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Modernisierung des Katasteramts steht in der Kritik: Perfektion der 30er-Jahre-Architektur zerstört

Wenn das historische Erbe auf der Strecke bleibt…

Hameln. Sünde. Für den Archäologen Joachim Schween sind die jüngsten Modernisierungsarbeiten am Katasteramt in der Falkestraße 11 schlicht Frevel am Bau. Das einst dominierende Gliederungselement der Gebäudefassade, das feingliederige, über Eck greifende, hohe Treppenhaus mit den hellen Sprossen und den Milchglasfenstern gibt es nicht mehr: Es wurde durch eine massive, graue Konstruktion in Sprossenoptik ersetzt, die sehr viel klobiger ausfällt als das Original und in dem baulichen Umfeld fremd wirkt. „Eine energetische Sanierungsmaßnahme“, vermutet Schween, „die aber ohne Rücksicht auf die gelungene historische Architektur durchgeführt wurde.“

veröffentlicht am 22.11.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2016 um 15:21 Uhr

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Autor:

Karin Rohr
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Die stammt aus den Jahren 1931/32, ist von kubischer Formstrenge, ohne unnötige Schnörkel und unübersehbar von der Bauhaus-Architektur inspiriert. Deren Ideale hatten die Architekten von damals verinnerlicht: „Wenn man modern bauen wollte, dann so“, sagt Schween. Nicht von ungefähr sind die großen Architekten jener Jahre fast alle durch die Bauhaus-Schule gegangen. Über den Regierungsbaurat Jacobs vom Preußischen Staatshochbauamt, der das Gebäude entworfen hat, weiß man zwar kaum etwas, aber was er geschaffen hat, zählt zu den besten Behördenbauten dieser Stadt. „Noch konsequenter sind die Ideale des neuen Bauens damals nur bei der alten Reese-Fabrik umgesetzt worden“, erklärt Schween. Die aber wurde – obwohl sie unter Denkmalschutz stand – im Jahr 2000 abgebrochen und hat einem Profanbau Platz gemacht. Unter Denkmalschutz steht das Katasteramt zwar nicht, ist sich Schween sicher, aber ein vergleichbares, architektonisch wertvolles Bauwerk aus der Zeit gebe es sonst nicht. Als Behördengebäude war es von Beginn an konzipiert. Das Katasteramt zog dort ein. Und ursprünglich auch noch ein paar weitere Behörden. Als das Gebäude in den 50er Jahren erweitert werden musste, hielt man sich an die Optik: Die Übergänge zwischen „alt“ und „neu“ sind fließend und fügen sich harmonisch in die Gesamtkonstruktion. Eine Besonderheit ist der geometrische Eingang neben dem Treppenhaus, der nur aus rechten Winkeln aufgebaut und jetzt wohl auch Geschichte ist: Die Treppe wurde bereits abgerissen, die Mauer mit der charakteristischen Rundung an der Brüstung ist auch schon verschwunden. Dass hier vermutlich ein behindertengerechter Aufgang geschaffen wird, tröstet Schween nicht. Unter kunsthistorischen Aspekten sei der Eingriff ein Jammer. Schon in ihrem 2004 im Verlag CW Niemeyer erschienenen Buch „Hameln – Bilder einer Stadt aus acht Jahrhunderten“ haben die Autoren Joachim Schween und Bernhard Gelderblom das Katasteramt als großartiges Beispiel für die funktionale 30er-Jahre-Architektur in Hameln gewürdigt.

Sowohl der Archäologe Schween als auch der Historiker Gelderblom engagieren sich im Vorstand des Vereins für regionale Kultur- und Zeitgeschichte Hameln e.V.: „Indem wir uns mit der Vergangenheit befassen, wollen wir ein Bewusstsein für das noch Vorhandene schaffen und die gegenwärtigen Veränderungen und Planungen kritisch begleiten“, erklären die beiden. Und dazu zählen nicht zuletzt herausragende Bauwerke aus den 30er oder 50er Jahren: „Gerade der Wert von modernen Bauten des vergangenen Jahrhunderts wird gern unterschätzt“, weiß Schween. Und längst nicht alles, was architektonisch wertvoll ist, steht unter Denkmalschutz. Das Katasteramt, das zu den Landesliegenschaften gehört, ist so ein Beispiel. „Bei allem Verständnis für Modernisierungsmaßnahmen, die perfekte Architektur dieses 30er-Jahre-Gebäudes wurde zerstört“, steht für Schween und Gelderblom fest.

Der Eingriff in die Bauhausoptik des Katasteramtes in der Falkestraße ist für Joachim Schween eine Bausünde: Treppenhaus und Eingangsbereich wurden verändert, die Perfektion der 30er-Jahre-Architektur blieb auf der Strecke.

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Foto: Wal/pr

Der ursprüngliche Eingang und das Treppenhaus des Katasteramtes. Bei Dunkelheit kamen die Milchglasscheiben des 30er-Jahre-Gebäudes besonders gut zur Geltung.

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