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Die Menschen vom Marienhof, ihr Kampf gegen den Atomstrom und die Suedlink-Pläne

Wenn das Blatt sich wendet

Die Abkehr von atomarer Energie hin zu nachhaltiger Energieversorgung ist ohne Begleiterscheinungen nicht machbar – für die Menschen auf dem Marienhof eine Selbstverständlichkeit. Sie bekommen Naturstrom und haben ihre Dächer vor zehn Jahren mit Photovoltaik ausgestattet. Als die elf Windräder nach Heyen kamen, haben sich die Biolandwirte bewusst dafür entscheiden, das Papier der sich schnell gegründeten Bürgerinitiative gegen die Höhenmeiler nicht zu unterschreiben. „Ich war immer für die Energiewende, auch heute noch.“ Nur über das „wie“ gingen die Meinungen auseinander, sagt Sobottka.

veröffentlicht am 06.05.2014 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 11:21 Uhr

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Autor:

Nina Reckemeyer
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Das Paar hat die Energiewende von jeher dezentral verstanden: Energieerzeugung in Bürgerhand. In den letzten Jahren hätte Sobottka Entwicklungen in diese Richtung auch mit Erfolg beobachten können. Den Suedlink aber empfindet er als Instrument einer zentralen Energieerzeugung – und der Gewinner in diesem Spiel sei ein Konzern, nicht die Menschen. Mit der Trasse habe man jetzt einen Punkt erreicht, an dem mehr und mehr Landschaft verbraucht würde, einigermaßen bedenkenlos und ohne Landschaft als etwas Erhaltenswertes anzusehen, erklärt Zeller. Jetzt ist mal gut.

Sobottka und Zeller waren noch nie Freunde von Verallgemeinerungen und Vorurteilen, das Gespräch mit ihnen zeigt das deutlich. Grund zur Beunruhigung, wenigstens aber zur Skepsis dem Suedlink gegenüber, liefert den Biobauern jedoch gleich eine Reihe von Faktoren. Auf einem Spiralblock hat der studierte Landschaftsplaner die vielen Informationen und Kritikpunkte zum Suedlink mühevoll zusammengetragen.

Zum einen sei eine Bodenzerstörung auf ihren Äckern unumgehbar – in ihren wirtschaftlichen Auswirkungen aber absehbar: Für die Fläche, auf denen die Fundamente der Strommasten errichtet würden, bekämen die Landwirte eine einmalige finanzielle Entschädigung. Pro Maststandort vielleicht 1000 Euro, überlegen sie. Eine Entschädigung für ihren Verlust an Lebensqualität, sagt das Paar, gäbe es nicht, genauso wie keine für den Wertverlust des Landes. Und die Wahl zu sagen, „nee, nee, wir wollen den Suedlink auf unserem Land lieber nicht“, auch nicht. Bei einem Projekt mit gemeinnützigem Interesse dieser Größenordnung werde man zwangsenteignet, erklärt Sobottka. „Um die Entschädigung geht es mir gar nicht“ und auch nicht darum, den Suedlink nicht vor der eigenen Haustür zu haben. Die Alternative wäre ja immer, dass irgendjemand mit dieser Trasse leben müsse, erklären die beiden. Aber dass mit den jetzigen Plänen die beste Lösung gefunden sei, diesen Eindruck haben sie eben nicht.

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Ein Thema, das die Biobauern besonders verunsichert, ist, dass es so gut wie keine Untersuchungen und Studien dazu gäbe, ob und welche Gefahren eine so große Gleichstromleitung für die Menschen birgt, die unter ihr leben. Im Outback in Australien gibt es eine solche Trasse, erzählen sie, aber dort sei sie eben im Outback. Wie weit die Elektrosmog-Abstrahlung reiche, wie sehr Magnetfelder, die sich um die Trasse bildeten, Schadstoffe in die Luft schickten, wisse niemand genau. Sobottka fühlt sich in eine Versuchssituation geschubst.

