus, der giftige Rauch waberte durch die Wohnung der siebenköpfigen Familie Arvis. Vater Mehmet Tahir (46) und Mutter Semra (43) wurden durch die Schreie ihrer Töchter und Söhne aus dem Schlaf geschreckt. Der elfjährige Devran rief verzweifelt: „Feuer! Es brennt!“

veröffentlicht am 13.05.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 11.11.2016 um 22:21 Uhr

Völlig ausgebrannt: Im Kinderzimmer brach das Feuer aus.

Autor:

Ulrich Behmann
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Löschen war zwecklos. Der Vater hat es noch versucht, musste aber aufgeben, als seine Haare anfingen zu brennen. „Los, los, alle raus hier!“, rief Mehmet Tahir Arvis. Nachbar Osman Izer (29) brachte Mutter Semra in Sicherheit. Der Vater und die Kinder folgten ihnen nach draußen. Nur die sechsjährige Hazal lief auf den Balkon. Sie war in großer Gefahr. Osman Izer riskierte sein Leben, um das Mädchen zu retten.

Zehn Tage ist das jetzt her. Der Schreck sitzt immer noch tief. Es war ein Albtraum. Bis Dienstag kam der größte Teil der über Nacht obdachlos gewordenen Familie bei den mit ihr befreundeten Izers an der Deisterstraße unter. Auf Matratzen schliefen sie im Wohnzimmer. Es war eng in der Wohnung. Die Izers haben selbst sechs Kinder. Für Hazal (6) und ihren Bruder Baran (4) war deshalb kein Platz. Die Geschwister wurden von den Großeltern aufgenommen – seit dem 4. Mai sind sie in Peine. Mutter und Vater Arvis haben Sehnsucht und die Kleinen Heimweh. „Die Izers sind sehr gastfreundlich, sie haben uns jeden Tag zum Essen eingeladen. Ihnen gebührt unser aller Dank“, sagt Semra Arvis.

Viele Menschen, die von dem Schicksal der Familie erfuhren, boten spontan Hilfe an. Maja Altun spendete Kleidung. „Als ich hörte, was geschehen war, bekam ich eine Gänsehaut. Da muss man doch helfen“, sagt sie. Auch Nadja Stör packte rasch ein paar Sachen zusammen, die sie entbehren konnte, und rief zu Spenden auf. Im DRK-Kleidershop bat Semra Arvis um Hilfe. „Es war toll. Jeder von uns durfte sich Kleidung aussuchen“, sagt sie.

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Vater Mehmet Tahir Arvis betreibt am Breiten Weg einen Imbiss. Er verkauft Döner und Lamacun. Doch das Geld, das am Monatsende übrig bleibt, reicht nicht zum Leben. Mutter Semra macht gerade beim Esta-Bildungswerk eine Fortbildungsmaßnahme. Sie sucht Arbeit. Ihr Traumberuf ist Verkäuferin. „Auspacken, einpacken, etwas mit Menschen zu tun haben – so etwas wäre sehr schön.“

Das Job Center unterstützt die Familie, stockt das Einkommen auf. Dorthin wandte sich Semra Arvis Hilfe suchend. Bianca Finkeldey ist die persönliche Ansprechpartnerin der Arvis’. „Diese Frau ist herzensgut und hilfsbereit. Sie hat stets ein offenes Ohr und nimmt sich viel Zeit für uns “, schwärmt Semra Arvis.

Unbürokratisch und sehr schnell sei ihnen geholfen worden. Innerhalb von 24 Stunden erhielten die Arvis’ 1600 Euro für neue Kleidung. Bianca Finkeldey kümmerte sich auch darum, dass die Familie eine Notunterkunft erhielt. Die 250 Euro pro Woche für die Zwei-Zimmer-Ferienwohnung in Klein Berkel bezahlt das Job Center. Heute oder morgen will Bianca Finkeldey mit der Familie durch die vom Brand schwer beschädigte Wohnung gehen und festlegen, welche Möbel und Elektrogeräte ersetzt werden müssen. Familie Arvis ist glücklich, dass ihnen geholfen wird. Aber auch sehr stolz. Hilfe von Verwandten lehnt der Vater lieber ab als sie anzunehmen. Er möchte auch nicht mehr vom Staat bekommen, als unbedingt nötig. Tochter Evin (15) ist bescheiden. Die Schulbücher, die extrem nach Feuer stanken, habe die Wilhelm-Raabe-Realschule durch andere gebrauchte ersetzt. Dafür ist sie den Lehrern dankbar. Einen Wunsch äußert sie nicht.

„Wir sind sehr froh, dass wir überlebt haben“, sagt der Vater. Dass die Kinder all ihr Spielzeug verloren haben, sei „nicht so wichtig“. Der elfjährige Devran ist da anderer Meinung. Er ist traurig, dass seine Playstation verbrannt ist. Seine Eltern, das weiß er, werden ihm keine neue kaufen können. „Wonach wir uns am allermeisten sehnen“, sagt der Vater, „ist, dass wir eine Wohnung finden, damit wir schnell wieder alle unter einem Dach leben können.“ Eine Zeitungsanzeige haben die Arvis’ bereits aufgegeben. „Ein gutes Angebot war schon dabei“, sagt der Vater – und fügt hinzu: „Hoffentlich nimmt uns der Vermieter.“

Kontakt: 05151/9629768

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