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Von Rettungswagen auf Tingeltour und abgemeldeten Krankenhäusern

Wenn kein Klinikbett mehr frei ist

HAMELN. Wenn sich ein Krankenhaus abmeldet, wird es für Rettungskräfte häufig schwierig, eine andere Klinik zu finden, die die Patienten aufnimmt. Für die Retter beginnt dann in der Regel eine aufreibende Tingeltour, die einen Rattenschwanz an Folgen nach sich zieht wie stärkere Belastungen für Patienten, sinkende Verfügbarkeit von Rettungswagen für weitere Notfälle und Mehrbelastung umliegender Kliniken.

veröffentlicht am 08.04.2019 um 07:00 Uhr

Öfter mal auf Tingeltour: Wenn die Kliniken kein freies Bett haben, müssen die Retter mit den Patienten nicht selten weitere Wege auf sich nehmen. Foto: Dana
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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Ein Pfleger hatte der Dewezet kürzlich von beinahe täglichen Abmeldungen des Sana-Klinikums berichtet. Ein Rettungsassistent und der Landkreis hatten häufige Abmeldungen des Klinikums bestätigt.

Die Dewezet wollte es genauer wissen und hat die Zahl der Abmeldungen gemeinsam mit dem Landkreis und dem Leiter der Kooperativen Regionalleitstelle Weserbergland, Kay Leinemann, unter die Lupe genommen. Bei der Leitstelle müssen sich die Kliniken per Mail abmelden, wenn sie voll belegt sind. Wichtig zu wissen: Lebensbedrohliche Notfälle bekommen immer eine Erstversorgung.

Das Gleiche gilt für Patienten, die von Angehörigen gebracht werden. Oft werden Patienten sogar trotz Abmeldung aufgenommen, wenn die Sanitäter vor der Tür stehen und nicht mehr wissen wohin, erzählt eine Mitarbeiterin des Sana. Das bedeute viel Stress fürs Team, „denn wir melden uns erst ab, wenn nichts mehr geht“.

Betrachtet wurden bei der Leitstelle die ersten drei Monate des Jahres, weil in dieser Zeit das Patientenaufkommen besonders hoch sei, wie es heißt. Demnach war das Sana-Klinikum von Januar bis einschließlich 21. März insgesamt elf Mal komplett abgemeldet. Davon galt bei sechs Fällen die Einschränkung: „Nur nach Rücksprache mit der Intensivstation.“ Das heißt übersetzt so viel wie: Mit viel Glück kann der Patient doch aufgenommen werden. Drei weitere Male war das Krankenhaus nahezu komplett abgemeldet, nur in der Gynäkologie gab es noch Betten. Gleichzeitig galt die oben beschriebene Absprache-Regelung mit der Intensivstation. Bei mehr als der Hälfte der beschriebenen Abmeldungen war die Klinik bis zum nächsten Tag nicht mehr aufnahmefähig.

„Das ist viel“, meint ein Arzt, der anonym bleiben möchte. Zum Vergleich: Das Bathildis-Krankenhaus in Bad Pyrmont war im gleichen Zeitraum vier mal komplett abgemeldet. Noch höher wird die Zahl bei beiden, wenn man die Zeit dazurechnet, in der „nur“ einzelne Stationen abgemeldet waren. Das waren im Sana im genannten Zeitraum zweimal die internistischen Stationen, drei mal die Intensivstation, einmal die Gefäßchirurgie, einmal die Kardiologie und einmal sogar die Geburtshilfe samt Kreißsaal.

„Die Abmeldung der Geburtshilfe ist besonders prekär, da es sich hier um eine relativ unüberschaubare Situation für den Rettungsdienst und den Notarzt handelt“, sagt der Mediziner. Durch lange Wegezeiten in eine andere Klinik komme es bei einer Geburt im Rettungswagen zu mehr Komplikationen als in einem Krankenhaus, da es sich bei Rettungssanitätern nicht um Hebammen handelt und Notärzte in der Regel keine Gynäkologen sind und somit ein erhöhtes Risiko für die Mutter als auch für das Kind besteht“.

Zwei weitere Mal gab es keinen Platz mehr für „vermeintlich stationäre Patienten“ und 57 Mal keine Betten für Patienten, die isoliert werden müssen, weil sie beispielsweise den infektiösen MRSA-Keim in sich tragen. „Die Keimträger sind in Hochzeiten ein Problem für sich“, erklärt der Mediziner: „Wenn es keine Isolierbetten mehr gibt, müssen extra Patientenzimmer gesperrt werden. Das heißt, aus Mehrbettzimmern wird ein Einzelzimmer, das anschließend gründlich gereinigt werden muss.“

Zurück zu den Rettungskräften. Ihre Arbeit wird durch die Abmeldungen, auch wenn es sich „nur“ um Fachstationen handelt, maßgeblich erschwert. „Ich möchte einfach mal normal arbeiten können“, sagt ein Rettungsassistent aus dem Landkreis über die nervenaufreibende Tingeltour. Und wo genau die Grenze bei einem akuten Notfall verläuft, sei auch nicht immer klar. „Um die Schwere einer Erkrankung einzuschätzen, ist Diagnostik notwendig, die häufig im Rettungswagen nicht erfolgen kann,“ erklärt der Arzt.

Der Rettungsassistent berichtet von einer Frau mit der Diagnose „akutes Abdomen“. Das könne von harmlosen Darmkoliken bis zu einem geplatzten Blinddarm alles beinhalten. Über eine Stunde habe sie in einer Arztpraxis warten müssen, bis ein Bett für sie in Bad Pyrmont gefunden war. Bis zum Sana wäre es von dort näher gewesen, sagt er.

In einem anderen Fall berichtet eine Angehörige von einer älteren Patientin in allgemein schlechtem Zustand mit sehr niedrigem Blutdruck sowie Blut im Stuhl und im Erbrochenen. Aufgenommen wurde sie weder in Hameln noch in Bad Pyrmont – beide Kliniken waren abgemeldet. Schließlich fanden die Rettungskräfte ein Bett für die Frau in der Deister-Süntel-Klinik in Bad Münder. Dort sei sie am nächsten Tag verstorben.

Information

Rettungssanitäter und Leitstelle warten auf Ivena

Probleme mit Abmeldungen gibt es auch in der Region Hannover. Dort waren vor einiger Zeit neurologische und internistische Stationen von Kliniken über einen längeren Zeitraum nicht in der Lage, Notfallpatienten aufzunehmen. Das belegte eine interne Statistik der Regionsverwaltung. Als Grund wurde Personalmangel genannt. Aufgeschreckt von den Daten forderte die CDU-Fraktion der Region Antworten vom Präsidenten der Region (das Pendant zum Landrat in Hameln-Pyrmont). Der wiederum suchte das Gespräch mit den Kliniken. Das Ergebnis war ein elektronisches System mit dem Namen Ivena, das es den Kliniken im Internet ermöglicht, Abmeldungen direkt einzutragen. Für die Rettungssanitäter hat das System den Vorteil, dass sie auf einen Blick sehen, welches Krankenhaus sie anfahren können. Auch die Hamelner Leitstelle wartet seit Längerem auf das Ivena-System, wie der Leiter Kay Leineweber berichtet. Doch die Finanzierung sei nicht abschließend geklärt. Zur Wahrheit gehört auch: Der webbasierte Belegungsnachweis löst das eigentliche Problem – die Verbesserung der Notfallversorgung und des Bettenmanagements – nicht. Es dient nur der Darstellung des Ist-Zustandes.



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