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Sperrstunden-Erklärung fraglich

Wieso läuten die Münsterglocken am späten Abend wirklich?

HAMELN. Die Münsterglocken läuten wieder vollständig. Nachdem eine Glocke ausgefallen war, läutete in der letzten Woche am späten Abend nur noch eine statt zwei Glocken. Nun wurde der Schaden behoben. Seit Montag läuten die Glocken von 21.50 bis 22 Uhr wieder wie gewohnt. Dafür steht nun eine neue Frage im Raum.

veröffentlicht am 14.08.2018 um 12:29 Uhr
aktualisiert am 14.08.2018 um 18:40 Uhr

Im Westturm des Münsters läuten zwei von drei Stahlglocken allabendlich von 21.50 bis 22 Uhr. Foto: Wal
Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Läuten die Glocken am späten Abend wirklich wegen der vom britischen Militär verhängten Sperrstunde in der Nachkriegszeit, wie Küster Joachim Ruppel im letzten Dewezet-Bericht über die Münsterglocken nochmal erwähnte? Oder gibt es dafür noch eine andere Erklärung? Es gibt Hamelner, die einen anderen Grund für das spätabendliche Läuten der Glocken ausgemacht haben.

Dr. Wolfgang Babick und Günther Meyer-Hermann sind der Meinung, dass die Münsterglocken in Erinnerung an die beiden im Ersten Weltkrieg gefallenen Söhne von Heinrich und Marie Meyer-Hermann erinnern. Die Eheleute Meyer-Hermann hatten die Glocken im Jahr 1920 dem Münster gestiftet. „,Bronze gab ich für Eisen‘ steht auf der kleinsten Glocke, weil im Ersten Weltkrieg aus Bronzeglocken Kanonen gegossen wurden“, schildert Babick gegenüber der Dewezet. Auf der größten der insgesamt drei Glocken werde an die gefallenen Söhne der Meyer-Hermanns erinnert. „Ihren im Weltkriege gefallenen Söhnen Fritz † 1916 und Karl † 1917 zum Gedächtnis“, heiße es da sowie: „Ihr Kommenden, seid einig, treu und glaubensstark!“ Auf Wunsch der Stifter wurden die Glocken seit ihrer Einweihung zur Erinnerung an alle im Weltkrieg Gefallenen um 22 Uhr geläutet, führt Babick aus. So weit, so einig sind sich Wolfgang Babick, Günther Meyer-Hermann und Küster Joachim Ruppel. „So war das nach dem Ersten Weltkrieg“, bestätigt Ruppel. Ob das Glockenläuten in der NS-Zeit wegfiel, weil, wie Babick meint, die Nazis die Erinnerung an gefallene Soldaten nicht mehr aufrechterhalten wollten, kann Ruppel nicht bestätigen. Aber auch nicht dementieren. Vollends auseinander gehen die Meinungen aber über die Folgezeit. Laut Babick und Meyer-Hermann, der im Übrigen ein Groß-Neffe von Heinrich Meyer-Hermann ist, waren die Aufhängung und die Steuerung der Glocken durch Artilleriebeschuss der Amerikaner im Anschluss an den Zweiten Weltkrieg jahrelang defekt. „Die Turmuhr wurde erst 1947 von der Firma Weule repariert und konnte also erst ab 1948 wieder die Glocken antreiben“, schildert Babick und schlussfolgert: „Zu der Zeit der britischen Militärregierung von 1945-48 konnte also nicht zur Sperrstunde geläutet werden.“ Sie habe „aus technischen Gründen gar nicht stattfinden“ können. Erst auf Initiative des damaligen Stadtbaurats Franz Bernhard, seines Zeichens Schwiegersohn von Heinrich und Marie Meyer-Hermann, sei in Kooperation mit Pastor Kittel das abendliche Läuten von 21.50 bis 22 Uhr wieder eingeführt worden, und zwar am 15. September 1948. „In der heutigen, immer kriegerischer werdenden Zeit ist es ja viel tröstlicher, beim abendlichen Glockenläuten an die vielen Kriegsgefallenen auch der letzten Jahre zu denken und um Frieden zu bitten, so wie die Stifter der Glocken sich das vor fast 100 Jahren gedacht haben“, findet Babick und zitiert die Glockeninschrift: „,Ihr Kommenden, seid einig, treu und glaubensstark!‘“

Doch Küster Ruppel ist von der neuen Theorie nicht ohne Weiteres zu überzeugen. Er verweist auf eine Arbeit von Pastor Udo Wolten. Demnach sei das Glockenläuten etwa zehn Minuten vor der Sperrstunde „auf Befehl der Militärregierung“ erfolgt, wie aus einem Protokoll des Kirchenvorstands vom 22. Oktober 1945 hervorgehe. Nach Aufhebung der Sperrstunde sei das Läuten beibehalten worden.



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