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Glatte Straßen machen jeden Gang nach draußen zu einem Wagnis / 20 Verletzte pro Tag

Wie man fällt, ohne sich etwas zu brechen

Hameln (tk). Welche Folgen ein falscher Schritt bei diesem Wetter haben kann, hat Özden Dirik am eigenen Leib erfahren. Der Arzt am Hamelner Kreiskrankenhaus versorgt eigentlich Patienten mit Sturz- und Bruchverletzungen. Jetzt muss er sich selber von Kollegen behandeln lassen, Diagnose: Oberarmkopfbruch – schmerzhaft.

veröffentlicht am 05.01.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.11.2016 um 22:21 Uhr

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Auf dem Weg zur Arbeit war Dirik gestürzt, trotz aller Vorsicht. Er hatte am Morgen sein Auto im Rondell abgestellt und ging auf der Domeierstraße in Richtung Krankenhaus. Beim Überqueren der Straße passierte es: „Ich trat extra auf eine Stelle, wo Schnee lag, um mehr Halt zu haben“, erzählt Dirik. Eine Fehleinschätzung. Unter der Schneedecke war die Straße spiegelglatt, Dirik fiel, direkt auf die Schulter. Höllenschmerzen seien es gewesen. Äußerlich war aber kein Bruch zu erkennen. Erst beim Röntgen zeigte sich die Fraktur. Bis auf weiteres trägt Dirik den Arm jetzt erstmal in einer Schlinge.

Wie ihm ergeht es zurzeit etlichen Leuten. Die Unfallchirurgen am Kreiskrankenhaus sind stark gefordert: Zehn bis 20 Patienten werden täglich eingeliefert. Unterarmfrakturen, Oberschenkelhals- und Sprunggelenkbrüche, Bänderrisse und Kopfplatzwunden gehören zu den Klassikern der Wintersaison, meint Krankenpfleger Manuel Meissner. Wer unsicher ist, ob er sich etwas gebrochen hat, dem rät er, unbedingt zum Arzt zu gehen. Schmerzen allein seien noch kein Hinweis. Eindeutiger sei da eine Delle unter der Haut, „das deutet auf eine Fehlstellung des Knochens hin“, und die müsse operiert werden, sagt er, und blickt etwas sorgenvoll auf den heutigen Tag. Mittwochs würden besonders viele ältere Menschen mit Brüchen kommen. „Das liegt daran, dass heute Markt ist und deshalb viele Senioren mit ihren Rollatoren unterwegs sind.“ Gerade bei ihnen sei die Versorgung aber oftmals schwierig. Wegen Nebenerkrankungen wie Zucker oder Herzleiden könnten die Mediziner nicht sofort operieren.

Gefeit gegen einen Sturz sind aber auch junge Leute nicht. Obwohl viele Passanten merklich vorsichtig unterwegs sind – ganz auszuschließen ist die Gefahr nie. Tchibo verkaufte als Gehhilfe bei vereisten Flächen sogar Spikes, die man sich unter die Winterschuhe machen kann – sie sind restlos ausverkauft. Andere Tipps, wie die Socke über dem Schuh, mögen dagegen zwar praktikabel sein, sind aber wenig ansehnlich. Ein Wanderstock als Begleiter scheint noch die effektivste Methode, sich gegen unfreiwillige Ausrutscher zu rüsten. Oder man versucht es – wenigstens, um die unangenehmen Folgen zu vermeiden – mit der richtigen Falltechnik.

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Die unterrichtet Oliver Bothmann. Er ist Arzt in Hessisch Oldendorf und durch und durch Sportsmann. Seit Jahren beschäftigt er sich mit diversen Kampfsportarten und mischt in der Hamelner Inline-Connection mit. Einmal in der Woche trainiert er die Skater und bringt ihnen bei, wie man relativ gefahrlos auf dem Asphalt landen kann. Das Wichtigste sei, sich beim Sturz zu entspannen, rät er. Dass er damit gegen einen Ur-Reflex anredet, ist ihm bewusst: „Menschen neigen nun mal dazu, den Körper anzuspannen, wenn sie sich erschrecken.“ Bei einem Sturz sei dies aber fatal. Gerade wenn man sich mit den Handballen abfängt, sei ein Unterarmbruch bei angespannten Muskeln vorprogrammiert. Er vergleicht das mit einer Eisscholle: „Wenn man mit einem Hammer auf ein Stück Eis schlägt, bricht sie. Haue ich aber ins Wasser, dann passiert gar nichts.“ Um den Reflex nachhaltig auszutricksen, brauche es Zeit und die richtige Atemtechnik, erklärt Bothmann.

