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Frank Boschmann haucht alten Radios neues Leben ein / Schon als Kind dem Zauber der Elektronik verfallen

Wieder auf Empfang

Hameln. Tote zum Leben erwecken – das ist die Mission von Frank Boschmann. Manchmal haben die „Patienten“ Jahrzehnte im feuchten Keller verbringen müssen, bevor sie der 50-Jährige auf den Tisch bekommt. Andächtig schaut der Experte dann erst einmal auf ihr Innenleben, prüft den Zustand einzelner Teile, tauscht sie notfalls aus. Am Ende setzt er den für Laien undurchschaubaren Organismus unter Strom. Die Spannung steigert Boschmann dabei nur ganz langsam. „Umsichtig vorzugehen, ist sehr wichtig“, erklärt er, „denn sonst können empfindliche Teile zerstört werden.“ Im Idealfall füllen am Ende wohlige Klänge den Raum: Ein sechs Jahrzehnte altes Radio, das verstummt war und deshalb schon fast als Sperrmüll gegolten hatte, hat seinen Betrieb wieder aufgenommen – dem Elektronikfachmann, seinem Wissen über historische Technik und einem Fundus uralter Ersatzteile sei Dank.

veröffentlicht am 24.02.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 02.11.2016 um 00:21 Uhr

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Marc Fisser

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Marc Fisser Reporter / Newsdesk zur Autorenseite
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„Die Reparatur eines alten Radios ist meist zeitaufwendig“, schildert der Diplom-Ingenieur, während er in den Räumen von EME Electronic in Hamelns Südstraße ein „Nordmende Othello 3D“ aus dem Jahr 1956 begutachtet. „Die Stunden darf man dabei nicht zählen.“ Manchmal genüge es, Teile im Wert von 10 Euro auszutauschen, es könne aber auch 500 Euro kosten. Die Elemente sind in der Regel Originale aus Restbeständen aufgegebener Rundfunkgeschäfte, manchmal muss auch weltweit nach ihnen gesucht werden. Wenn die Menschen in den 1950er Jahren 400 D-Mark für ein Radiogerät auf den Tisch legten oder – was wahrscheinlicher ist – in Raten abstotterten, dann war das für sie eine Investition fürs Leben. Das „Wunderwerk der Technik“ bildete den Mittelpunkt der Wohnung, es sollte auch repräsentieren, so wie später der Fernseher, das Auto und heutzutage das Smartphone. „Meist sind es Erben, die sich an mich wenden“, sagt Boschmann. Für sie habe das von den Eltern oder Großeltern übernommene Gerät einen ideellen Wert. Deshalb seien sie bereit, in die Wiederherstellung einen Betrag zu investieren, der dem für ein neues Radio teilweise weit übersteigt. Der Eigentümer des Überbleibsels aus einer Zeit, als Radios so voluminös wie ein TV-Gerät waren, wird für diese Rettungsaktion im mehrfachen Sinne belohnt: Die Rhythmen strömen satt aus dem großen Lautsprecher; die Knöpfe und Schalter schmeicheln der Hand; das geheimnisvoll leuchtende „Magische Auge“ hilft beim Feineinstellen des Senders. Die Stationen bringen natürlich, vielleicht auch leider, das aktuelle Programm. Nur die Sender oberhalb von 100 Megahertz, jenseits von Radio Aktiv, sind nicht reinzubekommen, denn früher war an dieser Stelle Schluss. Mit dem richtigen Stecker, Adapter oder Transmitter können sogar die digitalen Medien von heute über die Röhrentechnik von damals wiedergegeben werden.

Nach Beobachtung Boschmanns gibt es bei Musikanlagen „eine Tendenz weg vom Neuen“. Denn, so sein vernichtendes Urteil, „das meiste von heute ist Schrott oder aber sehr teuer“. Für einige entscheidende Bauteile gebe es nur noch ein oder zwei Hersteller; sie lieferten starre Module statt individueller Lösungen. Wenn Boschmann in einem der alten „Dampfradios“ oder auch in Geräten der 1970er und 80er Jahre einen Schaltplan findet, liest er ihn wie ein Buch. Oft ist er dann fasziniert von der Kunst der Konstrukteure und sagt sich: „Das ist genial gelöst.“ Damals seien „pfiffige Leute am Werk“ gewesen, lobt der gebürtige Hamburger, der seit 20 Jahren in Bensen lebt. „Die haben aus wenig richtig viel gemacht.“ Doch seit rund zehn Jahren gebe es etwa bei Autoradios und Verstärkern keinen echten Fortschritt mehr.

Boschmann selbst ist die Elektronik quasi in die Wiege gelegt worden. Sein Großvater war Sendetechniker bei der Deutschen Presseagentur, sein Onkel Maschinenbauer. Beide versorgten ihn von klein auf mit entsprechendem „Spielmaterial“ und Informationen. „Wie Zauberei“ erschien es dem kleinen Frank, wenn er aus der Zigarrenkiste, die er mit Diode, Spule und Kondensator versehen hatte, über eine 20 Meter lange Antenne im Garten und mit speziellem Kopfhörer Radiosender aus Deutschland und fernen Staaten hören konnte – und das ohne Stromanschluss oder Batterie. Wenig später war es für ihn und einen Freund jedes Mal ein Fest, wenn eine Sperrmüllsammlung anstand: Mit zehn Jahren baute Frank Boschmann aus Teilen der am Straßenrand abgestellten Geräte einen Röhrenverstärker, wenig später beeindruckte er die Mitschüler mit einer Lichtorgel, deren Elektronik im früheren Leben eine Waschmaschine gesteuert hatte. Als ihm der Opa einen ausgedienten Nachrichtenticker überließ, schien es ihm zu langweilig, den Fernschreiber nur rumstehen zu sehen. Also verschlang er Fachliteratur und bastelte nächtelang, um einen Decoder zu basteln. Dieser brachte fortan die via Kurzwelle empfangenen Fernschreib-Trillergeräusche aus aller Welt zu Papier. Der Inhalt war egal, dass es funktionierte, brachte den Kick. „Heute gibt es nur noch wenige solche Bastler“, bedauert der Elektroingenieur, der enthusiastisch auch an seinem Auto herumschraubt – ein alter Audi 80, den er für 250 Euro gekauft hat – und eigentlich auch an allem anderen. „Maschinen sind eine Art lebender Organismus“, schwärmt Boschmann. Bei vielem, das er in jungen Jahren „mit Intuition“ geschaffen hat, ging ihm erst während des Studiums ab 1985 in Hannover ein Licht auf. Damals hatte er besonderes Glück: Er lernte die E-Technik-Studentin Dagmar Peschke kennen. Sie wurde seine Ehefrau und bringt damit im wahrsten Sinne viel Verständnis für die Technikbegeisterung ihres Mannes auf.

Das Lager der Radio-Röhren, auf das Frank Boschmann zurückgreift, ist selbst antiquiert. Foto re.: Der Experte repariert ein Nordmende-Radio von 1956. mafi

Boschmann befürchtet, dass Deutschland der Ingenieursnachwuchs wegbricht, „weil den jungen Leuten die praktischen Erfahrungen fehlen“. Es gebe keinen Zugang mehr zur Technik. Anders als ein altes Radio lasse sich ein iPhone „nicht durchschauen“ – geschweige denn, dass sein Besitzer daran herumlöten kann.



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