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Hamelner sorgen sich um Streuner

Wilde Katzen – (k)ein Problem?

HAMELN. Der Eindruck eint Marion Jacob und Stephanie Buntrock: Niemand fühlt sich zuständig. Beide Frauen haben sich, erzählen sie, an die Stadt, den Landkreis, das Tierheim gewandt. Das Problem, das sie schildern: verwilderte Katzen, in der Nordstadt, an der Wilhelmstraße – oder sind es streunende?

veröffentlicht am 23.04.2017 um 14:32 Uhr

Katze unterwegs – über drei Millionen Katzen in Deutschland gelten als herrenlos und vermehren sich rapide. Foto: dpa
Birte Hansen

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Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Zumindest Marion Jacob ist sich ziemlich sicher, dass es sich bei den Katzen, die sie meint, um herrenlose Tiere handelt.

Sie sähen krank und verwahrlost aus „und scheinen keinen Besitzer zu haben“, beschreibt Marion Jacob, was sie seit einiger Zeit beobachte. Vor gut drei Jahren habe sich schon einmal über Wochen ähnliches abgespielt, allerdings mit nur einer Katze. Beim Tierheim sei ihr damals gesagt worden, „da kommen wir nicht, die hat bestimmt ein Zuhause“. Bei der Stadt und dem Veterinäramt habe sie auch keine Unterstützung erfahren. Letztlich habe sie sich der abgemagerten Katze angenommen. Der Tierarzt habe ihr damals recht gegeben: „Noch zwei Tage, und die wäre verhungert“, erzählt Marion Jacob. Eine zweite Katze bei sich aufzunehmen, könne sie sich aber auch nicht leisten.

Stephanie Buntrock hat ebenfalls nicht vor, die Katzen, die durch ihren Garten in der Nordstadt stromern, zu adoptieren. Sie ärgert sich vor allem über deren Hinterlassenschaften im Sandkasten ihres Sohnes. Selbst, wenn sie nur einen kurzen Augenblick nicht achtgebe, sitze schon wieder eine drin, erzählt sie. „Als wir einzogen, streunten hier nur drei Katzen umher – heute sind es schon acht.“ Wie Marion Jacob sei auch sie „von einem zum anderen geschubst“ worden.

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Auch auf Dewezet-Anfrage verweist die Stadt Hameln an den Landkreis samt Veterinäramt, der wiederum an die Stadt verweist, weil diese im Rahmen der „allgemeinen Gefahrenabwehr“ zuständig sei. Zurück zur Stadt. Dann die Antwort: „Die Sache gestaltet sich leider nicht so einfach wie erhofft, da es einen Unterschied zwischen Katzen gibt, die einen Chip tragen und andere, die wiederum ,niemandem‘ gehören.“

Laut dem niedersächsischen Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz leben in Deutschland geschätzt 3,2 Millionen Katzen „ohne menschliche Aufsicht und Pflege, davon deutlich mehr als 200 000 in Niedersachsen“. Für Hameln gibt es keine Erhebungen, die Verwaltung erklärt dennoch, dass „die Anzahl wildlebender Katzen aus Gründen der Gefahrenabwehr für uns nicht relevant ist“.

Es gebe für den Umgang mit Katzen kein Patentrezept, schreibt eine Stadtsprecherin weiter. Und: „Wir haben von der Stadt aus keinen Tierfänger.“

Bedeutet im Umkehrschluss: Wer angesichts herrenloser, sich wild vermehrender Katzen tätig werden will, muss selbst zur Falle greifen – was Claudia Gebhardt vom Tierheim Hameln-Pyrmont bestätigt.

Die Mitarbeiter dort werden regelmäßig mit dem Problem konfrontiert. Doch „Kapazitäten, um selbst rauszufahren, haben wir nicht“, sagt die Leiterin des Tierheims. Trotzdem sind die Mitarbeiter dort die Ansprechpartner erster Wahl für rührige Bürger.

Das Tierheim leiht Fallen aus, mit denen jemand offenbar herrenlose Katzen einfangen kann. Wohin damit? Entweder selbst zu einem Tierarzt bringen und auf eigene Kosten kastrieren lassen – um der unkontrollierten Vermehrung Einhalt zu gebieten. „Oder zu unserem Tierarzt“, sagt Claudia Gebhardt. Der erkennt auch, ob ein Tier gechipt und somit keineswegs herrenlos ist. „Leider sind jedoch längst nicht alle Katzen gechipt“, sagt Gebhardt.

Das Tierheim kann den Katzen nach einer Kastration für einige Tage zur Genesung Kost, Logis und Pflege gewähren. Handelt es sich um eine zahme Katze, könne sie auch bleiben, um vermittelt zu werden. Ist es jedoch eine wilde, die sich entsprechend verhält, werde sie hinterher wieder dort ausgesetzt, wo sie gefunden wurde.

Für diese Fälle gebe es auch Kastrationsgutscheine, sagt Gebhardt. Um die müsste man sich allerdings vorher bemühen, und zwar, indem man das Ordnungsamt der jeweiligen Kommune, hier also Hameln, mit ins Boot holt. Gebhardt erinnert an konzertierte Aktionen, zum Beispiel in Hastenbeck, bei der sich mehrere Bürger zusammengetan, mit Fallen ausgestattet und auf diese Weise fünf bis sechs Katzen gefangen haben, die dann vom Tierarzt kastriert wurden.

Weil sich frei laufende, nicht kastrierte Katzen völlig unkontrolliert vermehren, die Anzahl der verwilderten, kranken, hungernden, verhungernden Katzen dadurch zunimmt, wird immer wieder der Ruf nach einer Kastrationspflicht laut.

Vor fünf Jahren haben sich Hamelner Politiker zuletzt damit befasst – und sich darauf geeinigt, abzuwarten, bis das Land in Aktion tritt. Das ist es jetzt. Im März hat die Landesregierung entschieden, dass Kommunen selbst Verordnungen erlassen dürfen, mit denen sie die Kastration vorschreiben können.

„Mit der Verordnung des Landes werden Gemeinden ermächtigt, für ihr Gebiet die Kennzeichnung, Registrierung oder Kastration von freilaufenden Katzen vorzuschreiben, auch auf Grundlage des Tierschutzgesetzes (TierSchG)“, heißt es in einer Pressemitteilung.

Hameln könnte also, wenn es wollte. Und? „Derzeit denkt die Abteilung Ordnung und Straßenverkehr nicht daran, dem Oberbürgermeister den Erlass einer Satzung vorzuschlagen“, lautet die Antwort. Coppenbrügge und Bad Münder dagegen haben bereits die Kastrationspflicht per Satzung eingeführt. Deutschlandweit haben etwa 430 Kommunen eine Kastrationspflicht eingeführ. Eine Hürde: Wer sollte kontrollieren, ob das auch geschieht?

Letztlich hilft zurzeit nur der Appell an die Katzenbesitzer: „Wir wären froh, wenn die Leute das machen würden“, sagt Claudia Gebhardt über das Kastrieren der Hauskatzen. Mehr als darum bitten, geht nicht.

Und wer unerwünschte Katzen aus dem eigenen Garten fernhalten will, hat laut Claudia Gebhardt nur eine Möglichkeit: „Sich raussetzen, warten, bis eine kommt und sie nass spritzen.“ Alles andere – von Pfeffer über Gele – wirkt nach ihrer Erfahrung nicht. Außerdem: ja nicht füttern, es sei denn, sie scheint zu verhungern. Sonst kommen sie immer wieder.

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