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Wenn Platt stirbt, verliert die Welt an Farbe

Wenn ich das Kleid mit der Ünnerböxe anziehe und die Blume auf dem Kopf habe, dann bin ich Brigitte die Plattdeutsche, dann denke ich auch auf Platt.“ Brigitte Wehrhahn präsentiert ihren Gästen auf den Bühnen im Weserbergland Kleinkunst auf Platt (eine „Ünnerböxe“ ist übrigens eine Unterhose mit Rüschen).

veröffentlicht am 28.03.2012 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 06.11.2016 um 17:41 Uhr

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Autor:

Monika Dietz
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Den Dewezet-Lesern wohlbekannt ist Fiffi Voss, der im wahren Leben Wilfried Voß heißt und seit Anfang der 1990er Jahre über 350 Geschichten auf Plattdeutsch veröffentlicht hat. Wenn er die Sprache beschreiben soll, zitiert er den Journalisten und Schriftsteller Kurt Tucholsky: „Manchen Leuten erscheint die plattdeutsche Sprache grob und sie mögen sie nicht. Ich habe sie immer geliebt. Das Plattdeutsche kann alles sein, zart und grob, humorvoll und herzlich, klar und nüchtern!“ Auch der niederdeutsche Lyriker und Schriftsteller Klaus Groth habe einst über das Niederdeutsche gesagt: „Das Plattdeutsche ist eine Sprache, die den Teufel auf den Nacken nimmt, aber mit Gott geht. Und sie macht alles Große klein.“

Gelernt hat Voß das Plattdeutsche von seiner Großmutter, die kein Wort Hochdeutsch gesprochen habe. Auch Wehrhahn hat die Sprache von ihren Großeltern gelernt. „Das Plattdeutsche geht übers Ohr“, meint sie. Das Lesen und Schreiben der Sprache sei schwierig. Doch sie versichert: „Lernen kann man es in jedem Alter.“ Sie plädiere dafür, dass ältere Menschen ehrenamtlich mit Kindern in der Schule Platt sprechen. „Sie können dann dieses Kulturgut aufnehmen und weitergeben, sonst ist irgendwann mal Schluss damit.“

Platt im Unterricht? Fehlanzeige an der Theodor-Heuss-Realschule, an der Pestalozzi-Schule und am Albert-Einstein-Gymnasium in Hameln. Doris Schneider, Deutschlehrerin an der Integrierten Gesamtschule und der Sertürner-Realschule in Hameln, könnte sich eine Arbeitsgemeinschaft im Fach Plattdeutsch für ihre Schüler vorstellen. Allerdings bezweifle sie, ob die Schüler das auch wollten. „Für viele ist Platt eine tote Sprache.“ Es sei zwar toll, wenn Großeltern mit ihren Enkeln Niederdeutsch sprechen, dies halte sie aber für „unrealistisch“.

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  • So wirbt der Landschaftsverband „Oldenburgische Landschaft“.

Ihren fünften Klassen hat Schneider das Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ auf Platt laut vorlesen und auf Hochdeutsch übersetzen lassen. Da heißt es dann: „Vom Fischer un syner Fru.“ Die Kinder hätten dabei viel gelacht. „Wir haben auch viele Schüler mit Migrationshintergrund, die fanden das richtig lustig“, berichtet die Lehrerin.

Das Niederdeutsche beschreibt Schneider als einen „Mischmasch aus Englisch und Deutsch“. Die Bedeutung der Wörter hätten sich die Schüler herleiten können. Nur drei Großeltern dieser Kinder haben noch Platt sprechen können, von den Eltern niemand mehr.

Im Lehrplan sei vorgesehen, die Regionalsprache im Unterricht zu thematisieren, so Schneider. Die Schüler sollten wissen, wo ihre Wurzeln sind. Sie selbst spreche kein Platt, verstehe es aber, weil es in ihrer Heimat in Schleswig-Holstein noch gesprochen werde, besonders auf dem Dorf und an den Küsten. Es sei wichtig, so Schneider, dass sich Schüler auch mit der Entwicklung ihrer Sprache und regionaler Kultur beschäftigen.

Nach Einschätzung der Unesco sind in Deutschland 13 Sprachen vom Aussterben bedroht. „Wenn sie aussterben, ist es ein Verlust, die Welt wird grauer und verliert an Farbe“, sagt Wehrhahn. Allerdings sei sie sicher, dass das Plattdeutsche nicht ausstirbt. „Es wird immer Menschen geben, die sich darum kümmern, dass es weitergeht.“

Für den Erhalt des Niederdeutschen setzen sich in Niedersachsen verschiedene Landschaftsverbände ein. Einer davon heißt „Oldenburgische Landschaft“, er veranstaltet Lesewettbewerbe, die Postkarten-Kampagne „Platt is cool“ (www.platt-is-cool.de) und wirkt mit am Bandfestival „Plattsounds“ (www.plattsounds.de). An den niedersächsischen Schulen läuft zurzeit außerdem ein Wettbewerb, der Kinder zum Gestalten von plattdeutschen Postkarten aufruft.

„Mit einem Aussterben der Sprache ist nach vorsichtigem Optimismus in den kommenden Jahren nicht zu rechnen“, sagt Stefan Meyer von der „Oldenburgischen Landschaft“. Im Privatbereich und in einigen Regionen wie in Ostfriesland sei Platt nach wie vor die erste Sprache.

Von rund zehn Millionen Sprechern des Plattdeutschen Mitte der 1980er Jahre gibt es heutzutage noch etwa zwei bis vier Millionen, von denen ein hoher Prozentsatz der älteren Generation angehört, berichtet Gabriele Diekmann-Dröge vom Institut für Germanistik an der Universität Oldenburg. Demnach gehöre das Plattdeutsche auch zu den Sprachen, die in Deutschland vom Aussterben bedroht sind. Nur selten werde das Niederdeutsche heute als Familiensprache von den Kindern gelernt.

