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Mit allen Sinnen: Was den Liebesbeweis so besonders macht

Wie schmeckt der perfekte Kuss?

Die elfengleiche Stimme im Song der längst schon wieder vergessenen Band „Sixpense None The Richer“ versprach damals alles. Liebe, Romantik – das volle Programm. Und spätestens seit Max Raabe ist es raus: „Küssen kann man nicht alleine.“ Aber doch auf unzählige Arten und Weisen: Sanft und zärtlich, leise und liebevoll, unschuldig und zurückhaltend, hemmungslos und leidenschaftlich, laut und schmatzend. Die Liste der knutschenden Adjektive ist endlos.

veröffentlicht am 18.06.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 19:21 Uhr

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Autor:

Nina Reckemeyer
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Der Kuss, er will sich eigentlich nicht so recht in eine Schublade stecken lassen. Er braucht einen ganzen Schrank. Damit der Kuss aus Liebe, der zur Begrüßung, der der Eskimos, der mit Zunge, der Kuss unter Geschwistern, zwischen Mutter und Kind, der Kuss auf die Stirn oder der unverfängliche Wangenkuss und all seine erdenklichen Vettern darin Platz finden.

Geradezu verwunderlich ist da, dass der Duden eine so genaue Definition für den Kuss parat hat: „[sanft] drückende Berührung mit den [leicht gespitzten, leicht geöffneten] Lippen (als Zeichen der Zuneigung oder Verehrung, zur Begrüßung o. Ä.)“ Doch wenn das mal im richtigen Leben so einfach wäre, lieber Duden.

Sicher, guten Freunden gibt man schon mal ein Küsschen, wie ein großer Schokoladenhersteller zu verkünden weiß. Aber schließlich können Mann und Frau einem ungeliebten Gegenüber durchaus mal einen verächtlichen Kuss durch die Luft zuwerfen. Einen, der dann so viel sagt wie: Du kannst mich mal gerne haben. Die Möglich- und Unmöglichkeiten des Kusses scheinen grenzenlos. Aber es ist schon wahr. Der Kuss im Großen und Ganzen ist eine Art Liebesbarometer, der – und das ist überraschend – erst mit den großen Liebesfilmen wie „Vom Winde verweht“ als Symbol der Liebe um die Welt gegangen ist. Denn vor nicht allzu vielen Jahren galt der Kuss unter Verliebten in der Öffentlichkeit noch als sittenwidrig und anstößig. In einer Zeit, in der es erschreckend leicht ist, im Internet zu lernen, wie Liebe anscheinend so geht, kann das schon mal in Vergessenheit geraten.

„Die Väter,

die haben uns früher bewacht“

Diejenigen, die noch wissen, wie es sich anfühlte, nur hinter verschlossenen Türen süße Zuneigungsbekundungen austauschen zu dürfen, sind heute froh über etwas weniger Strenge in der Liebe: „Das waren andere Zeiten bei uns. Von wegen Kuss in aller Öffentlichkeit. Oh, oh, das war tabu“, erinnert sich die 84-jährige Irmgard Müller aus Bad Münder. „Die Väter, die haben uns früher bewacht. Die waren zu streng. Heute ist das alles ein bisschen lockerer.“ Bei ihrem ersten Kuss war sie volljährig. Mit einem Lächeln spricht die patente Dame von ihrem ersten Schmatzer: „Oh ja! Da war ich 18. Da habe ich meinen ersten Tanzpartner kennengelernt, in der Tanzschule. Na ja, und dann gab’s auch mal zum Schluss einen Kuss.“ Ihr heutiger Kuss- und Lebenspartner bekommt hingegen einen warmherzigen Rüffel: „Du hast früh angefangen! Das kann ich mir vorstellen!“ Horst Strohzig, jung gebliebene 86 Jahre, aus Bad Nenndorf, lacht und bestätigt: „In der Schule!“ Er kann sich noch genau daran erinnern, wem er seinen allerersten Kuss geschenkt hat: „Aber ja! Da war ich noch Schulkind. Meine Schwester hatte eine Schulfreundin, die habe ich immer gefunden, wenn wir Verstecken spielten.“ Auf die Frage, ob er heute noch an dieses Mädchen zurückdenke, antwortet er stolz: „Die habe ich später geheiratet. Aber wir haben uns durch den Krieg verloren. Sieben Jahre nichts voneinander gewusst. Ich war inzwischen Soldat und sie war eine Vertriebene aus Schlesien. Wir stammten beide aus Breslau. Nachbarskinder.“ Der Wiedersehenskuss musste vorerst warten: „Wir wussten ja nicht, was in sieben Jahren geschehen ist. Da sind wir sehr vorsichtig aufeinander zugegangen. Und dann stellte sich heraus, dass wir beide noch ledig und ohne Anhang waren. Im Februar hatten wir uns wiedergefunden und im November haben wir schon geheiratet. Das war 1952.“ Der höfliche ältere Mann wendet sich zur Seite. Ein gläserner Schimmer legt sich auf seine Augen: „Sie ist leider gestorben, vor 20 Jahren.“

