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Kooperationen von Firmen und Bildungsstätten sind beliebt – doch Kritiker befürchten Einflussnahme

Wenn Unternehmen Schule machen

Hameln. Sie helfen, aber sie beeinflussen auch: Unternehmen, die in Schulen auftauchen. Sei es das Bewerbungstraining, das die Krankenkasse sponsert, oder der Finanzexperte im Unterricht. Wann immer sich Unternehmen in Schulen engagieren, verfolgen sie dabei auch ein eigenes Interesse. Der Initiative für Transparenz und Demokratie Lobbycontrol aus Berlin ist das ein Dorn im Auge. Ihrer Ansicht nach geht es den Firmen vor allem darum, Nachwuchs zu rekrutieren, Inhalte des Lehrstoffs zu beeinflussen und das Image des Unternehmens zu verbessern.

veröffentlicht am 17.06.2013 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 03.11.2016 um 19:41 Uhr

Autor:

VON ANDREA TIEDEMANN
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Auch in Hamelns Schulen sind regelmäßig Unternehmen zu Gast – wie etwa die Krankenkasse AOK. „Von der Grundschule bis zur letzten Klasse ist für alle etwas im Angebot“, sagt Pressesprecherin Sonja Meerhaut. Für die Kleinen gebe es Tipps für gesunde Ernährung, die Großen beschäftigten sich mit der eigenen Bewerbungsmappe. „Sie können etwa Bewerbungsfotos und beglaubigte Kopien bekommen.“ Die AOK gehe auf die Schulen zu; die wiederum seien sehr dankbar für die Unterstützung. Laut Meerhaut geht es dabei nicht in erster Linie darum, neue Kunden zu gewinnen.

Als „überhaupt nicht kritisch“ beurteilt der Sprecher des Stadtelternrats, Volker Schöpe, solche Veranstaltungen. Gerade beim Thema Bewerbung könnten Lehrer die Inhalte häufig nicht vermitteln. „Wenn die AOK da mithilft, ist das gut.“ Auch die Hamelner Schüler sind laut Stadtschülerrat froh über den Austausch und die Unterstützung. Kritische Stimmen sind dort nicht zu hören.

Der Hamelner Baufinanzdienstleister BHW ist mit vielen Hamelner Schulen in Kontakt. Auszubildende treffen mit Schülern zusammen, um ihnen die Berufsaussichten im Unternehmen näher zu bringen. „Das ist aber keine Werbung für unsere Produkte“, sagt Erwin Becker vom BHW Hameln. Ihm gehe es vor allem darum, geeigneten Nachwuchs zu gewinnen. In einem Projekt, das vor einigen Jahren im Albert-Einstein-Gymnasium (AEG) lief, und auf dessen Internetseite noch zu sehen ist, sollten Schüler mit Unterstützung des BHW eine Eigentumswohnung planen. „Wie finde ich eine Wohnung, die zu mir passt? Wie funktioniert die Finanzierung über eine Bank?“, heißt es dort. Dass es dabei in erster Linie um Werbung geht, verneint Becker. „Das war Teil einer umfassenden Kooperation mit der Schule.“

Bettina Schröder-Brautlecht, die beim AEG die Kooperationen betreut, sagt: „Die Zusammenarbeit mit der Hameln Group zum Beispiel ist eine Win-Win-Situation.“ Das Pharmaunternehmen habe die Schülerzeitung „großzügig ausgestattet“, im Gegensatz bekomme das Unternehmen bei Festen musikalische Unterstützung durch das AEG. Dass sich die Schule dadurch abhängig macht, glaubt Schröder-Brautlecht nicht. „Die Schülerzeitung hätten wir auch alleine organisieren können.“

Lobbycontrol bemängelt, dass auch externe Referenten in den Unterricht geschickt würden und dabei manchmal sogar die Rolle der Lehrkraft übernähmen. Auch das Schillergymnasium holt sich für die inhaltliche Unterstützung des Politik-Wirtschaftsunterrichts zum Beispiel die Sparkasse ins Haus. Themen wie „Was ist Geld?“ oder der Aufbau von Betrieben und Unternehmensformen ergänzen dann den Unterricht. Schulleiter Andreas Jungnitz sagt: „Man muss so etwas pädagogisch auffangen und gut vor- und nachbereiten.“ Schließlich gehe man nicht naiv und unkritisch an die Kooperation heran. Wichtig sei, so Jungnitz, die Transparenz bei solchen Veranstaltungen. Er ist von den Vorteilen der „Direktbegegnungen“ mit externen Referenten überzeugt. Denn der Blickwinkel aus der Praxis trage zu einem ganzheitlichen Unterricht bei. Dennoch könne dies nicht die pädagogische Arbeit ersetzen. „Schule muss unabhängig bleiben.“

Auch das niedersächsische Kultusministerium äußerte sich zu der Kritik. „Wir nehmen die Hinweise von Lobbycontrol zum Anlass, den entsprechenden Erlass erneut zu prüfen“, sagte eine Sprecherin. Bisher galt, dass Zuwendungen, die mit einem Werbeeffekt verbunden sind, von Schulen nur dann entgegengenommen werden können, wenn der Werbeeffekt hinter dem pädagogischen Nutzen deutlich zurückbleibt. „Wir haben vor, die Schulen für das Thema Lobbyismus zu sensibilisieren“, heißt es. Man denke über einen Leitfaden nach.

Wenn Unternehmen mit Schulen kooperieren, besteht die Gefahr, dass Jugendliche unbewusst Werbebotschaften verinnerlichen. cn



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