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Viktor Staudt erzählt seine Geschichte / Hilfe für Suizid-Gefährdete

Wie es sich anfühlt einen Selbstmordversuch überlebt zu haben

HAMELN. Wie sehr hat das Leben gequält, dass jemand es lieber beendet, als es Tag für Tag weiterhin zu durchleiden? Was könnte so viel Hoffnung geben, dass sich jemand trotz größter Verzweiflung für das Leben entscheidet? Und wie – um Himmels willen – fühlt sich jemand, der seinen Selbsttötungsversuch überlebt hat. Viktor Staudt weiß es. Wie es sich anfühlt, nicht mehr zu können, wie es ist, dem Tod den Vorrang geben zu wollen und dann gerettet zu werden.

veröffentlicht am 21.05.2019 um 13:14 Uhr
aktualisiert am 21.05.2019 um 19:10 Uhr

Viktor Staudt hat sich vor 20 Jahren vor den Zug geworfen und wollte sich umbringen. Er überlebte und sitzt seither ohne Beine im Rollstuhl. Foto: Bernhard Vesco
Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Am Mittwochabend ist der gebürtige Niederländer in Hameln zu Gast, um aus seinem Buch „Die Geschichte meines Selbstmords“ zu lesen – und Menschen Mut zu machen.

12. November 1999 – es gibt ein Leben davor und eines danach. Davor war Viktor Staudt schwer depressiv (was er zu dem Zeitpunkt nicht wusste), litt unter Panikattacken und Angstzuständen, die ihn von einem unbeschwerten Leben abgehalten haben und die er nicht mehr aushalten wollte. Danach sitzt Viktor Staudt im Rollstuhl, ist depressiv und hat seine Psyche weitgehend im Griff. „Ich kann es jetzt besser kontrollieren“, sagt er, er spüre nicht mehr ständig eine Bedrohung.

Nur vorletzte Woche, erzählt er, da konnte er nicht mehr. Da musste er eine Lesung abbrechen, weil ihm alles zu viel geworden sei. Er merkt, wenn er sich zumutet, was er zu tragen nicht in der Lage ist und nimmt sich die Auszeit, die ihn wieder beruhigt. Auch, wenn es natürlich für die über 200 Gäste, die ihn und seine Geschichte hören wollten, ärgerlich ist und ihn dann Schuldgefühle plagen. Einfacher ist sein Leben nach dem Suizidversuch auf keinen Fall geworden: Der Zug hat ihm nicht, wie ersehnt, das Leben genommen, sondern „nur“ die zwei Beine und einen Arm gebrochen, der längst wieder heil ist.

Er wollte nicht dem Leben ein Ende setzen, sondern exakt diesem Leben, wie es sich ihm geboten hatte. Diese Probleme nicht mehr zu haben, war sein Wunsch. „Ich habe keine Lösung gefunden gegen die Einsamkeit, aus der Verzweiflung“, berichtet Staudt von der ihn umgebenden Dunkelheit, und: „Ich hätte gerne eine attraktive Alternative gehabt.“ Dass er unter heftigen Depressionen litt, hat ihm damals keiner diagnostiziert, geschweige denn Hilfe in Aussicht gestellt.

Mit elf Jahren hatte er plötzlich angefangen zu stottern, was ihm seine Abitur-Zeit zur Hölle gemacht hat. Hilfe? Keine. „Da hat sich keiner drum gekümmert.“ Erst fünf Jahre nach dem Selbstmordversuch, als er seiner Hausärztin offenbarte, dass es ihm noch immer so schlecht gehe, er noch immer diese Panikattacken haben, gab sie dem Kind einen Namen: „Sie haben eine Depression!“ Von da an konnte eine gezielte Therapie beginnen, inklusive Anti-Depressiva, von denen Staudt sagt: „Sie haben mich gerettet.“

12. November 1999. Nachdem die akuten Verletzungen versorgt sind, Viktor Staudt aufgewacht ist, einige Wochen vergangen sind, kommt er in eine Reha-Klinik in den Niederlanden. Zu seinen Eltern sagten die Ärzte: „Ach wissen Sie, die Therapie ist zwecklos, die versuchen’s nochmal.“ Staudts Vater setzt alle Hebel in Bewegung, dass sein Sohn diese Klinik in Amsterdam verlässt und nach Füssen kommt. Er lebt viele Jahre in Deutschland, danach in einem Vorort von Bologna in Italien. Hängt er heute am Leben, ist er froh, überlebt zu haben? Staudt muss überlegen.

