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Bahn lehnt Zaun nach Begutachtung ab

Wie können Stromunfälle an Bahngleisen verhindert werden?

HAMELN. Nach dem tödlichen Stromunfall, bei dem im Juni ein Sechsjähriger ums Leben gekommen ist, stellt sich weiter die Frage, wie so etwas verhindert werden kann? Die Bahn hat sich bereits gegen Zäune zur Gleis-Sicherung ausgesprochen. Weitere Möglichkeiten sind Warnhinweise oder die Entfernung festinstallierter Leitern.

veröffentlicht am 11.12.2018 um 00:30 Uhr
aktualisiert am 11.12.2018 um 12:09 Uhr

Dorothee Balzereit

Autor

Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite

Ein lauter Knall zerreißt die Stille in der Nähe der Prinzenstraße. Wenig später ist es Gewissheit: Ein sechsjähriger Junge ist tot. Die Oberleitung der Bahn, durch die 15 000 Volt fließen, ist ihm zum Verhängnis geworden. Das war im Juni dieses Jahres.

Seither gibt es Stimmen, die mehr Sicherheit im Umfeld der Bahn fordern, denn es ist nicht der erste Fall. 2006 starb ein 15-Jähriger am Güterbahnhof, 2016 zog sich eine junge Frau schwerste Verbrennungen zu. Auch sie war in der Nähe der Sertürnerstraße auf den Bahndamm und von dort auf einen Kesselwagen geklettert.

Muss also mehr für die Sicherheit getan werden? Im Fokus solcher Diskussionen stehen immer wieder – auch in anderen Städten – Zäune. Kein Allheilmittel, aber vielleicht eine Hemmschwelle. Doch die DB hält nichts von Zäunen (wir berichteten). Kaum aufgestellt, werden sie wieder eingerissen, argumentiert die Eigentümerin. Zu teuer sei es außerdem und gesetzlich verpflichtet sei man ohnehin nicht, wird immer wieder vorgebracht.

Dennoch kommen Zäune hier und da zum Einsatz, erklärt Detlef Lenger, Präventionsbeauftragter bei der Bundespolizei. Er hält für die Bahn in Schulen Vorträge über die Gefahren von Bahnstrom. Die DB hält diese Art der Prävention für das Mittel der Wahl. Die Entscheidung für oder gegen einen Zaun macht sie dagegen vom Einzelfall abhängig, nach Begutachtung. In Hameln gab es einen Ortstermin, bei dem auch Lenger dabei war. Ergebnis: Ein Zaun ist nicht notwendig, weil man den Bahndamm nicht versehentlich erreichen kann, sondern bewusst erklettern muss.

Zäune würden eher dort aufgestellt, wo sich regelrechte Trampelpfade gebildet haben, wo Leute aus reiner Bequemlichkeit, sogar mit Rollator und Kinderwagen, die Gleise überqueren. Wie zum Beispiel in Hildesheim, wo im Fahrenheitviertel 6 bis 7 Gleise überquert würden. Der dort aufgestellte Bretterzaun werde allerdings immer wieder eingerissen, sagt Detlef Lenger. „Trampelpfadverkehr“ gibt es in Hameln tatsächlich nicht. Schwer zu erklettern ist der Bahndamm aber auch nicht.

Einmal auf dem verbotenen Bahndamm angekommen, könnten auch die Kesselwagen mehr Sicherheit bieten, sagen Kritiker. Die fest installierten Leitern an den Kesselwagen gelten als Sicherheitslücken. Sie laden abenteuerlustige Kinder und selfiesüchtige Romantiker geradezu ein, auf die Waggons zu klettern.

Die Verantwortung für die Kesselwagen verortet die Bahn an dieser Stelle bei den Eigentümern der Waggons – auch wenn sie auf dem Gelände der Bahn stehen. Einzige Auflage: An Waggons mit Trittleitern muss mittels einer piktografischen Darstellung auf die von der Oberleitung ausgehende Gefahr hingewiesen werden. Ein Blitz-Symbol reicht seit 1995 nicht mehr. 1998 musste die Bahn wegen des fehlenden Symbols an einem Kesselwagen 14 409,80 DM Schadenersatz zahlen. Doch mehr als die Piktogramme halten auch die Gerichte nicht für notwendig. Kurios in diesem Zusammenhang: An Lokomotiven, die man zum Beispiel zum Frontscheibenreinigen über Tritte besteigen kann, sind aktuell nicht einmal Blitzpfeile vorgeschrieben, sondern freiwillige „Ausstattung“. Ein Mädchen kam im Mai 2018 beim Klettern auf eine solche in Pirna abgestellte Lok um.

Zumindest bei den Herstellern von Kesselwagen scheint sich etwas zu bewegen: Dort hat aufgrund der Unfälle, die übrigens nicht nur Kinder und Jugendliche betreffen, sondern immer wieder auch Gleisarbeiter, seit einigen Jahren ein zartes Umdenken eingesetzt. Bei der VTG AG, einem börsennotierten Eisenbahn-Logistik- und Waggonvermietunternehmen, gibt es inzwischen auch flexible Leitern, die nach der Fahrt abgenommen werden. „Die Wagen werden von uns grundsätzlich auf Wunsch des Kunden, also des Mieters der Wagen, umgerüstet“, sagt eine Sprecherin. Die Rede ist von 1100 Neu- und Bestandswagen seit Ende 2015. Das sind vergleichsweise wenige: Insgesamt sind es nach Information der VTG in Europa etwa 600 000 Güterwagen mit Haltern in vielen europäischen Ländern. In Deutschland sind es etwa 180 000 Güterwagen.

Bei der Franz Kaminski Waggonbau GmbH in Hameln bestätigt man den Trend zu flexiblen Leitersystemen: „Wir haben selber in einem Branchenprojekt mitgewirkt, um an- und abhängbare Leitern zu testen“, sagt Geschäftsführer Karsten Elstner. Er schätzt, dass vielleicht 20 Prozent der Gesamtwagen mit Modifikationen oder ohne Leitern fahren. Zudem arbeite die Branche an weiteren Sicherheitsmaßnahmen, wie zum Beispiel dem Blockieren der Leitern sowie größere Warnhinweise.

Über ähnliche Schutzmaßnahmen an Fahrleitungsmasten, die sich leicht erklettern lassen, denkt man bei der Bahn nicht nach. „Die Masten sind durch Piktogramme gesichert“, heißt es. Gemeint ist das gelbe Dreieck mit dem Blitz.

Darüber, wie viele Menschen pro Jahr durch Bahnstromunfälle sterben oder verletzt werden, ist bei der Bahn gar nichts zu erfahren. „Wir führen keine Statistik“, sagt ein DB-Sprecher und verweist auf die Polizei. Doch dort werden alle „Bahnbetriebsunfälle“ (ausgenommen Suizide) gezählt. Durchschnittlich fünf bis zehn pro Jahr endeten seit 2010 tödlich.



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