Eine Möglichkeit, mit dem Suedlink leben zu können, sehen die Marienhöfler in einer unterirdischen Leitung. Das wäre auch eine Weise, mit der die Landschaft weniger zerfasert würde. Das Gebot der Bündelung, den Gedanken, nicht noch mehr Natur zu zerschneiden, werde bei den Plänen im Ilsetal aber „konterkariert“. Tennet plant die neue 500-kV-Trasse nördlich von Börry und Esperde. Die bestehende 380-kV-Leitung führt südlich der Dörfer entlang. „Bei der südlichen Variante wäre eine Erdverkabelung im Windpark Heyen erforderlich, was zusätzliche Kosten mit sich bringt. Tennet plant deshalb den billigeren oberirdischen Umweg nördlich der Dörfer“, sagt Sobottka. „Für mich wirkt das, wie eine ‚Geiz-ist-geil-Philosophie‘ “. Und die „ungenaue Darstellung“, mit der Tennet niedersachsenweit vier alternative Trassenverläufe präsentiere, ist für Sobottka „Vernebelungstaktik“. Er fordert eine wirkliche Offenlegung der Trassenalternativen. „Selbst Tjark Bartels als Landrat werden diese Informationen nicht zur Verfügung gestellt. Bürgerbeteiligung wird zur Farce“, sagt der Landwirt. Hier auf seinem Hof blüht zur Zeit der Blauregen an der Hausfassade, es riecht nach Land und hinter den Gewächshäusern der Gärtnerei breitet sich ein Blick über weite Felder aus. Bald wird man hier auf die Masten der Höchstspannungsleitung schauen, auf ihre Stromseile, die in 80 Meter Höhe über Sobottkas 102 Hektar baumeln, würden die Pläne wahr gemacht. Sorgen machen sie sich ob der folgenden Generation. Sobottka und Zeller haben zwei Kinder im Alter von 11 und 13 Jahren, die alles einmal weiterführen könnten. „Die wollen schon hier leben, aber nicht unter einer Stromtrasse.“ Vier Familien in Esperde bestreiten ihren Lebensunterhalt mit der Arbeit auf dem Marienhof. Ob die Groß- und Kleinkunden das unter der Trasse gediehene Gemüse noch wollen – die Verunsicherung für die Planung ist ihnen sicher, sagen Sobottka und Zeller. Sie hoffen den Suedlink – diese Form der Energiewende – noch abwenden zu können und eine bessere Lösung zu finden, als die, die weite Landschaftszüge beeinträchtigt. „Das wird heute so schnell vergessen, dass man was erhalten soll“, sagt Zeller.

Um die Optik geht es Sabine Zeller und Helmut Sobottka vom Marienhof gar nicht. Da gibt es schließlich schon das Atomkraftwerk, dessen Stromtrasse und die Windräder, die das Landschaftsbild im Ilsetal prägen. Dass aber mit dem Suedlink auch noch eine Höchstspannungsleitung über ihr Land baumeln könnte, deren Folgen für den Menschen nicht genauer untersucht sind, beunruhigt die Biobauern.nin

Die Windräder in Heyen gehören zur Energiewende, finden Zeller und Sobottka. Konsequenzen des Suedlinks fürchten sie für die nächste Generation – sollte die, neben den Leitungen für das AKW, unter Deutschlands Stromautobahn leben.

Helmut Sobottka und Sabine Zeller leben auf einem Bauernhof mit 700-jähriger Tradition. Seit 25 Jahren betreiben sie Biolandwirtschaft, seit 1975 setzt sich Sobottka gegen Atomkraft und für erneuerbare Energien ein. Jetzt kommt sie, die Energiewende und bringt eine 500-kV-Gleichstromleitung mit. Die größte, die Deutschland je gesehen hat – geradewegs durch Sobottkas Gemüseäcker. Auf dem Marienhof in Esperde regen sich Bedenken.



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