„Es gibt viele tolle Sachen und es gibt viele schreckliche Sachen im Leben“, fasst er zusammen, was das Leben ihm bietet. Er kann am Leben teilnehmen – das ist mehr, als er damals, vorher erwartet hätte. Wer Staudt zuhört, hört einen Mann, der motiviert, kraftvoll, geerdet klingt, und ja, es gibt Situationen, Menschen, Freunde, auf die er sich freuen kann, sagt er. Er liebt klassische Musik, am meisten Chopin. Aber er ist schmerzhaft ehrlich: „Ich bin kein großer Fan vom Leben.“ Doch er meistert es und will den Menschen, die unter Depressionen leiden, die Selbstmordgedanken hegen, mit seiner Lebens(!)-Geschichte Mut machen: „Die Chance, dass es wieder besser wird, ist groß. Die Dunkelheit bleibt nicht.“


Info: Viktor Staudt liest Mittwochabend im „Zeitgeist“ an der Deisterallee 2 ab 18 Uhr.

Aktionswoche Selbsthilfe

Im Rahmen der bundesweiten Aktionswoche Selbsthilfe vom 18. bis 26. Mai bietet der Paritätische Wohlfahrtsverband Aktionen in Hameln an.

  • Infostand vor dem FiZ (Familie im Zentrum), Osterstraße, Hameln, 10 bis 16:

Mittwoch, 22. Mai, zum Thema Sucht

Donnerstag, 23. Mai, zum Thema psychische Erkrankungen.

  • Mitternachtsplausch um das Hochzeitshaus, Freitag 24. bis 25. Mai, 20 bis 0 Uhr: Selbsthilfegruppen, Vereine und Organisationen im Gesundheitswesen laden zu einem Mitternachtsplausch mit Picknick gegen eine Spende ein. Neben dem Plausch gibt es eine bunte Eröffnung auf der Hochzeitshausterrasse; Oberbürgermeister Claudio Griese und Landrat Tjark Bartels sind mit von der Partie, ebenso die Tanzgruppe Victorias Secrets und der Sänger Nick March.
Information

Hilfe für Betroffene

  • Sorgentelefon: bundesweit einheitliche kostenlose Nummer 0800-1110111 oder 0800-1110222 .
  • Sorgentelefon für Kinder und Jugendliche:0800-1110333.
  • Sozialpsychiatrischer Dienst des Landkreises Hameln-Pyrmont: Antje Stoppel-Brandes 05151/903-5105; Jürgen Geithner 05151/903-5106; Sina König 05151/903-3335; Michael Nasse 05151/903-5111
  • Selbsthilfegruppe „Regenbogen-Gruppe“ für Menschen mit Depressionen und Angststörungen. Treffen: jeden 1. und 3. Montag im Monat, 18 Uhr, im Paritätischen, Kaiserstraße 80; Kontaktstelle für Selbsthilfe bei den Paritäten im FiZ (Familie im Zentrum), Osterstraße 46: Tel.: 05151/576113
  • Angehörigen-Gruppe von Menschen mit psychischen Erkrankungen, Treffen: jeden 2. und 4. Montag im Monat, ab 17.15 Uhr, im FiZ, Osterstraße 46,; Kontaktstelle für Selbsthilfe bei den Paritäten: Tel.: 05151/576113
  • In akuten Gefahrensituationen den Notruf 112 wählen.


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