Anastasia, 22, aus Vlotho und ihre Freundin Edona, 24, aus Hameln schätzen, dass sie – jede – schon weit über 100 Menschen geküsst haben. Hier zählen sie aber auch alle Bussis, Küsschen und Knutscher mit, die sie auch an Bekannte, Großeltern und Menschen verteilt haben, mit denen sie sich einfach freundschaftlich verbunden fühlen. Bei dem einen Kuss, dessen perfekte Umstände in dem Popsong aus den 90ern so schön besungen wurden, setzen die beiden jungen Frauen aber auf mehr Zurückhaltung: „Sich ein bisschen mehr distanzieren, das finde ich wirklich schöner. Also als Frau finde ich das jetzt so. Ich weiß nicht, wie die Männer darüber denken, die sind da …“ „Ja, stürmischer“, ergänzt Anastasia den Satz ihrer Freundin.

André, 22, aus Bad Pyrmont kann sich an seinen ersten Kuss nicht mehr erinnern. Dafür weiß er aber, worauf er bei dieser Art von Zuneigung lieber verzichtet: „Wenn der Partner dabei versucht zu reden. Oder wenn vorher was gegessen wurde, was extrem stark schmeckt.“ Küssen ist nämlich neben all den schönen und romantischen Assoziationen im wirklichen Leben vor allem eins: eine Geschmacksfrage.

Ernährungsberaterin Antje Müller aus Hameln überlegt: „Wie schmeckt ein Kuss? Gibt es Leute, die besonders gut schmecken? Das hat natürlich etwas damit zu tun mit, was ich gegessen habe.“ Für sie sind Knoblauch, Kohlrabi, Zwiebeln und Alkohol vor einem Date mit anschließender Kuss-Option nicht zu empfehlen. Etwas Frisches wie Minze wäre ein guter Begleiter.

Der Geschmack eines Kusses kann ganz unterschiedlich im Gehirn verarbeitet werden – mit einem manchmal überraschenden Effekt. Die Diplom-Oecotrophologin: „Das Geschmackszentrum hat einen direkten Draht zu unseren Erinnerungen.“ Der berühmte Erdbeerkuss, der so süß schmecken sollte wie der Sommer könne so etwa auf ganz unterschiedliche Arten wahrgenommen werden: „Verbinde ich gute Erinnerungen mit dem Geschmack von Erdbeeren, ist die Chance, dass der Kuss, der nach Erdbeeren schmeckt, besonders gut gefällt, hoch. Verbinde ich mit dem Geschmack von Erdbeeren jedoch eine unangenehme Erinnerung, wie zum Beispiel eine Unverträglichkeit für die Frucht und die damit einhergehenden unangenehmen Begleiterscheinungen, dann geht der Erdbeerkuss mit großer Wahrscheinlichkeit auch baden“, erklärt Müller. „Darüber hinaus spielt das Geruchszentrum eine sehr wichtige Rolle beim Küssen. Denn der Geruchssinn ist ganz eng verbunden mit dem Gefühlszentrum.“ Darum ist die Ernährungsexpertin davon überzeugt, dass man den richtigen oder eben auch den falschen Kusspartner schon auf einem Meter erschnüffeln könne.

Übrigens: Dass wir beim Küssen nicht mit unseren Nasen zusammenstoßen, hat einen glücklichen Grund. Unser Instinkt sorgt dafür, dass wir unseren Kopf etwas nach rechts neigen, wenn wir uns einem Menschen zum Kuss nähern, den wir gut riechen können.

Was für ein Ohrwurm, damals Ende der 90er Jahre: Von milchiger Dämmerung war die Rede, von mondhellen Tanzflächen. Diese Schuhe, dieses Kleid. Tanzende Glühwürmchen wurden besungen und – denn darum ging es im Wesentlichen – dieser eine perfekte Kuss: „… so kiss me!“



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