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Vietnamesen sprechen nicht gern über ihr Schicksal / Heute Ausstellungseröffnung im Kreishaus

„Wir haben Angst um unsere Familien“

Hameln. Das Boot war knapp sechs Meter lang und nur 1,80 Meter breit, das 39 Menschen im Mai 1982 von Vietnam nach Thailand bringen sollte. Für Tuan N. war es bereits der siebte Versuch, das Land, das 1975 von den Nordvietnamesen eingenommen worden war, zu verlassen. Und auch dieser Versuch wäre beinahe missglückt. „Denn nach nur sechs Stunden gab der Motor der winzigen Nussschale seinen Geist auf und wir trieben rund 24 Stunden hilflos auf dem Meer herum. Dann hat uns die Besatzung der Cap Anamur gesichtet und uns an Bord geholt.“ Tuan N. erinnert sich auch heute noch genau an diesen Tag.

veröffentlicht am 15.05.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 09:41 Uhr

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Autor:

Wolfhard F. Truchseß
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„Einen Monat haben wir dann an Bord der Cap Anamur verbracht, ehe wir auf den Philippinen an Land gesetzt und dort auf einer Insel in einem Lager interniert wurden.“ Nur Rupert Neudeck, der das Schiff immer wieder in Richtung Vietnam steuern ließ, um die inzwischen als „Boat People“ weltbekannt gewordenen Menschen zu retten, habe er nicht kennengelernt, „was ich sehr bedauere“, wie Tuan N. betont.

Unter den Menschen in den „Umerziehungslagern“, die vom Vietcong für die „Kapitalisten“ des Südens errichtet worden waren, hatte es sich längst herumgesprochen, dass nur eine Flucht über das Meer Aussicht auf Erfolg hatte, Aussicht vor allem darauf, in den Westen zu gelangen, am besten in die USA oder nach Kanada. „Nach Amerika, das war auch mein Ziel“, berichtet Tuan N. in dem kleinen Büro des Integrationsbeauftragten Dr. Feyzullah Gökdemir, der sich auch um diese Gruppe von Menschen mit Migrationshintergrund im Landkreis Hameln-Pyrmont kümmert und den Kontakt zu Tuan N. und dessen Freundin Hai Aw N. hergestellt hat.

Denn es ist nicht ganz einfach, als Journalist mit Vietnamesen über ihr Schicksal zu sprechen. Viele verweigern den Kontakt, ihre Namen wollen sie keinesfalls in der Zeitung lesen – so auch die beiden Gesprächspartner, auf deren Wunsch ihre wirklichen Namen hier verschwiegen werden. „Wir haben auch heute Angst um unsere Familien, die noch in Vietnam leben“, erklären beide. „Die

vietnamesische Botschaft hat überall ihre Spitzel, und wir wissen nicht, was über uns in die Heimat berichtet wird und was dann wieder passiert.“

Dass Tuan N. seit 1977 immer wieder versuchte, Vietnam zu verlassen, begründet er mit den unmenschlichen Zuständen und dem massiven politischen Druck, der von den Kommunisten nach der Niederlage der USA und des Südens ausgeübt worden sei. „Das war nicht auszuhalten.“ In Deutschland sei er am Ende gelandet, „weil die Cap Anamur unter deutscher Flagge fuhr und damit Amerika eine Aufnahme verweigerte“. Ein Jahr habe er auf den Philippinen ausharren müsse, bis er nach langem, zermürbendem Warten die Einreiseerlaubnis erhalten habe.

Auf einem ganz anderen Weg kam die aus Nordvietnam stammende Hai Aw N. hierher. Als sogenannte Vertragsarbeiterin wurde sie in die DDR entsandt und arbeitete bis 1990 mit etwa eintausend anderen Nordvietnamesinnen in der Stadt Brandenburg als Näherin, streng beaufsichtigt von kommunistischen Kadern aus dem eigenen Land. „Eigentlich sollte der Vertrag bis 1993 gelten“, erzählt Hai Aw N., „aber 1990 war Schluss – uns wurde gekündigt.“ Am 3. Dezember sei sie nach Nordvietnam zurückgekehrt – das Ticket hatte die Bundesrepublik Deutschland bezahlt –, „nur um dort sehr schnell zu merken, dass ich doch lieber in Deutschland leben wollte, weil ich auch in Nordvietnam keine Arbeit erhielt“. Mit einem Visum für Russland ging es 1991 wieder Richtung Westen, von Moskau aus dann mit dem Zug nach Ungarn und einem ersten vergeblichen Versuch, über die Tschechoslowakei in die Bundesrepublik zu gelangen. Beim zweiten Versuch gelang der illegale Grenzübertritt und zu Fuß über die grüne Grenze auch die „Einreise“ nach Deutschland. Als Asylbewerberin sei sie nicht anerkannt worden, aber nachdem sie 1997 einen Deutschen geheiratet habe, sei ihr das Bleiberecht zugebilligt worden. Mittlerweise sind Hai Aw N. und Tuan N. längst deutsche Staatsbürger.

Dass eine Nordvietnamesin mit einem Südvietnamesen befreundet ist, zählt noch immer eher zu den Ausnahmen in den Beziehungen der Menschen aus den ehemals feindlichen Staaten, vor allem weil die in der DDR tätigen Vertragsarbeiter als Abgesandte des kommunistischen Regimes galten und in der DDR möglichst auf Linie gehalten wurden. Das zumindest heißt es in einer Broschüre, die es zu einer Ausstellung über das gemeinsame und doch so unterschiedliche Schicksal dieser Menschen gibt, die ab heute um 18 Uhr im Foyer des Kreishauses unter dem Titel „Vietnamesen in Deutschland – geflohen, geworben, geeint“ für 14 Tage zu sehen ist. Gezeigt wird die in Hannover zusammengestellte Ausstellung auf Initiative des Integrationsbüros des Landkreises Hameln-Pyrmont und der „Vietnam-Gruppe“ in Hameln.

Vor allem in Niedersachsen lässt sich viel über die Geschichte der Vietnamesen erfahren, denn der damalige Ministerpräsident Ernst Albrecht war von den Bildern, die er 1978 von den Zuständen auf der mit 2500 Flüchtlingen völlig überbelegten und vor Malaysia dümpelnden „Hai Hong“ sah, so erschüttert, dass er zunächst rund 1000 der Boat-People nach Niedersachsen einreisen ließ. Hier fanden sie eine neue Heimat.

Rupert Neudeck rettete mit der von ihm und seinem Hilfsverein gecharterten „Cap Anamur“ Tausenden Menschen das Leben.

Foto: privat



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