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Raúl Aguayo-Krauthausen über Behinderung, Vielfalt und ein „uraltes“ Bildungssystem

Wie verändert man eine Gesellschaft?

Hameln. Sein Buch „Dachdecker wollte ich eh nicht werden“ erzählt das Leben aus der Perspektive eines Rollstuhlfahrers – wobei er selbst betont, die andere Perspektive gar nicht zu kennen. Raúl Aguayo-Krauthausen ist Autor und Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande. Er nennt sich selbst „sozialer Aktivist“. Der 34-Jährige ist am heutigen Mittwoch Gast bei der Podiumsdiskussion zum Thema „Arbeit und Inklusion“ in den Räumen der Dewezet. Er hat Glasknochen und ist kleinwüchsig, der Berliner nennt sich selbst eine Frohnatur und möchte nicht weniger, als die Gesellschaft verändern. Wir haben vorab mit ihm gesprochen.

veröffentlicht am 11.02.2015 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 30.10.2016 um 09:21 Uhr

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Herr Aguayo-Krauthausen, wie verändert man eine Gesellschaft?

Indem man die Öffentlichkeit aufklärt, seine Sicht der Dinge darstellt und die Gesellschaft für das Thema Menschen mit Behinderungen sensibilisiert. Nicht alle leiden und hadern mit ihrem Schicksal. Ein großer Teil der Behinderten fühlt sich nicht selbst behindert, sondern wird behindert durch die Gesellschaft.

Sie haben vor zehn Jahren den Verein Sozialhelden gegründet. Warum?

Wir arbeiten in der Öffentlichkeit und haben mit wheelmap.org eine Online-Karte über rollstuhlgerechte Orte erstellt.

Ist Hameln auch dabei?

Die funktioniert weltweit – hier der Link: http://wheelmap.org/map#/?lat=52.10375065122914&lon=9.368934631347656&q=hameln&status=yes.limited.no&zoom=15. Wir bieten aber auch mit unserem Projekt Leidmedien.de Workshops für Medienhäuser an, denn eines unserer Hauptziele ist die vorurteilsfreie Berichterstattung zum Thema Behinderung.

Wird manches nicht auch aus Unsicherheit gesagt?

Das stimmt schon, selten steckt böse Absicht dahinter. Wir wollen auch keine Sprachpolizei sein, sondern ein Bewusstsein schaffen. Oft heißt es beispielsweise: ,Er ist an den Rollstuhl gefesselt.´ Das ist eine Floskel, denn für die meisten Behinderten bedeutet der Rollstuhl Freiheit. Menschen mit Behinderungen haben auch Leidenschaften, Interessen – und sie sind auch keine Superhelden, nur weil sie sich im Rollstuhl fortbewegen.

Sie haben in Ihrem Blog geschrieben, Sie würden gerne einmal mit Ihrem Ich vor 20 Jahren sprechen – warum?

Ich habe eine entspannte Kindheit gehabt. Und durch zunehmende Reife und Reflexion inzwischen einen selbstbewussten Umgang – aber das war nicht immer so. Bis ich Mitte 20 war, hatte ich schon auch Probleme, zur Behinderung zu stehen.

Liegt das nicht auch am Umfeld, in dem man aufwächst?

Das ist immer eine Wechselwirkung. Ich hatte viel mit mir selbst zu tun und habe keine große Mobbing-Erfahrung. Ich bin aber auch vorsichtig, wenn es heißt, jeder kann es schaffen, man muss nur zu sich selbst stehen, denn natürlich hat das auch mit dem Umfeld zu tun. Aber Mobbing ist Thema in jeder Schulklasse und das muss nicht zwangsläufig das Kind mit der Behinderung betreffen, es kann auch das Mädchen mit den roten Haaren sein. Eigentlich steckt dahinter die eigene Angst – und das ist das Problem von Inklusion insgesamt.

Ist das Wort Inklusion nicht sehr sperrig – und alles andere als dazu geeignet, Öffentlichkeit zu schaffen?

Es wird immer mehr zum Unwort. Leider. Bei uns wird immer noch darüber diskutiert, ob es klappen kann. Dabei ist das doch nicht mehr die Frage, es geht um das Wie. Die Deutschen sehen immer an erster Stelle die Probleme. Dabei bringt Inklusion nicht nur den Behinderten etwas, sondern auch den Nichtbehinderten. In den 80ern haben wir diskutiert, ob Menschen mit und ohne Migrationshintergrund gemeinsam beschult werden können, in den 1920er Jahren ging es um den gemeinsamen Unterricht von Jungen und Mädchen. Hätte man damals die Lehrer gefragt, ob das geht, hätten die Nein gesagt. Lehrer sind Bedienstete des Staates, und wenn der Staat Inklusion will, dann müssen sie mitmachen. Das klingt jetzt nach Schelte mit den Lehrern, so ist das nicht gemeint; natürlich muss der Staat auch die Ressourcen schaffen und beispielsweise kleinere Klassen einrichten.

