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Zu Besuch in der 2a in Rohrsen

Wenn der Migrantenanteil den Unterricht sprengt

HAMELN. Manche Kinder kennen auch in der zweiten Klasse kaum Buchstaben. Eltern lehnen die Förderung ihres Kindes mit Verweis auf die „Tradition“ ab. Und manchmal tauchen Schüler gar nicht mehr zum Unterricht auf. Schulalltag in Rohrsen. Wir haben den Unterricht der Klasse 2a besucht. Zwölf von 15 Kindern haben einen Migrationshintergrund.

veröffentlicht am 16.04.2018 um 18:17 Uhr

Der Unterricht in der 2a an der Grundschule Rohrsen ist oft schwere Basisarbeit: Nur 3 von 15 Schülern würden das Klassenziel derzeit erreichen. Foto: doro
Dorothee Balzereit

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Dorothee Balzereit Reporterin / ViaSaga zur Autorenseite
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An die Tafel der Klasse 2a in der Grundschule Rohrsen ist eine Bildergeschichte gepinnt. Es dauert eine Weile, bis die Kinder erklärt haben, was dort zu sehen ist. Am meisten Schwierigkeiten bereitet die Überschrift. Denn zunächst muss geklärt werden, was der Begriff bedeutet. Auch das dauert. Wenn Klassenlehrerin Julia Krenke nicht den Überflieger der Klasse drannehmen will, muss sie gleich mehrere Gänge runterschalten, denn von 15 Kindern haben 12 einen Migrationshintergrund.

Information

Fakten zur Grundschule Rohrsen

65 Prozent der der Kinder in der Grundschule haben einen Migrationshintergrund, darunter viele rumänischstämmige.

38 Prozent leben an der Rohrser Warte/Kuckuck.

14 Prozent kommen ohne jegliche Deutschkenntnisse in die Schule.

22 Prozent haben geringe Deutschkenntnisse.

27,8Prozentaller Schüler haben zusätzlichen Sprach-Förderbedarf in „Deutsch als Zweitsprache“. Von den beantragten 50 Stunden Sprachförderung wurden der Schule 25 Stunden für 36 Kinder unterschiedlicher Altersstufen gewährt. Der Bedarf für das nächste Schuljahr liege bei 50 bis 60 Stunden.

Gäbe es morgen Zeugnisse, würden drei Schüler das Jahr schaffen. Es sind die drei Deutschen. Die Arbeit in der Klasse ist eine Herausforderung für die Lehrerin. Ihr bleibt keine ruhige Minute, meist hilft sie einem nach dem anderen. Nachmittags schreibt sie Wochenpläne für einzelne Schüler, so unterschiedlich ist der Wissensstand. Intern unterteilen die Lehrer in der Klasse fünf Gruppen: Die Spanne geht von der ersten, die kaum Buchstaben kennt, bis zur fünften, die aus einem Schüler besteht, der extra gefordert werden muss. „Es ist schwer allen gerecht zu werden“, sagt Julia Krenke.

Nach einer Weile wechselt sie mit vier von zehn Schülern den Raum. Die Extra-Sprachförderung ist dran. Die übrigen arbeiten mit der pädagogischen Mitarbeiterin an vorbereiteten Aufgaben. „Ohne die Hilfe des Vereins SAM würde es nicht funktionieren“, sagt Schulleiterin Birgit Albrecht.

Ein Teil der Schüler fehlt an diesem Tag, unter anderem ein rumänischstämmiges Mädchen, dass sein Fach vor einigen Tagen komplett ausgeräumt hat. Die Lehrerin bezweifelt, dass sie in nächster Zeit auftaucht. „Vielleicht in ein paar Monaten“. So etwas komme öfter vor. Die Fluktuation ist groß. Von den 14 Kindern, mit denen die Klasse einst startete, sind nur noch sechs da. Bei einem anderen Mädchen vermutet die Lehrerin, dass sie der sonderpädagogischen Begutachtung aus dem Weg gehen wollte, die schon am Tag vorher begonnen hat. Insgesamt werden in der Klasse für drei Kinder Gutachten geschrieben, zwölf für die ganze Schule – soll viele wie nie zuvor.

Mehr Stunden für Sprach-, Lern- oder anderweitige Förderung genehmigt die Landesschulbehörde der Schule dennoch nicht – im Gegenteil: Nach Auflösung der Sprachlernklasse im letzten Jahr folgt nun die Streichung von vier Extra-Stunden für Schulen, die viele Kinder mit Migrationshintergrund haben sowie vier Stunden für Schulen in sozialen Brennpunkten. Der Erlass von 2013 endet ab August ersatzlos.

Und ob die bisher zugewiesenen neun Stunden für vorschulische Sprachförderung wegfallen, weil die Sprachförderung ab dann den Kitas obliegt, kann Albrecht nicht sagen. Bisher wird sie von Grundschullehrern geleistet, die in die Kita kommen. Dort sähe Birgit Albrecht die Stunden weiterhin lieber. Denn wenn die Schule die Stunden zurückbekommt, müsste sie sie wohl gleich wieder an andere unterversorgte Grundschulen abgeben, weil die Unterrichtsversorgung in Rohrsen dann bei 104 Prozent läge. „Dabei fehlt es hier an allen Ecken“, sagt die Schulleiterin. „Das geht an die Substanz der Mitarbeiter.“ Die Sprachlernklasse aufzulösen, sei ein Riesenfehler gewesen. Neben sinkenden Flüchtlingszahlen bezeichnete das Kultusministerium die dauerhafte Beschulung der Migranten in einer Klasse als kontraproduktiv, „Zugleich werden aber auch die beantragten Stunden zur Sprachförderung in jahrgangsübergreifenden Förderkursen auf ein Minimum zusammengestrichen“, sagt Albrecht.

Bei der Mitarbeit von Eltern müssen die Lehrer ebenfalls oft Abstriche machen. Fünf von 15 waren beim letzten Elternabend, sagt Julia Krenke. Die Verständigung sei oft schwierig. Und selbst wenn, ist es manchmal problematisch: Eine rumänischstämmige Mutter, die von Mathelehrerin Silke Lilienthal auf die Begabung ihrer Tochter hingewiesen wurde, erklärte, auch sie wünsche sich Bildung für ihre Tochter, aber das sei in der Tradition nicht vorgesehen.

Mein Standpunkt
Dorothee Balzereit
Von Dorothee Balzereit

Bei Brennpunktschulen wie der Grundschule Rohrsen sollte nach dem realen Bedarf geschaut werden, anstatt weiter zu kürzen und die Situation schönzureden. Ob die von Minister Grant-Hendrik Tonne beschriebene Talsohle wirklich durchschritten ist, bleibt abzuwarten. Auch bei den angekündigten Neueinstellungen wurden noch nicht die Lehrer gegengerechnet, die in Pension gehen.



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