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Bilgin Onur setzt als Vorsitzender der islamischen Gemeinde auf Prävention durch Jugendarbeit

„Wir lehnen jeglichen Extremismus ab“

Hameln. „Wir sprechen nicht mehr von Integration, wir haben uns integriert. Worüber die Gesellschaft in Zukunft sprechen muss, ist das Problem der Diskriminierung“, erklärt Bilgin Onur, der Vorsitzende der Islamischen Gemeinde Hameln. Sie besitzt in der Hunoldstraße nicht nur eine eigene Moschee, sondern hat dort in diesem Monat ein eigenes Jugendzentrum eingeweiht, verfügt über sechs Klassenräume mit moderner Ausstattung für Religions- und Sprachunterricht für Kinder und Jugendliche von sechs bis 15 Jahren. Am Samstag und Sonntag werden von 10 Uhr bis 13 Uhr Kinder im Kita-Alter von einer Erzieherin betreut. Das für Außenstehende Erstaunliche dabei: In der Kita werde Deutsch gesprochen, denn dort kämen Kinder hin, deren Muttersprache Türkisch, Kurdisch oder Arabisch sei. Gemeinsam sei ihnen, dass sie alle Deutsch könnten und die meisten unter der Woche auch in einen deutschen Kindergarten gingen. Den Plan, einen eigenen Kindergarten im ehemaligen Wellner-Gebäude an der Deisterstraße einzurichten, hat die Gemeinde aufgegeben, weil sie das Haus wegen der darauf liegenden Schulden nicht habe übernehmen können. „Einmal pro Woche gibt es in Zusammenarbeit mit dem Job-Center hier sogar Deutschunterricht zur Qualifizierung von Hartz-IV-Empfängern.“

veröffentlicht am 03.01.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 16:41 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. TRuchseß
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„Diskriminierung ist vor allem ein Problem für junge Leute mit Migrationshintergrund, wenn sie ihre Ausbildung oder ihr Studium abgeschlossen haben“, weiß Onur von jungen Mitgliedern seiner Gemeinde. Und weist damit auf ein Problem hin, dass in Orten wie Dinslaken möglicherweise dazu geführt haben könnte, dass junge Muslime sich leichter von Extremisten ansprechen lassen, die sie dann davon zu überzeugen versuchten, nach Syrien oder in den Irak zu gehen, um für den „Islamischen Staat“ zu kämpfen.

„Extremistische Tendenzen können wir in unserer Gemeinde nicht erkennen“, betont Bilgin Onur. „Aber wir arbeiten auch präventiv dafür, dass unsere Jugendlichen keinen Extremisten auf den Leim gehen. Auch deshalb haben wir unten im Keller ein 300 Quadratmeter großes Jugendzentrum mit Seminarraum, Billardtisch, Kicker, Fitnessraum und Begegnungsmöglichkeit eingerichtet und dabei allein für die Materialien zehntausend Euro investiert.“ Als Nächstes plane die Gemeinde noch eine kleine Sporthalle für Volleyball oder ähnliche Sportarten einzurichten.

Die Prävention bestehe aber nicht nur aus Jugendarbeit. „Wir versuchen, unsere Jugendlichen immun gegen Extretmismus zu machen. Erst vor kurzem hatten wir die beiden an der Universität in Osnabrück lehrenden Professoren Bülent Uçar und Rauf Ceylan zu Gast. Sie haben mit der Gemeinde und den Jugendlichen über extremistische Tendenzen in den Religionen gesprochen und diskutiert. „Da sind viele Fragen aufgekommen.“

Wie gut gerade die Islamische Gemeinde Hameln integriert sei, zeige auch die Tatsache, dass sie als erste Gemeinde in Deutschland in diesem Jahr mit 50 Mitgliedern auf Einladung der SPD-Bundestagsabgeordneten Gabriele Lösekrug-Möller den Bundestag in Berlin besucht habe. „Das war eine echte Premiere.“

„Uns ist es wichtig zu betonen, dass der Islam jegliche extremistischen Positionen ablehnt“, erklärt Onur im Gespräch. „Der Prophet Mohammed empfiehlt uns im Koran, immer den mittleren Weg zu gehen.“ Was im Irak und in Syrien geschehe, Menschen durch Bomben zu töten oder sie zu enthaupten, habe nichts mit dem Islam zu tun. „Wir lehnen jeglichen Extremismus ab.“

Gründe für die Entstehung des „Islamischen Staates“ sieht er vor allem in der Diskriminierung der Sunniten im Irak durch den kürzlich abgelösten schiitischen Präsidenten Maliki und die Entlassung der Offiziere, die unter Saddam Hussein gedient und hervorragend militärisch geschult seien, durch die Amerikaner nach dem zweiten Irak-Krieg. „Diese Offiziere und ihre Söhne wollen offenbar mithilfe ihrer großen Clans, die auch in der Türkei beheimatet sind, unter dem Mäntelchen des Islam einen eigenen Staat errichten.“ Mit den Führern dieser Clans müsse gesprochen und verhandelt werden, um eine Lösung zu finden, empfiehlt der seit 1972 in Hameln lebende Bilgin Onur. „Sonst wird das Elend immer größer.“

Mit Besorgnis sieht der Vorsitzende der Gemeinde die Montagsdemonstrationen gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes. „Davon kann doch bei fünf Prozent Muslimen in Deutschland keine Rede sein“, sagt Onur. Was die Organisatoren der Pegida-Demonstrationen wollten, sei Ängste vor Muslimen zu schüren und sich politisch auf Kosten von Flüchtlingen und Migranten zu profilieren.

Für ihn seien die Demonstranten aber keine homogene Gruppe. Viele von ihnen zählten wahrscheinlich zu den Erfolglosen in der Gesellschaft, die glaubten, Asylanten lebten auf ihre Kosten. Statistisch betrügen die Kosten für Flüchtlinge aber nur 13 Milliarden Euro pro Jahr, während Menschen mit Migrationshintergrund jährlich allein 23 Milliarden Euro in die Sozialsysteme einzahlten, weiß Onur zu berichten. Er persönlich spüre in Hameln keine Vorbehalte, weil er Muslim sei – weder geschäftlich mit 99 Prozent Kunden aus der deutschen Bevölkerung noch bei privaten Begegnungen. Deshalb rechnet Onur in Hameln auch nicht mit Demonstrationen wie in Dresden oder einigen anderen deutschen Städten. „Sollte es aber doch dazu kommen, werden wir zum Widerstand dagegen aufrufen“, kündigt Onur an. Ganz wichtig für Deutschland sei, gegen solche Tendenzen Zivilcorage zu zeigen, um den Anfängen der Diskriminierung einer Minderheit zu wehren.

Bilgin Onur, Vorsitzender der Islamischen Gemeinde in Hameln: „Sollte es hier zu Demonstrationen gegen Flüchtlinge und Migranten wie in Dresden kommen, werden wir zum Widerstand dagegen aufrufen.“ wft



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