Mit seinen Skatern übt er das Fallen, aus dem Stand, fahrend, in der Hocke und aufrecht. Bei jedem Sturz müssen die Fahrer lernen auszuatmen, und wiederholen dies mantraartig. „Denn beim Ausatmen entspannt sich der Körper“, beschreibt Bothmann. Es handele sich um den gleichen Mechanismus, der einsetzt, wenn man nach einer stressigen Situation erstmal aufatmet. Für Senioren bliebe die Situation aber brenzlig, gerade weil sie nicht mehr so beweglich seien. Ihnen rät er auf den vereisten Wegen nur kleine Schritte zu machen und die Knie möglichst lockerzulassen.

Kommenden Samstag erteilt Bothmann allen Interessierten in der Sporthalle des Vikilu Anschauungsunterricht. „Eigentlich haben wir ab 9.30 Uhr Training mit den Inline-Skatern, aber wer Fallen lernen will, dem zeige ich gerne, wie man durch das richtige Atmen den Körper entspannen kann.“

Das eisige Wetter kann aber nicht nur Folgen für Leib und Seele haben, sondern hat auch seine rechtlichen Tücken. Wer ist zum Beispiel verantwortlich, wenn ein Fußgänger vor dem Haus stürzt? Die Kommune regelt das in der Straßenreinigungsverordnung. Sie schreibt vor, wie und bis wann die Gehwege rutschsicher gemacht werden müssen. Bei Schneefall sind Rad- und Gehwege in einer Breite von 1,50 Metern freizuhalten. Ist ein Gehweg nicht vorhanden, so ist ein ausreichend breiter Streifen von mindestens 1 Meter neben der Fahrbahn freizuhalten.

Auch die Zeiten gibt die Verordnung vor. Bis 7 Uhr muss der Schnee, der in der Nacht gefallen ist, beiseitegeschoben werden, der Schnee, der tagsüber fällt, bis 21 Uhr.

Zuständig dafür ist der Hauseigentümer. Nur wenn im Mietvertrag ausdrücklich festgehalten ist, dass der Mieter den Winterdienst übernimmt, muss er zu Schneeschaufel, Streu und Besen greifen, so ein Urteil des Landgerichts Karlsruhe. Ein Aushang im Treppenflur genüge nicht.

Ebensowenig wie die Ausrede, durch den Job, eine Reise oder Krankheit verhindert gewesen zu sein. Kann der Mieter seiner Pflicht nicht nachkommen, muss er jemand anderen beauftragen, den Schnee zu beseitigen, verlangt das Urteil. Dennoch bleibt der Vermieter grundsätzlich in der Verantwortung. Er muss zumindest stichprobenartig kontrollieren, ob die Mieter ihre Räum- und Streupflichten erfüllen. Und rutscht tatsächlich eine Person auf dem Gehweg aus und verletzt sich, weil die Streupflicht vernachlässigt wurde, so können erhebliche Schadenersatz- und Schmerzensgeldforderungen auf den Vermieter beziehungsweise Mieter zukommen.

Seniorin Giesela Lango (72) ist sauer auf die Stadt. Der Pferdemarkt ist nicht geräumt. Nun fühlt sie sich unsicher beim Gehen. Rechts: Krankenpfleger Manuel Meissner versorgt in der Notaufnahme seinen gestürzten Kollegen, den Arzt Özden Dirik.

Fotos: Wal/hx

Geht manchmal schneller als man denkt. Auf den glatten Straßen reicht ein falscher Schritt für den Sturz.

Fotos: dpa/ddp



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