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So wwwar’s früher

Wie 30 Jahre Internet unseren Alltag verändert haben

HAMELN/WELT. Das Internet feiert runden Geburtstag und ist mittlerweile 30 Jahre alt. Am 12. März 1989 schlug der Informatiker Tim Berners-Lee seinem Arbeitgeber am europäischen Kernforschungszentrum CERN ein Projekt vor, das die Grundlage des heutigen World Wide Web bilden sollte. Die Erfindung hat nicht nur Beziehungen, das Einkaufen oder das Musik hören verändert. Ein Überblick.

veröffentlicht am 12.03.2019 um 17:12 Uhr
aktualisiert am 12.03.2019 um 19:20 Uhr

Disketten statt Cloud, Filmrolle statt Speicherkarte, Briefe und Fax statt E-Mails, Brockhaus statt Wikipedia, Fotos kleben statt Fotobücher am Rechner designen – etliche Lebensbereiche haben sich durch das Internet komplett verändert. Montage: Dana
Birte Hansen

Autor

Birte Hansen-Höche Reporterin zur Autorenseite
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Ich hab’ kein Netz! Was damals höchstens für Schmetterlingssammler dramatisch war, lässt heute Jugendliche und Erwachsene Fluchsalven abfeuern. 30 Jahre liegen zwischen dem ultra-analogen Damals und dem digitalen Heute, in dem für Milliarden Menschen das „Netz“ mit all seinen Anwendungsmöglichkeiten zum Leben gehört wie das Atmen. Wie es funktioniert, das vernetzte Informationssystem World Wide Web (WWW), das der britische Physiker Tim Berners-Lee erdacht hat, hat der Laie nie kapiert – seinen Alltag hat es trotzdem grundlegend geändert. Wer ab 1989 bewusst durchs Leben ging, hat bunteste Erinnerungen an die Zeit „ohne“.


Liebe, Beziehungen und Sex: „Weißt du, was wir früher gemacht haben, wenn wir jemanden kennenlernen wollten?“, fragt der Vater seinen Sohn. „Wir sind freitagabends weggegangen, und wenn da eine war, die wir schick fanden, sind wir nächsten Freitag wieder hingegangen, in der Hoffnung, dass sie auch wieder da ist …“ Der Sohn so: „???“ Heute wird geparshipt oder bei Tinder gewischt, bis was Passendes fürs Leben oder die Nacht dabei ist, per Whatsapp verabredet, fertig.


Musik hören und aufnehmen: Playlist? Ja, mit dem Stift zwischen die viel zu eng beieinander gedruckten Linien auf dem Inlay einer Kassettenhülle geschrieben – nachdem man zwei Stunden vor dem Radio (mit Glück mit integriertem Kassettendeck) gelegen oder gesessen hat, um in den passenden Momenten die Tasten „Play“ und „Record“ gleichzeitig zu drücken. Das Schwarzärgern, weil der Moderator zu früh reingequatscht hat, verbindet Tausende Menschen. Ein „Mix-Tape“ aufzunehmen dauert entsprechend länger, weil erst alle Platten und Kassetten zusammengesucht werden mussten, aus der einzelne Lieder für die neue Kassette ausgewählt wurden. Total romantisch und irre arbeitsaufwendig. Geduld war auch gefragt beim Plattenkauf: Die neue Scheibe wollte erst einmal im Foto- oder Radiogeschäft bestellt und dann Tage, wenn man Pech hatte, Wochen später geliefert werden (siehe auch Schreiben und Telefonieren). Heute: Spotify, Napster, Applemusic, alles online – play und wohooo, ding, da ding, schalalala… .


