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Über den Verein des Senior-Schläger-Hauses bekommen Obdachlose ärztliche Hilfe / Besuchsdienst angeregt

„Wir betreiben nicht nur Verwahrlosungsmedizin“

Hameln (CK). Immer, wenn es draußen kalt ist, erinnert man sich an sie. An Menschen, denen ein Obdach fehlt oder die in prekären Verhältnissen leben. Die eben „Platte machen“. Doch so ein Leben auf der Straße hinterlässt Spuren: alle Arten von Wohlstandserkrankungen wie Bluthochdruck oder Stoffwechselstörungen sind eben auch bei Obdachlosen nicht unbekannt. Aber in Hameln bekommen sie ärztliche Hilfe.

veröffentlicht am 15.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 19:41 Uhr

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Mehr als 120 Patienten, davon etwa ein Viertel Frauen, betreut ein erfahrener Hamelner Mediziner, Tendenz steigend. Der Arzt engagiert sich seit Rückgabe seiner Kassenzulassung aus Altersgründen ehrenamtlich in einem Verein, der auch Träger des Senior-Schläger-Hauses ist, einer Anlaufstelle für Obdachlose; unterstützt wird er von einer Mitarbeiterin, ohne die, so sagt er, das Pensum sonst nicht zu schaffen wäre. Die Wahrung der Schweigepflicht ist für ihn dabei oberstes Gebot, wenn er wöchentlich einmal, bei Bedarf auch öfter, seine Sprechstunde für einen Personenkreis abhält, der sonst selten oder nie eine Arztpraxis von innen sieht – viele scheitern schon an der Praxisgebühr.

Und selbst wenn diese Menschen einen Mediziner aufsuchen, ist ihnen meist noch lange nicht geholfen. „Auch die Zuzahlung zu Medikamenten können die meisten nicht leisten.“ Und viele dieser Patienten, so der Mediziner, seien nicht in der Lage, über einen längeren Zeitraum Belege zu sammeln und sich die Kosten von den Krankenkassen erstatten zu lassen oder einen Antrag auf Befreiung zu stellen. Auch könne man sich nicht darauf verlassen, dass Medikamente tatsächlich regelmäßig eingenommen würden.

Dennoch: „Wir betreiben nicht ausschließlich Verwahrlosungsmedizin“, sagt der Arzt, der von zwei Partnern bei seiner ehrenamtlichen Tätigkeit unterstützt wird. Auch wenn nicht wenige seiner Schützlinge sucht- oder psychiatrische Probleme hätten, so sei die Arbeit mit ihnen doch in etwa vergleichbar der einer Allgemeinpraxis in sozialen Brennpunkten. Und die meisten sind ja nicht ohne Grund am Rand der Gesellschaft.“ Weshalb ihm der in der Schweiz übliche Ausdruck von der „randständigen Medizin“ auch treffender erscheint.

Wenn Not am Mann ist, macht der Arzt auch Hausbesuche. Vor Kurzem habe er einen Mann, der dann als Notfall ins Krankenhaus eingeliefert werden musste, aufgesucht und ihn in „bedrückenden Umständen“ vorgefunden. Daraus entstand eine Idee: „Es wäre schön, wenn es eine Art Besuchsdienst geben würde“, sagt der Mediziner. Beifälliges Nicken bei den vielen Ehrenamtlichen des Vereins, die den Ausführungen des Arztes im Senior-Schläger-Haus mit Interesse lauschten. Und noch mehr Zustimmung, als es abschließend heißt: „Hier nimmt jeder von uns etwas mit in seinen Alltag, darunter ein Stück Dankbarkeit. Auch das ist Lebensqualität.“

Obdachlos in kalten Tagen – für medizinische Hilfe ist in Hameln immerhin gesorgt.

Foto: dpa



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