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Energieversorger vor 100 Jahren gegründet, vor 13 Jahren verkauft / Was ist aus dem Erlös geworden?

Wesertal – sag mir, wo die Millionen sind …

Hameln-Pyrmont. Mit der Übernahme Wesertals wollte der finnische Konzern Fortum einst zum großen Siegeszug aufbrechen, wollte von Hameln aus den deutschen Strommarkt aufrollen. Das Ende ist bekannt: Fortum strich die Segel, und später holte auch der neue Eigentümer e.on Westfalen Weser die Fahne am alten Wesertal-Gebäude ein. Seitdem spricht niemand mehr von einer Erfolgsgeschichte, wenn es um den Verkauf des kommunalen Stromversorgers geht.

veröffentlicht am 29.06.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 02:21 Uhr

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Autor:

Frank Werner
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Immerhin hat der Landkreis 1999 als Anteilseigner aber noch richtig Kasse gemacht, satte 124,5 Millionen Mark (63,7 Millionen Euro) brachte der Deal mit Fortum ein. Obwohl die Firmengeschichte Wesertals damit faktisch endete – der Nachfolger der Finnen, die Paderborner Konzerntochter e.on Westfalen Weser, will heute in der Hamelner Netzwerkstatt auf das Jahrhundertjubiläum des 1912 gegründeten Elektrizitätswerks Wesertal anstoßen. Mitten hinein in den Festakt sei die Frage gestattet: Was ist eigentlich aus den Verkaufs-Millionen geworden?

Die gute Nachricht zuerst: Nicht alles ist verbraucht. Zehn der 63,7 Millionen sind noch nicht ausgegeben oder verplant, sie bilden des Rest der Rücklage und sind bis 2020 oder 2025 fest angelegt. Rund ein Sechstel des Erlöses ist nach 13 Jahren also noch auf dem Konto.

Und ein Großteil der übrigen Erlöse existiert ebenfalls noch, argumentiert der Landkreis, denn man habe mit dem Vermögen neues Vermögen geschaffen – das Krankenhaus und Kreishaus gebaut, Schulen und Sporthallen saniert und Kreisstraßen repariert.

Aber der Reihe nach. Von den Anfang 2000 eingehenden Erlösen wurden 5,6 Millionen praktisch sofort ausgegeben: für den Neubau des Kreishauses, die Zentralisierung des Krankenhauses an der Weser, den Wiederaufbau des Hufelandbades, die Erweiterung der KGS Salzhemmendorf und Johann Comenius Schule in Emmerthal sowie diverse Straßenbaumaßnahmen und mitfinanzierte EU-Förderprojekte. Außerdem wurden die Krankenhausumlage an das Land aus dem Wesertal-Topf bezahlt und Schulden getilgt.

58,1 der 63,7 Millionen wanderten dagegen in die Rücklage. Die längerfristige Anlage des Geldes sei wirtschaftlich sinnvoll gewesen, die Zinserträge reichten in der Spitze bis zu 7,25 Prozent, sagt Sabine Meißner, Leiterin der Kreiskämmerei.

Doch die Rücklage schmolz von Jahr zu Jahr. Zunächst nahmen sich die Portionen, mit denen aktuelle Haushaltsbedürfnisse befriedigt wurden, noch bescheiden aus: 2001 wurden 3,6 Millionen für Zinszahlungen an die Verkehrsgesellschaft Hameln-Pyrmont entnommen, im Folgejahr 1,6 Millionen für außerplanmäßige Tilgungen.

Dann aber wuchsen die Begehrlichkeiten. In den Jahren 2003 und 2004 wurde die Rücklage um 9,6 bzw. 9,3 Millionen erleichtert. Erneut schulterte der Landkreis wichtige Investitionen wie den Umbau des Krankenhauses, den Neubau des Kreishauses, diverse Schul- und Sporthallenprojekte, Straßenbaumaßnahmen, Förderbeteiligungen und EDV-Anschaffungen aus den Wesertal-Erlösen.

Ende 2007 war mit 34 Millionen Euro nur noch etwas mehr als die Hälfte des Erlöses in der Kasse. 2009 und 2010 folgten die nächste Entnahmen, 5,1 bzw. 5,2 Millionen flossen erneut in das Krankenhaus, die Krankenhausumlage und EU-Kofinanzierungsprojekte, außerdem wurden Kindergärten, das Kreisarchiv, die Abraham-Lincoln-Realschule und die Berufsakademie bedacht sowie Fahrzeuge für den Katastrophenschutz angeschafft.

Aktuell befinden sich noch 23,7 Millionen Euro in der Rücklage, von denen 13,7 Millionen bereits für Investitionen bis 2013 verplant sind. Fünf Millionen sind für den Erwerb des Kreishaus-Grundstücks an der Süntelstraße reserviert, 8,7 Millionen unter anderem für die Oberschule Hessisch Oldendorf samt Bushaltestelle, die Eugen-Reintjes-Schule und die KGS Bad Münder.

In zwei Jahren wäre die Wesertal-Rücklage somit vollständig aufgezehrt. An die verbleibenden zehn Millionen käme der Landkreis vor 2020 jedenfalls nicht ohne Zinsverluste heran. Das heißt: 2014 verlässt der Landkreis die Komfortzone, Investitionen, die bislang aus der eigenen Rücklage finanziert wurden, müssen dann durch Kredite gestemmt werden.

Hinzu kommt, dass auch die Rücklage aus dem Verkauf der Krankenhaus-Mehrheitsanteile an die Sana AG (51,2 Millionen Euro) Ende 2013 ausgeschöpft sein wird.

„Die Wesertal-Millionen waren gut angelegt, denn durch sie wurden bleibende Werte geschaffen“, sagt Kämmerei-Leiterin Sabine Meißner. Nicht geblieben sind jedoch Arbeitsplätze, Wirtschafts- und Steuerkraft.

Ironie der Geschichte, dass inzwischen der Wesertal-Übernehmer e.on Westfalen Weser selbst nach Käufern sucht. Für einen Übergang in kommunale Hände. So schnell ändern sich die Vorzeichen.



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