Fernsehen und Video: Samstagabend – Wetten, dass… und Sportschau, für alle! Nicht nur für die eigene Familie, sondern für Deutschland. Wer darauf keine Lust mehr hatte, enterte die Videotheken der Stadt und stöberte über staubig riechenden Teppich durch ungezählte Regale, bevor das richtige Genre samt Film endlich gefunden war. Binge-Watching war: drei Videos nacheinander. In der Zeit gucken Teenager heute locker Netflix leer.
Klamotten kaufen und anderes: Wohin? In die Stadt! Das war ein richtiges Highlight, gern mit der ganzen Familie, und bitte nicht allzu oft, weil auch anstrengend. Die Größe gibt’s nicht? „Wird bestellt, kann aber etwas dauern.“ Also doch eine Woche später wieder hin. Shirt-Farbe passt doch nicht zur Hose, die zu Hause im Schrank hängt? Pech gehabt, wird trotzdem angezogen, denn: „Dafür fahren wir jetzt nicht wieder in die Stadt!“ „Retour“-Sendungen gab’s höchstens, wenn man im inzwischen ausgestorbenen Otto-, Bader- oder Neckermann-Katalog bestellt hat. Wer ein Auto brauchte, einen Urlaub buchen wollte, ging zum Händler und Reisebüro seines Vertrauens und blieb bei seiner Marke und seinem Berater treu. Ob irgendjemand dieses Modell irgendwo in Deutschland 1000 D-Mark günstiger anbietet, blieb einem (zum Glück) verborgen. Heute: Ein-Klick-Kauf, weil die Daten für die Bezahlung natürlich längst hinterlegt sind, da, passt nicht, zurück. Bei größeren Anschaffungen spucken Preisportale den günstigsten Preis aus, und wenn das Schnäppchen in München steht, geht’s am Wochenende eben nach München. Flohmarkt ist heute eBay, und wer schon früher nicht gerne konfektioniert und ausgezeichnet hat, macht es heute nicht viel lieber.


Schreiben und Telefonieren: Statt „pling“ im E-Mail-Postfach ertönte „rumms“, wenn der Postbote Briefe oder Postkarten gebracht hat. Waren es langersehnte, hielt man es kaum noch aus vor Aufregung und Vorfreude. Briefe in die USA dauerten etwa sieben Tage, die Antwort macht mindestens weitere sieben Tage, frühestens zwei Wochen, nachdem man der Freundin in Amerika seinen Liebeskummer mit Füller und Fehlern geklagt hatte, kam auch schon die mitfühlende Antwort – während man selbst schon längst wieder Händchen mit einem neuen Freund hielt. Klassenfahrt? Eine Woche lang keinen Kontakt zu den Eltern. Urlaub? Zwei (lange) Wochen kein Kontakt zu den Freunden. Und wenn man seit drei Wochen wieder zu Hause war und jedes Urlaubsdetail erzählt hatte, kam auch schon die Postkarte an. Wetter gut, Hotel super, Essen lecker. Heute: Skype in Echtzeit, E-Mail in wenigen Minuten, Snapchat, Whatsapp, facebook immer und überall live dabei, pausenlos. Wer Ruhe möchte, braucht vor allem viel Selbstdisziplin.

Krankheiten und andere Recherchen: Bibliotheken sind nicht out, aber der Brockhaus ist tot. „Google mal …“ und Wikipedia haben Schlagwortregister und kiloschwere Enzyklopädien in vielen Bereichen abgelöst. Haus-, Diplom- oder Doktorarbeiten ohne Internet? Zeitung ohne Netzrecherche? War das ein Aufwand, mit Telexmaschinen für Fakten von Ost nach West kurz nach der Wende, langen Auf-ein-Bier-Gesprächen und Sitzungen im Stadtarchiv! „Tagesaktuell“ war höchstens ein hehres Ziel, und die Erklärung fürs eigene Zipperlein musste ein Arzt liefern – oder die redefreudige Nachbarin, die das alles auch schon mal und deswegen auch immer einen Tipp hatte.

Freunde und Fotobücher: Aus Fleisch und Blut und mit Pappseiten und Seidenpapier mit Spinnennetzmuster. Auf Urlaubsfotos wurde hingefiebert, um dann festzustellen, dass ein Fünftel verschwommen ist, ein Finger vor der Linse oder nur das obere Drittel der Köpfe zu sehen war. In abendfüllenden Sitzungen wurden Foto-Ecken von der Rolle gepfriemelt, Bilder schief eingeklebt und per Hand (witziger) Text darunter geschrieben. Heute: Hochglanzfotoalbum, online bestellt. Ach ja, Freunde – da gab’s: die echten und keine. Heute gibt’s noch die auf Facebook, die alles von sich geben, was einem Freund im Leben nicht einfiele.



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