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Kaffee und Kuchen auf der Terrasse

„Wienerwald-Abriss wäre eine Schande“

HAMELN. Nein, zum einstigen Gebäude des „Cafés am Ring“ scheint es an diesem Vormittag keine zwei Meinungen zu geben: „Es wäre eine Schande, das abzureißen“, sagt eine Hamelnerin. „Ich bin hier, weil ich den Abriss nicht möchte“, erklärt ein anderer Besucher. So mancher schwärmt im gelegentlichen Nieselregen von dem Ensemble der 50er-Jahre-Architektur am Bürgergarten, das unbedingt erhalten werden solle. Die rot-rot-grüne Ratsgruppe hat gemeinsam mit der Fraktion Frischer Wind/Piraten zu Kaffee und Kuchen auf der Terrasse des ehemaligen Wienerwald-Restaurants eingeladen.

veröffentlicht am 18.06.2017 um 18:38 Uhr
aktualisiert am 19.06.2017 um 08:22 Uhr

Joachim Schween sprach am ehemaligen Wienerwald-Gebäude über die Architektur des 1949 erbauten Cafés. Foto: fh
Frank Henke

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Frank Henke Redaktionsleiter zur Autorenseite
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Auf die Terrasse wohlgemerkt, denn betreten werden durfte das Gebäude an diesem Samstag nicht. Nicht sicher genug, hatte die Stadtverwaltung – beispielsweise angesichts von Leitungen, die aus dem Küchenboden ragen – entschieden.

Statt dessen klebten die Veranstalter Fotos der Innenräume an die Fensterscheiben. „So schlimm ist das alles nicht“, soll offenbar die Botschaft lauten. Von einem Investitionsbedarf in das Gebäude von bis zu 1,5 Millionen Euro spricht die Stadtverwaltung. Peter Kurbjuweit, Fraktionschef der Linken und stellvertretender Gruppensprecher, zieht das in Zweifel. „Da sind 250 000 Euro Kosten für eine neue Küche enthalten“, sagt er. Für einen Betrieb mit „Kaffee, Kuchen und Kleinigkeiten“ zu hoch gegriffen, ist er überzeugt. Und feucht, wie manchmal behauptet, sei das Gebäude doch auch nicht. „Wenn Interessenten da sind, tut die Stadt alles, sie gleich wieder zu verprellen“, meint Kurbjuweit. „Vier bis fünf aus der Branche“ hätten sich jedoch auch am Samstag am Wienerwald umgesehen, sagt er. Der von der Ratsgruppe in den vergangenen Monaten immer mal wieder erwähnte Interessent für ein inklusives Café im Ex-Wienerwald habe sich indes nicht durchgerungen, ein Angebot bei der Stadt abzugeben.

An die überraschend Ende Mai von Rot-Rot-Grün aufgebrachte Idee, eine Kita im Ex-Wienerwald oder einem Neubau an selber Stelle unterzubringen, glaubt indes die Gruppe wohl selbst nicht so recht. Das sei „in den Hintergrund gerückt“, sagt Wolfgang Meier, Vize-Fraktionsvorsitzender der Grünen im Rat. Im Wienerwald-Gebäude, so viel sei klar, ist eine Kindertagesstätte nicht machbar.

Nun will Rot-Rot-Grün in der Ratssitzung am Mittwoch eine Gnadenfrist erwirken: Bis Ende September soll noch einmal nach Investoren gesucht werden. Tut sich nichts, dürfte es darauf hinauslaufen, dass die Abrisskosten im Haushalt für das kommende Jahr eingeplant werden. Das freie Gelände soll dann dem Bürgergarten zugeschlagen werden: Das aktuelle Gebäude oder keins – so lässt sich die Perspektive zusammenfassen.

An diesem Vormittag am Rand des Bürgergartens geht der Blick jedoch auch zurück in die Historie: Joachim Schween vom Verein für regionale Kultur- und Zeitgeschichte hält Vorträge über die Geschichte des Gebäudes, das 1949 nach Entwürfen des Hamelner Architekten Rudolf Simon errichtet wurde. Von Simon stammt – zum Beispiel – auch das alte Hallenbad, die Jugendherberge und das Gebäude der Stadtwerke. Das einstige „Café am Ring“ sei „schon ein Schmuckstück“, betont Schween. „Hameln hat tolle 50er-Jahre-Architektur, die zu wenig beachtet wird“, findet auch Schweens Vereinsmitstreiter Bernhard Gelderblom.

Ein paar Dutzend Hamelner schauen auf der Terrasse vorbei. Auf einem Bogen Papier an der Fensterscheibe können sie ihre Ideen, denen der Ratspolitiker hinzufügen. „Genossenschaftsmodell“ steht dort dann am Mittag zum Beispiel, „Kulturcafé“ und „Softeisdiele“. An Ideen für den ehemaligen Wienerwald hat es in den vergangenen Jahren nicht gemangelt. An jemandem, der Geld in sie investieren möchte, hingegen schon.

Mein Standpunkt
Frank Henke
Von Frank Henke

Die nostalgische Sympathie für das einstige Café ist nachvollziehbar. Eine Zukunft hat das Gebäude wohl trotzdem nicht: Schon seit vier Jahren steht der ehemalige Wienerwald leer. Anzahl der ernsthaften Interessenten, die das Gebäude erhalten wollen: null. Warum sollte der alles rettende Investor nun in ein paar Monaten Gnadenfrist auftauchen?

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