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Schuleingangsuntersuchungen: Amt nimmt Stellung

„Wir machen hier keinen Kinder-TÜV“

HAMELN. Die Unterschiede zwischen den Ergebnissen, die der Landkreis Schaumburg nach den Schuleingangsuntersuchungen veröffentlich hat, und jenen, die für Hameln-Pyrmont ermittelt wurden, sind nach Einschätzung der Ärzte beim hiesigen Gesundheitsamt nicht so groß, wie in den jüngsten Berichten dargestellt wurde …

veröffentlicht am 30.12.2018 um 16:33 Uhr
aktualisiert am 30.12.2018 um 19:10 Uhr

Ärztin und künftige Erstklässlerin bei einer Schuleingangsuntersuchung in Hamburg. Ergebnisse der Untersuchungen in Hameln-Pyrmont und Schaumburg sorgten für Irritation. Foto: dpa
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Für Verwunderung hatte die Diskrepanz in der Kategorie „ohne Auffälligkeiten“ gesorgt. In Schaumburg betrug der Anteil der Kinder, die nach den Schuleingangsuntersuchungen so eingestuft wurden, 62 Prozent. In Hameln-Pyrmont dagegen waren es nur 35,6 Prozent (46,2 Prozent waren es 2015). Dr. Meike Lambers – Leiterin des Teams Kinder- und Jugendgesundheit – lenkt den Fokus aber auf eine andere Größe: Die ersten beiden Kategorien zusammengenommen – jene „ohne Auffälligkeiten“ und jene „mit leichten Auffälligkeiten“ – machen in Schaumburg 82,9 Prozent aus und in Hameln 81,6 Prozent. Für all diese Kinder wird die Einschulung empfohlen. Woran es liegt, dass in Hameln-Pyrmont mehr „leichte Auffälligkeiten“ vermerkt wurden, bleibt allerdings offen. Es gebe einen kleinen Ermessensspielraum der untersuchenden Ärztinnen, sagt Lambers. Grundsätzlich hielten sich die Ärzte des Hamelner Gesundheitsamtes „sehr streng an die Arbeitsrichtlinien“. Ob Ärzte in anderen Landkreisen es ebenso strikt handhaben, ist nicht zu sagen.

Die Arbeitsrichtlinien werden regelmäßig überarbeitet und geben vor, wie im Rahmen des Untersuchungsprogramms „Sophia“ (Sozialpädiatrisches Programm Hannover – Jugendärztliche Aufgaben), dem 26 niedersächsische Landkreise angeschlossen sind, untersucht und bewertet wird. In Schaumburg werden die Kinder allerdings nicht nur zur gesetzlich vorgeschriebenen Einschulungsuntersuchung im Gesundheitsamt vorgestellt, sondern auf freiwilliger Basis bereits zwei Jahre vor Schulbeginn in der Kita untersucht. Die Eltern werden somit früher als in Hameln-Pyrmont beraten und den Kindern kann früher geholfen werden, wenn es Auffälligkeiten gibt. Den Weg würden auch die Hameln-Pyrmonter gerne beschreiten, doch es mangelt an Personal.

Um aufgrund der jüngsten Berichte entstandene Verunsicherungen zu nehmen, stellt Meike Lambers klar: „Wir machen hier keinen Kinder-Tüv, sondern wollen helfen und beraten die Eltern“ dahingehend, wie sie ihre Kinder unterstützen können, bis es mit der Schule losgeht. Zu den genannten „leichten Auffälligkeiten“ zähle beispielsweise, wenn ein Kind sich eine Aufgabenfolge nicht gut merken könne. Dann könne den Eltern der Tipp gegeben werden, ihren Kindern zu Hause komplexere Aufgaben zu übertragen im Sinne von: „Jetzt ziehst du deine Schuhe aus, kommst ins Wohnzimmer und räumst deine Stifte weg.“ Oder es findet ein Gespräch über Medienkonsum (der die Aufmerksamkeitsspanne der Kinder stark beeinflussen kann) statt, in dem noch einmal verdeutlicht wird, „dass vier Stunden am Tag“ eben nicht gut sind fürs Kind.

Oder wenn das Mengenverständnis bei einem Kind noch nicht altersgerecht ausgebildet sei, könne gezeigt werden, mithilfe welcher Spiele eben das zu Hause geübt werden könne. Längst nicht alle Auffälligkeiten münden also in eine Therapieempfehlung, aus vielen ergeben sich Ratschläge und Umsetzungshilfen an die Eltern.

Der Blick geht auch über den eigenen Tellerrand hinaus, verglichen werden die eigenen Ergebnisse allerdings weniger mit jenen der anderen Landkreise als mit dem Landesdurchschnitt in den verschiedenen Untersuchungskategorien. Sollte Hameln-Pyrmont an einer Stelle auffallend stark abweichen, würde das nicht nur zur Kenntnis genommen, sondern analysiert, woran es liegen könnte, fasst Monika Steudle zusammen. Sie ist zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Gesundheitsamtes und arbeitet zurzeit an einem umfassenden Bericht: Die Ergebnisse der jüngsten Schuleingangsuntersuchungen für das laufende Schuljahr sollen dezidiert betrachtet und im kommenden Frühjahr dem Sozialausschuss des Landkreises vorgestellt werden. Aufgabe des Gesundheitsamtes sei es, negative Entwicklungen, aufzudecken und der Politik aufzuzeigen, ob und wenn ja, in welchen Bereichen und Gemeinden Handlungsbedarf besteht und Handlungsoptionen vorzuschlagen.

Viermal im Jahr treffen sich Vertreter der Landkreise und des Landesgesundheitsamtes, um über die Untersuchungen, die Arbeitsrichtlinien, die Ergebnisse, zu beraten. Ein Thema könnte bei einem künftigen Treffen sein, sicherzustellen, dass eben jene Arbeitsrichtlinien „klipp und klar verständlich sind“, um Abweichungen in den Bewertungen zwischen den Akteuren weitgehend auszuschließen.

Und auch, wenn die Abweichungen vom Landesdurchschnitt in den Feldern Grob- und Feinmotorik, Sprach-, Seh- und Hörvermögen, oder Verhalten – nach oben und nach unten – an der Hugenottenstraße kein Kopfzerbrechen bereiten – dass sich etwas tun muss, um die Kinder in jeglicher Hinsicht fitter zu machen, darin sind sich die Ärztinnen einig. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und vor allem eine des Elternhauses.

Kritisch wird vor all diesen Hintergründen gesehen, dass, wenn die Ärzte des Gesundheitsamtes eine Therapie-Empfehlung aussprechen, um die Kinder in ihrer Entwicklung zu unterstützen, sie nicht zwingend auch ein Rezept von ihrem Kinderarzt dafür erhalten, denn: Auch Kinderärzte unterliegen der Budgetierung.



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