In Italien gibt es Inklusion ja schon viel länger, und da funktioniert es.

Deutschland hat ein uraltes Bildungssystem, das beratungsresistent ist und von heterosexuellen, alten und konservativen Männern gemacht wurde und dominiert wird. Inklusion stellt die Systemfrage. Es ist immer schwierig, Ressourcen umzuverteilen, weil alle Angst haben, etwas hergeben zu müssen.

Was ist für Sie normal?

Normal ist Vielfältigkeit. Inklusion sagt nicht, dass alle gleich sind, sondern, dass alle die gleichen Rechte haben. Warum gibt es die Schulwahlfreiheit für Nichtbehinderte, nicht aber für Behinderte. Das ist eine Frage der Rechte.

Sie haben gesagt, es habe auch Vorteile, körperlich eingeschränkt zu sein – ist das Zynismus?

Ich kann zum Beispiel kostenfrei öffentliche Verkehrsmittel benutzen. Ich bin seit Geburt an behindert, ich kenne es nicht anders. Mir glaubt keiner, dass ich gar nicht laufen können will. Ich träume nicht davon. Aber ich habe sicherlich den Vorteil, dass mich viele wiedererkennen, dass ich manchmal einfach Sympathieträger bin und sogar ein gewisses Kindchenschema erfülle – klein, großer Kopf. Ich habe das Gefühl, dass die Menschen mir immer freundlich begegnen.

Haben Sie noch nie etwas Böses erlebt?

Doch, natürlich auch, mir hat mal jemand das Handy aus der Hand gerissen. Aber ich versuche das nicht überzubewerten; auch Nichtbehinderte erleben böse Sachen. Die Berliner Busfahrer sind zum Beispiel zu allen unfreundlich. Ich bin eher eine Frohnatur.

Bei der Podiumsdiskussion in Hameln geht es um Arbeit und Inklusion. Wie war Ihr eigener Werdegang?

Ich habe mich nach der Schule an den Unis beworben und Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation studiert. Ich habe diverse Praktika in Werbeagenturen gemacht und mich dann beworben. Wobei meine Mutter die gute Idee hatte, die Bewerbung so zu schreiben, dass der Arbeitgeber mich nicht nur deshalb ablehnen kann, weil ich behindert bin – nämlich, weil er keine behindertengerechte Toilette hat. Das wäre dann nämlich eine Ausrede. Also habe ich es als letzten Satz geschrieben, dass ich selbst mich um Alternativen kümmern würde, sollte beispielsweise das Gebäude nicht rollstuhlgerecht sein. Denn es gibt ja auch die Möglichkeit, mit Hilfe von Fördermitteln vermeintliche Probleme zu lösen.

Hatten Sie viele Absagen?

Nein, ich hatte das Glück, dass es in meiner Branche einen Fachkräftemangel gibt. Einer meiner Chefs hatte anfangs auch Zweifel, wie er mir später gestand. Aber: Inklusion gelingt nur durch Konfrontation, nicht durch Diskussion. In Deutschland wird schon wieder nach Heilerziehungspflegern gerufen, da frage ich immer: Welche Mutter, die ein behindertes Kind bekommt, war das vorher? Konfrontation ist die beste Lernmethode. Nur, weil wir eine Frau als Bundeskanzlerin und einen Finanzminister im Rollstuhl haben, haben wir noch lange keine Inklusion.

Interview: Kerstin Hasewinkel

Das Kuratorium zur Förderung der Inklusion veranstaltet mit dem Verband der Arbeitgeber im Weserbergland heute ab 18 Uhr eine Podiumsdiskussion bei der Dewezet. Zum Thema „Arbeit und Inklusion“ sitzen auf dem Podium neben Raúl Aguayo-Krauthausen die Parlamentarische Staatssekretärin Gabriele Lösekrug-Möller und Dr. Jörn Hülsemann, Fachanwalt für Arbeitsrecht.

Raúl Aguayo-Krauthausen, der heute an einer Podiumsdiskussion in Hameln teilnimmt, ist Autor und Träger des Bundesverdienstkreuzes am Bande. Der 34-Jährige hat Glasknochen und ist kleinwüchsig und will für das Thema Menschen mit Behinderungen sensibilisieren. Christian

Mayer

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