Warum haben so viele Menschen aufgehört, Platt zu sprechen? Besonders nach dem Zweiten Weltkrieg befürchteten Eltern, dass ihre Platt sprechenden Kinder mit Bildungsnachteilen zu rechnen hätten und in Schule und Beruf nicht anerkannt würden, sagt Meyer. „Dadurch fehlt den Plattsnackern (Platt Sprechenden) quasi eine ganze Generation.“ Erst Jahre später sei eine Rückbesinnung auf Platt erfolgt, oft sei es Privat- und Familiensprache geblieben. „In einer globalisierten Welt war die ehemalige Handelssprache der Hanse auch nicht mehr zwingend notwendig“, erklärt Meyer.

Voß holt in der Geschichte weiter aus. Nach der Schlacht bei Langensalza 1866 sei das Königreich Hannover untergegangen. Die Preußen haben Hochdeutsch als Amtssprache eingeführt. „Damit blieb das Platt in den Dörfern.“

Welche Gründe gibt es dafür, das Plattdeutsche lebendig zu erhalten? „In einer globalisierten Welt, in der von unseren Kindern vermehrt Flexibilität und Mobilität verlangt werden, ist es wichtig, ihnen feste Wurzeln zu vermitteln, damit sie auf gestärkten Beinen ins Leben treten können“, sagt Meyer. Neben den Vorteilen einer frühen Mehrsprachigkeit sei die regionale Identität auch im sprachlichen Bereich von hoher Bedeutung. Platt sei ein „bedeutendes Kulturgut“, das nach einer Studie der Universität Oldenburg als „Erinnerungsort“ verstanden werde.

„Es gibt von Platt keine Grundform, die Sprache besteht nur aus Dialekten“, erklärt Meyer. Grob gesagt, werde im nördlichen Niedersachsen mehr Platt gesprochen als im Süden. Von Dorf zu Dorf seien die Dialekte unterschiedlich, merkt Voß an. „Das Eigenleben der einzelnen Dörfer spiegelt sich in den Sprachveränderungen des Niederdeutschen wider.“

In vielen Kindergärten und Schulen werde Plattdeutsch als „Fremdsprache“ angeboten, sagt Diekmann-Dröge. An der Universität Oldenburg würden gezielt Deutschlehrer ausgebildet, die Plattdeutsch mündlich und schriftlich unterrichten. In Hamburg sei Plattdeutsch seit Kurzem fester Bestandteil im Lehrplan, ergänzt Meyer.

Früher habe man in Hannover möglichst wenig Platt gesprochen, „damit die Städter nicht merken, dass man vom Lande ist“, erzählt Wehrhahn. Heute sei es gesellschaftsfähig geworden. Auch im Weserbergland sei es zu hören. Von den über 70-Jährigen im ländlichen Bereich sprächen mehr als die Hälfte noch Platt. Von der jüngeren Generation um die 30 würden es viele noch verstehen. Ein reines Hamelner Platt gebe es nicht, sagt Voß. Vielmehr spreche man wie auch in Celle, Magdeburg und Hannoversch Münden das Ostfälische Platt.

Für die ältere Bevölkerung gehöre das Plattdeutsche zum Leben. „Es ist ein Stück Farbe, die man in der Geschichte hat“, beschreibt Wehrhahn das Kulturgut, das es zu erhalten gelte. Denn das Hochdeutsche habe keine Emotionen und keine Farbe.

Warum verwendet die Künstlerin das Plattdeutsche für ihre Politsatire? „Ich finde, diese Sprache bringt alles auf den Punkt, und das gefällt mir sehr“, lautet die Antwort. Es sei die Sprache des Volkes. Natürlich sei Platt auch deftig und derb. Aber es sei auch mehr Gefühl darin.

Wilfried Voß ist der Meinung, dass man sich mit Platt im Alltag treffender ausdrücken kann als mit Hochdeutsch, ohne jemanden zu beleidigen. Es sei „nicht so brutal“ und vor allem humorvoll, eine Sprache der einfachen Leute, mit viel Herz und Gemüt.

„Manche Ausdrücke im Plattdeutschen sind so treffend, dass man sie gar nicht übersetzen kann“, sagt Annette Meier-Hoenicke, stellvertretende Leiterin des Schiller-Gymnasiums. Sie selbst spreche Platt, das nach ihrem Empfinden ein gewisses Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt. Allerdings werde das Niederdeutsche am Schillergymnasium nicht extra thematisiert. „Die meisten Schüler nehmen es als Witzigkeit hin.“ „Wenn man auf Platt kritisiert wird, tut es nicht so weh“, habe ihr einmal die SPD-Bundestagsabgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller gesagt, erzählt Wehrhahn. Zwar treffe es auch, aber nicht so hart wie das Hochdeutsche. „Es ist immer eine Prise Herz, Humor und Menschlichkeit dabei.“ Als Beispiel nennt sie die unschönen hochdeutschen Worte „Halt dein Maul“. Auf Platt hört es sich weniger beleidigend an: „Höolt däin Müul“.

Auf dem Lande kennen es noch die älteren Menschen. In der Stadt und bei jüngeren Leuten wird es selten gesprochen. Und doch hat es jeder schon einmal gehört: das Niederdeutsche, auch Plattdeutsche genannt. Was ist das für eine Sprache? Wer spricht sie noch?

„Dat Plattdöitsche schall den Minschen Fröide maken“, sagt Brigitte Wehrhahn. Unten: Holzschnitt des Hamelner Künstlers Rudolf Riege (1892-1959).Fotos: pr



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